Pionierin der Citykirche
Wenn Brigitta Kühn am Sonntagmorgen in die reformierte Kirche in Zug geht, dann oft früher als die meisten. Eine halbe Stunde vor Gottesdienstbeginn sitzt sie bereits in einer der vorderen Reihen. Zusammen mit drei, vier weiteren Menschen, die seit Jahren fast immer da sind. Manchmal zitieren sie scherzend den an einen Bibelvers angelehnten Satz: «Wenn zwei oder drei unter euch sind, dann bin ich mitten unter euch.» Ein Witz, der verrät, dass diese Frau Kirche nie nur ernst genommen, sondern auch neu gedacht hat.
Für Brigitta Kühn ist Kirche nie einfach ein Ort gewesen, sondern ein Stück Leben. «In dieser Kirche hat eigentlich mein ganzes Leben stattgefunden», sagt sie. Hier wurde sie getauft, konfirmiert und verheiratet. Ihre Kinder wurden hier getauft, ihre Enkel teilweise ebenfalls konfirmiert. Freudige und schwere Momente, Abschiede und Neuanfänge, alles sei mit diesem Ort verbunden.
In der Kirche zur Ruhe kommen
Nächstes Jahr wird Kühn 80 Jahre alt. Im Sommer tritt sie aus der Steuergruppe der Citykirche Zug zurück, die sie vor über 20 Jahren mit aufgebaut hat. Ganz loslassen können wird sie wohl trotzdem nie. Wer mit ihr spricht, merkt schnell: Hier sitzt keine Frau, die sich selbst wichtig nimmt. Obwohl sie jahrzehntelang Verantwortung getragen hat. 1992 wurde sie in die Pfarrwahlkommission gewählt, 2003 in die Kirchenpflege, später war sie acht Jahre Kirchenpflegepräsidentin. In ihre Zeit fielen das 100-Jahr-Jubiläum der Kirche, der Glockenaufzug, der Bau des neuen Kirchenzentrums – und die Entstehung der Citykirche Zug.
Doch wenn Kühn erzählt, spricht sie weniger von Projekten als von Menschen und Atmosphären. Etwa davon, wie wichtig ihr der Gottesdienst bis heute ist. Früher sei diese Stunde am Sonntag oft die einzige Zeit gewesen, die wirklich ihr gehört habe. Drei Kinder, Haushalt, pflegebedürftige Eltern, das Leben an der Seite eines Arztes mit eigener Praxis. «Mein Tag war immer durchorganisiert», sagt sie. «Und die Kirche war die einzige Stunde, in der einfach Ruhe war.»
Beruf: Freiwillige
Damals habe sie gelernt, Verantwortung anders zu leben. Über ehrenamtliches Engagement. «Meine Berufstätigkeit war die Ehrenamtlichkeit», sagt sie und lacht. Sie engagierte sich unter anderem als Präsidentin der Frauenzentrale Zug, gründete Benevol mit oder leitete das «Zuger Bündnis gegen Depression». «Ich hatte ein wunderbares Leben», sagt sie. «Und ich wollte auch etwas zurückgeben.»
Die Idee für die Citykirche Zug entstand Anfang der 2000er-Jahre. Kirche öffnen, neue Formen ausprobieren. Spiritualität mit Kunst, Musik und gesellschaftlichen Themen verbinden. Nicht alle seien am Anfang begeistert gewesen. Manche hätten befürchtet, die traditionellen Angebote der Kirche könnten konkurrenziert werden. Doch Kühn und ihre Mitstreiter wagten es trotzdem. Plötzlich gab es Ländlermusik in der Kirche. Apéros zwischen den Kirchenbänken.
Kunstinstallationen und Gesprächsabende. Einmal stand sogar ein echtes Pferd mit Reiterin mitten in der Kirche. «Ich bin heute noch stolz darauf», sagt Kühn und lacht. Wichtig sei aber nie der Effekt gewesen, sondern die Frage, wie Kirche Menschen erreichen könne, die sonst kaum einen Gottesdienst besuchen würden. «Wir wollten zeigen, was Kirche auch sein kann.»
Eine Begegnung zeigt für sie besonders schön, wie gut das gelungen ist. Eine ältere katholische Frau habe regelmässig Veranstaltungen der Citykirche besucht und irgendwann gesagt: «Das ist jetzt meine Kirche.» Genau das habe man erreichen wollen.
Sorge tragen zu dem, was trägt
Heute beobachtet sie die Veränderungen der Kirche aufmerksam. Die Gottesdienste haben weniger Besuchende, besonders nach Corona habe es einen deutlichen Bruch gegeben. Viele ältere Menschen seien verstorben oder hätten sich daran gewöhnt, Gottesdienste zu Hause am Fernsehen mitzufeiern.
Trotzdem klingt Brigitta Kühn nicht bitter. Eher nachdenklich. Sie glaubt nicht, dass Kirche zwingend attraktiver werden müsse. «Vieles ist eigentlich schon da.» Vielmehr müssten die Menschen wieder offener werden und der Kirche nochmals eine zweite Chance geben. Sie selbst hat diese Offenheit nie verloren. Ihr Glaube sei heute nicht mehr der Kinderglaube wie früher, sagt sie. Nicht der strafende «Liebgott», sondern ein tiefes Vertrauen. «Dass du begleitet bist. Und dass es eigentlich nie fertig ist.»
Ganz aufhören wird Brigitta Kühn auch jetzt nicht. Dafür ist die Verbindung zu tief. Aber sie wolle bewusst loslassen, Verantwortung abgeben und jüngeren Menschen Raum geben. Leicht falle ihr das nicht. «Es macht schon ein bisschen weh», sagt sie leise. Und doch klingt darin auch Dankbarkeit mit. Für die Kirche. Für die Menschen. Für eine grosse Familie mit Kindern und Enkelkindern. Und für ein Leben voller Beziehungen. Denn am Ende, sagt Brigitta Kühn, sei genau das das Wichtigste gewesen: «Einfach da sein. Im Moment sein. Und Sorge tragen zu dem, was trägt.»
Pionierin der Citykirche