Der «rote Pfarrer» und die Welt voller Götter
Kein anderer Theologe hat es mit seinem Antlitz auf die Titelseite der «Times» und des «Spiegels» geschafft. Seine Werke stehen weltweit in den Bibliotheken der Theologischen Fakultäten. Bis heute wird Karl Barth als Kirchenvater des 20. Jahrhunderts verehrt. Doch fragt man die Studenten, so wissen diese über den Basler Theologen nicht viel mehr, als dass er der Vater der Dialektischen Theologie ist. Für den pastoralen Nachwuchs hat Karl Barth vor allem eine historische Bedeutung.
Nicht so für die Literatur: Autoren wie der Amerikaner John Updike oder der Deutsche Martin Walser greifen in ihren Werken aufs Barths Theologie zurück. So findet die Romangestalt Lambert in Updikes «Das Gottesprogramm» in seinem Bücherregal das entscheidende Zitat des Basler Theologen: «Es gibt keinen Weg von uns zu Gott. Der Gott, der am Ende irgendeines menschlichen Weges stünde selbst dieses Weges wäre nicht Gott.» Gott lässt sich nur als das völlig andere glauben.
Theologie vor dem Hintergrund des Ersten und Zweiten Weltkriegs
Gerade diese Spannung zwischen säkularer Welt und der Sehnsucht nach Transzendenz sei es, welche die moderne Literatur anspreche, sagt Georg Pfleiderer, Professor für Systematische Theologie an der Universität Basel. Karl Barth sei die Antwort der Theologie auf das 20. Jahrhunderts gewesen. Seine Werke entstanden vor dem Hintergrund der Grausamkeiten des Ersten und Zweiten Weltkrieges, im Gefühl, Gott habe die Welt verlassen. «Der barthsche Ansatz war für viele Christen nach der Erfahrung von Auschwitz der einzig mögliche», meint Georg Pfleiderer. Die meisten anderen theologischen Strömungen hätten sich nationalistisch kompromittiert.
In seiner Theologie hielt Barth der westlichen Gesellschaft den Spiegel vor. Er zeigte ihr die Schwierigkeit, durch Besinnung auf sich selbst, auf religiöse Gefühle oder durch die Praxis religiöser Traditionen zu einem klaren Gottesbild zu kommen, erklärt Georg Pfleiderer. «Wir sind darauf angewiesen, dass Gott sich selber zur Sprache bringt. Und dies geschieht für Christen nur durch die Offenbarung in Christus.»
Doch was lässt sich von Gott sagen, wenn er vollkommen anders ist? In einem seiner letzten Interviews gab Karl Barth die Antwort selber: «Das letzte Wort, das ich als Theologe und auch als Politiker zu sagen habe, ist nicht ein Begriff wie Gnade, sondern ein Name: Jesus Christus.» Er ist Gnade, und er ist das Letzte, jenseits von Welt und Kirche, auch von Theologie. Wir können ihn nicht einfach einfangen. Aber wir haben es mit ihm zu tun. Um was ich mich in meinem langen Leben bemüht habe, war in zunehmendem Masse, diesen Namen hervorzuheben und zu sagen: dort. Dort ist auch der Antrieb zur Arbeit, zum Kampf, auch der Antrieb zur Gemeinschaft, zum Mitmenschen. Dort ist alles, was ich in meinem Leben in Schwachheit und Torheit probiert habe.»
Der «rote Pfarrer» musste das Deutsche Reich verlassen
Der Pfarrer von Safenwil war bald als Professor nach Göttingen und dann nach Bonn berufen worden. Immer wieder kritisierte Karl Barth die Nationalsozialisten. An der Bekenntnissynode in Berlin Dahlem geisselte er 1934 das Schweigen der Christen zur Judenverfolgung. Ein Jahr später musste der «rote Pfarrer», wie er wegen seiner Mitgliedschaft in der SP bezeichnet wurde, das Deutsche Reich verlassen. Karl Barth kehrte nach Basel zurück, wo er den Lehrstuhl für Systematische Theologie übernahm.
