Zwischen Gurus, Gott und grauen Eseln
Es beginnt nicht mit einem Urteil, sondern mit einer Frage: Warum schliesst sich ein Mensch einer religiösen Bewegung an, die befremdlich wirkt? Warum folgt jemand einem Guru, gibt Gewissheiten auf, ordnet sich ein? Joachim Finger hat sich diese Fragen nicht aus sicherer Distanz gestellt. Er ist ihnen nachgereist. Indien. Ashrams. Gespräche unter einfachsten Bedingungen. Beobachtungen, die sich nicht sofort einordnen lassen. «Ich sah vieles, was ich nicht verstand», sagt Finger. Und genau das hat ihn festgehalten.
Heute gilt der reformierte Pfarrer als einer der erfahrensten Kenner von Sekten und neuen religiösen Bewegungen in der Schweiz. Doch wer ihm zuhört, merkt schnell: Hier spricht keiner, der vorschnell warnt oder verurteilt. Finger analysiert – und er hört genau hin. «Wir haben uns immer gefragt: Was ist gesunde Religiosität und was macht abhängig?» Dieser Satz zieht sich durch sein Leben wie ein roter Faden.
Die Faszination des Fremden
Dabei begann alles ganz anders. Joachim Finger studierte Sozialwissenschaften, Ethnologie, politische Wissenschaften und Religionsgeschichte. Früh zog es ihn nach Indien, zu Guru-Bewegungen, zu religiösen Aufbrüchen. Was ihn faszinierte, war weniger das Exotische als das Rätselhafte: religiöse Praxis, die sich nicht einfach erklären liess. Er reiste, forschte, blieb. Rund 50 Ashrams hat er besucht, Gespräche geführt, Dynamiken beobachtet. Manche Begegnungen haben sich eingeprägt. Etwa jener Guru in einem kleinen Dorf, ohne Bewegung, ohne Inszenierung. «Er hatte eine unglaubliche Ausstrahlung, die war authentisch», sagt Finger. Menschen kamen einfach zu ihm – nicht wegen einer religiösen Organisation, sondern wegen seiner Präsenz.
Viele Bewegungen funktionierten anders. Sie wuchsen, wurden grösser, strukturierter – und entwickelten ihre eigene Logik. «Sobald eine Bewegung wächst, braucht sie Infrastruktur – und damit Geld», sagt Finger. Gerade westliche Anhänger hätten oft eine besondere Rolle gespielt. Mit ihnen kamen neue Erwartungen, neue Möglichkeiten und neue Spannungen.
Man soll den Dialog nicht abbrechen lassen mit den Kindern, den Freunden, die auf einmal Mitglied einer Sekte sind. Fragt nach bei ihnen, lasst nicht locker, seid neugierig.
Was ihn dabei beschäftigte, war weniger die Form als die Wirkung. Wann stärkt Religion einen Menschen – und wann beginnt sie, ihn zu untergraben? Diese Frage wurde existenziell, als Finger in den 1980er-Jahren Teil einer kirchlichen Fachgruppe wurde, die sich mit Sekten beschäftigte. Damals war das Thema aufgeladen. Eltern bangten um ihre Kinder, Medien sprachen von «Gehirnwäsche», in den USA kursierten Methoden, um Menschen gewaltsam aus diesen Sekten herauszuholen.
Finger und seine Kollegen gingen einen anderen Weg. «Wir waren immer für Dialog. Gespräch. Anregung zum Nachdenken», sagt er. Statt auf Druck setzten sie auf Beziehung. Statt auf Abbruch auf Kontakt. «Man soll den Dialog nicht abbrechen lassen mit den Kindern, den Freunden, die auf einmal Mitglied einer Sekte sind. Fragt nach bei ihnen, lasst nicht locker, seid neugierig.»
Zwischen Analyse und Alarmismus
Für ihn war klar: Niemand gerät zufällig in eine solche Bewegung. «Es hat in dem Moment gepasst – wie Schlüssel und Schloss», sagt er. Wer verstehen will, muss diese Passung verstehen, die Bedürfnisse, die Fragen, die Brüche. Auch Konflikte hat er erlebt. In den 1990er-Jahren, in der Auseinandersetzung mit der Bewegung VPM, wurden die Diskussionen aggressiv. Veranstaltungen standen unter Polizeischutz, Autos wurden kontrolliert. «Das war eine angespannte, teils aggressive Szene», sagt Finger.
Doch selbst dort blieb er bei seinem Ansatz: analysieren statt dramatisieren. Vielleicht ist es kein Zufall, dass ihn genau diese Arbeit zurück zur Kirche geführt hat. «Ich habe die Kirche wieder schätzen gelernt – bis zu dem Punkt, wo ich sagte: Das ist meine Heimat.» 1986, am Ende seiner Dissertation, kam die Entscheidung mit einer plötzlichen Eingebung: Er wollte Theologie studieren.
Sobald mit Gott gedroht wird oder Druck entsteht, werde ich hellhörig.
Der Weg zurĂĽck zur eigenen Mitte
Doch auch als Pfarrer blieb er Beobachter und Brückenbauer. Sein Glaube ist geprägt von dem, was er gesehen hat. «Ich glaube, dass es nur einen Gott gibt – aber er lässt sich auf verschiedene Art erfahren», sagt er. Im Christentum sei er zu Hause, vor allem in der Gestalt Jesu. Gleichzeitig habe er im interreligiösen Dialog gelernt, andere Wege ernst zu nehmen. Problematisch wird es dort, wo Angst entsteht. «Sobald mit Gott gedroht wird oder Druck entsteht, werde ich hellhörig», sagt er.
Heute ist Joachim Finger, 70, pensioniert und doch weiterhin unterwegs. In Predigten, in Gesprächen und in Projekten des interreligiösen Dialogs – und dazwischen beim Heumachen für zwei Esel, die einst seinen Töchtern gehörten und heute noch immer bei ihm zu Hause sind. Und immer wieder auch ganz konkret: mit der Schaufel in der Hand, bei archäologischen Ausgrabungen in Israel. Vielleicht passt dieses Bild besonders gut. Ein Mann, der gräbt. Der Schicht um Schicht freilegt. Denn wer verstehen will, warum Menschen glauben, muss bereit sein, unter die Oberfläche zu gehen.
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Zwischen Gurus, Gott und grauen Eseln