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Buckelwal Timmy

«Der Unterschied vom Mensch zum Tier wird kleiner»

von Marius Schären/reformiert.info
min
24.04.2026
Die höchsten Wellen wirft das Schicksal eines Buckelwals in der Ostsee medial. Warum das – und andere Todeskämpfe von Tieren nicht? Ethiker und Theologe Mathias Wirth antwortet.

Anfang März wurde der Buckelwal erstmals in der Ostsee gesichtet – allein das ist aussergewöhnlich. Zwar lebt die Walfischart mit bis maximal 18 Meter Grösse in allen Ozeanen, aber normalerweise nicht in Binnenmeeren wie der Ostsee.

Vor etwas mehr als drei Wochen lief er dann bei der deutschen Stadt Wismar nahe der Insel Poel quasi auf Grund auf. Er bekam den Namen Timmy oder auch Hope, und seither werden rund um die Uhr News in den Medien und auf Social Media geboten.

Diverse Rettungsversuche – auch privat finanzierte von Unternehmern, die nicht speziell für soziales Engagement bekannt sind – sollten dem gut zwölf Meter langen und etwa 1.6 Meter hohen Buckelwal in tieferes Wasser verhelfen. Mal sah es gut aus, dann wieder nicht. Sowohl daran, was zu tun ist, scheiden sich die Geister, als auch an der Berichterstattung darüber.

 

Mathias Wirth

Der Deutsche ist evangelisch-reformierter Theologe und Professor für Theologische Ethik. Ab 2018 war er Assistenzprofessor für Systematische Theologie/Ethik und Leiter der Abteilung Ethik und Diakoniewissenschaft an der Theologischen Fakultät der Universität Bern. 2023 wurde Wirth im Fach Systematische Theologie habilitiert, seit 2024 leitet er das Institut für Systematische Theologie. Ausserdem ist er seit 2023 geschäftsführender Herausgeber der Zeitschrift für Evangelische Ethik (ZEE).

 

Täglich töten Menschen zig Millionen Tiere für den Konsum tierischer Produkte, und es sterben Milliarden Tiere aller Art eines natürlichen Todes. Warum beschäftigt uns Timmys Schicksal so stark?

Mathias Wirth: Das ist verständlich: Der Wal ist in eine Küstenregion geraten, die stark vom Menschen beeinflusst ist, möglicherweise sind menschliche Einflüsse sogar der Grund fürs Stranden des Wals. Und vor allem: Sobald Wildtiere in unseren Blick geraten, bewegt uns das, wenn sie leiden. Da steckt ethisch eine zentrale Erkenntnis drin: Es zeigt, dass es Menschen nicht egal ist, wie es dem Leben um uns ergeht. Und das Ergreifende an der Walgeschichte ist ja irgendwie: Der Unterschied vom Menschen zum Tier wird plötzlich kleiner, es wird plötzlich zu einer Art Mitgeschöpf auf Augenhöhe durch sein Leid.

Ein Grund ist wohl auch die Einzigartigkeit des Ereignisses und die gute Sichtbarkeit?

Ja, und weil es so ausserordentlich ist, lässt es sich auch viel besser bearbeiten als das alltägliche Leid von Tieren, das wir zwar als ethisch problematisch einschätzen, es aber oft nicht gegen den Widerstand der Gewöhnung angehen. Nun gibt es auch die Möglichkeit zu moralischem Heldentum, was ich gar nicht zynisch meine, sondern es ist eine wichtige Vergewisserung: Wir können etwas Gutes versuchen und oft ist da überhaupt nichts Übermenschliches, sondern eher Menschliches oder konkreter Enpathisches gefragt; natürlich in enger Abstimmung mit relevanten interdisziplinären Perspektiven dazu. Im Fall des Wals ist das wesentlich die Veterinärmedizin.

Das Schlachten hingegen ist alltäglich und unsichtbar.

Und es ist für viele begründbar: Fleisch ist eine kulturell als wichtig präsentierte Eiweissquelle in unserer Ernährung etabliert, und der Konsum wird auch mit Genuss verbunden. Dabei ist aber zu sagen, dass das massenhafte und industrielle Töten von Tieren moralisch nicht rechtfertigen ist.

Sehen Sie weitere GrĂĽnde fĂĽr die riesige mediale Aufmerksamkeit in Europa?

Das ist jetzt Spekulation: Mir scheint es durchaus möglich, dass ein Grund auch darin liegt, dass hier ein punktuell greifbares Problem lösbar wirkt, auch wenn es in der Sache nicht simpel ist, wie verschiedene Interventionen und Einschätzungen der letzten Wochen zeigen. Aber angesichts der Ohnmacht gegenüber anderen grossen Problemen in der aktuellen Weltlage, die nicht so einfach lösbar scheinen, kann es der Moral und Weltsicht etwas aufhelfen, sich in der Walgeschichte den guten Seiten des Menschen mitsamt der Möglichkeit zur Hilfe ohne jeden Eigennutz zuzuwenden.

Alle Wesen sind bedeutsam, auch ein Schlachthuhn oder eine Fliege. Doch diese Haltung tatsächlich zu leben, ist eine Herausforderung oder gar Überforderung.

Wie kann ich aus philosophischer oder christlicher Sicht begründen, dass ich so mitleide mit diesem einen Buckelwal in der fernen Ostsee – aber mich jeder Tod einer Fliege in meiner Wohnung kalt lässt?

Das ist ein berechtigter Punkt. Wir schauen oft stark selektiv auf die Welt. Wenn nun ein grosses Säugetier höchstwahrscheinlich mit einem dem unsrigen vergleichbaren Schmerzempfinden hilflos im seichten Wasser liegt, weckt das Emotionen. Gleichzeitig ist gerade aus christlicher Perspektive zu sagen: Alle Wesen sind bedeutsam, auch ein Schlachthuhn oder eine Fliege. Doch diese Haltung tatsächlich zu leben, ist eine Herausforderung oder gar Überforderung. Daher liegen uns eben demonstrative Handlungen nahe wie die Rettungsversuche von Timmy. Doch auch diese helfen, das Gute in der Schöpfung zu sehen und dass Leben insgesamt zu achten und zu schützen ist.

Es gibt Menschen, die sich sorgen und darum für Timmys Rettung einsetzen – und Menschen, die sich sorgen und sagen: lasst ihn einfach in Ruhe. Wer hat aus welcher Warte welche Argumente?

Beides kann moralisch gerechtfertigt sein, sowohl die Intervention – wie oben begründet – als auch das Sein-Lassen. Auf Letzterem beruht gerade auch die Ethik des Sabbat: Während einer bestimmten Zeit sollen die Tiere einfach in Ruhe gelassen werden, und da gehört zum Leben auch das Sterben dazu. Diese Haltung vertreten bei Timmy auch Fachleute. Doch welcher Weg der richtige ist, muss immer situativ von Fachpersonen und den politisch Verantwortlichen entschieden werden, und in einem Fall über so lange Zeit kann sich dies auch ändern. Hinzu kommt: Es nicht immer eindeutig, was richtig ist, Moral kann eben nicht einfach aus einem Lehrbuch oder Kodex hergeleitet werden.

 

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