Der Theologe äusserte sich auch in der Nachkriegszeit immer wieder zu politischen Themen und eckte entsprechend an. Symbolhaft lag neben der Bibel die Tageszeitung auf seinem Schreibtisch. Für Barth hatte der christliche Glaube eine gesellschaftspolitische Konsequenz.
Bis heute hält man am Rheinknie Barths Erbe hoch. Das Karl-Barth-Archiv ediert fast jährlich einen neuen Band der Werkausgabe. Regelmässig bietet die Theologische Fakultät Basel Lehrveranstaltungen zu Barth an, veranstaltet zusammen mit dem Archiv und der Karl-Barth-Stiftung Tagungen und veröffentlicht neue Publikationen zu dessen Schaffen. Ein «Karl-Barth-Zentrum für Theologie» soll bald gegründet werden.
Heute sprechen alle über das Geld Das sind unsere Götzen
Die Verantwortlichen wollen seinen Nachlass nicht in verstaubten Regalen konservieren und museal verwalten. Sie verstehen seinen Ansatz als produktive Anfrage an die Moderne. Doch heute laute die Fragestellung nicht mehr, wie kann man in einer gottlosen Zeit vom biblischen Gott reden, sondern wie tut man dies in einer Welt voll neuer Religionen und Götter, meint Pfleiderer. «Wir leben in einer von Göttern besiedelten Welt.» Pfleiderer erkennt die gesellschaftlichen Götzen im Geld, in der Kommunikationstechnologie oder im Bedürfnis nach Sicherheit. «Wo dein Herz ist, da ist dein Gott», zitiert der Systematiker den Reformator Luther. «Heute sprechen alle über das Geld und die finanzielle Vorsorge im Alter. Das sind unsere Götzen, denen wir blindlings unser Vertrauen schenken.»
Gerade den Glauben an die Finanzwelt und an die Pensionskassen hätte Karl Barth scharf kritisiert, ist Pfleiderer überzeugt. Karl Barth hätte sich zum Paradox geäus-sert, dass unsere hoch versicherte Gesellschaft auf dem apokalyptischen Grund der Finanzwelt stehe. «Wir vertrauen beispielsweise auf unser Vermögen, fühlen uns sicher und verdrängen oft, dass wir unsere Altersvorsorge an die Spielregeln des Casino-Kapitalismus gebunden haben.»
Theologie im Härtetest
«Vorträge und kleinere Arbeiten 19301933», so lautet der Titel des 49. Bandes der Karl-Barth-Gesamtausgabe. Ein unspektakulärer Titel für ein Buch, das einen für Theologie und Kirche wichtigen Zeitabschnitt behandelt: das Ende der Weimarer Republik und die Machtergreifung Adolf Hitlers. Karl Barth beruft sich in dieser Zeit vehement auf die Botschaft des Evangeliums. Denn die Schergen Hitlers nisten sich auch in der Reformierten Kirche ein. Der bevorstehende Kirchenkampf lässt Karl Barth Fragen an Kirche und Theologie stellen, die ihr Tun und Handeln kritisch durchleuchten. Inhalt, nicht äussere Gestalt sind für ihn wichtig. Doch Karl Barths Positionen werden nicht von allen geteilt und entzweien die zaghafte kirchliche Widerstandsbewegung.
Die Vorträge und kleineren Arbeiten geben einen tiefen Einblick in Karl Barths Denken und Wirken. Im Schatten des Nationalsozialismus unterzieht er Theologie und Kirche einem Härtetest.
Karl-Barth-Gesamtausgabe, Bd. 49, Zürich, Kleine Arbeiten und Vorträge 19301933: TVZ, 2013, XXII/654 Seiten, Leinen mit Schutzumschlag, ISBN 978-3-290-17708-9
Tilmann Zuber
Der «rote Pfarrer» und die Welt voller Götter