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Sommerserie: Wandern auf spirituellen Pfaden – Auf dem Jakobsweg zu den Beatushöhlen

Die Höhle der Drachen

von Noemi Harnickell
min
11.07.2026
Auf dem Pilgerweg zu den St.-Beatus-Höhlen begegnet man einem Drachen, einem jahrhundertealten Streit um eine Kapelle und einem Ausblick, den einst sogar Goethe genoss. Teil 2 der Sommerserie «Wandern auf spirituellen Pfaden».

Wir sind nicht die einzigen, die an diesem Sonntag die Beatushöhlen besuchen wollen, wohl aber die einzigen, die über den Jakobsweg dorthin laufen. Das hat seinen Grund: Es ist 35 Grad warm und die Höhlen locken mit konstanten 8–10 Grad. Für die meisten Leute ist heute das Ziel das Ziel, nicht der Weg dahin. Nur wir folgen den Spuren früherer Pilger, die vor der Reformation den oftmals langen Weg zur Wallfahrtskapelle bei den Höhlen auf sich nahmen.

Wir, das sind Online-Redaktorin Nicole Noelle und ich. Es sind nicht nur die kühlen Temperaturen in den Höhlen, die uns faszinieren. Das Höhlensystem führt rund tausend Meter in das Innere des Niederhorn-Massivs, hinein in ein Labyrinth aus Grotten und menschengrossen Tropfsteinen. Der Legende zufolge soll hier nicht nur ein irischer Einsiedler gelebt haben, sondern auch ein feuerspeiender Drache.

Märchenhaftes Berner Oberland

Wir beginnen unsere Wanderung in Merligen. Fast hätten wir aus dem Bus eine Pilgergruppe gemacht, als zwei motivierte Väter bei der Haltestelle Beatus ebenfalls bereit sind, mit den Kindern im Arm auszusteigen. Erst der Hinweis, dass es von hier aus noch gute anderthalb Stunden Weg sind, lässt sie zurück auf ihre Plätze sinken.

Merligen dürfte auch Mär-ligen heissen, so märchenhaft verträumt liegt das Dorf am Nordufer des Thunersees. Zwischen den Chalets stehen Palmen – fast vergessen wir einen kurzen Augenblick, dass wir gar nicht am Mittelmeer sind. Das Kleinklima spiegelt sich auch in der Natur wider: 38 verschiedene Orchideenarten blühen entlang der Hänge!

 

Palmen und Pilgern: Mitten durch Merligen führt der Jakobsweg, als Route 4 Teil des Schweizer Wanderwegnetzes. | Foto: Nicole Noelle

Palmen und Pilgern: Mitten durch Merligen führt der Jakobsweg, als Route 4 Teil des Schweizer Wanderwegnetzes. | Foto: Nicole Noelle

 

Wir folgen dem Wegweiser Richtung Beatushöhlen auf der Via Jacobi aus dem Dorf hinaus und durch den Wald. Immer wieder lichten sich die Bäume und geben den Blick auf den Niesen und den hellblauen Thunersee frei, der sich unter uns ausbreitet. In der Ferne ertönt das Horn des Schiffs, das in Sundlauenen an- und ablegt und Gäste zu den Höhlen bringt. Der Weg schlängelt sich auf einem schmalen Kiesweg den Hang hinauf, vorbei an einer gedeckten Holzbrücke. Die Luft ist hier besonders. Selbst in der drückenden Sommerhitze wirkt der Wald schützend und angenehm kühl. Trotzdem kommen wir ins Schwitzen, als der Weg kurz vor dem Ziel noch einmal hundert Meter ansteigt. Dennoch: Wir sind froh, nicht den längeren Uferweg genommen zu haben, der zwei Stunden über sonnenbeschienenen Asphalt führt.

 

Auf den Spuren früher Pilger: Der alte Jakobsweg führt durch Wald, abseits der Menschenmassen, die heute meist direkt zu den Höhlen fahren. | Foto: Nicole Noelle

Auf den Spuren früher Pilger: Der alte Jakobsweg führt durch Wald, abseits der Menschenmassen, die heute meist direkt zu den Höhlen fahren. | Foto: Nicole Noelle

 

Wallfahrten lösten Konflikte aus

Vor der Reformation war dieser Weg viel begangen. Pilger wanderten von so entfernten Orten wie Unterwalden – heute aufgeteilt in die Halbkantone Obwalden und Nidwalden – über den Brünigpass zur Wallfahrtskapelle vor dem Eingang der Höhlen. Sie verehrten Beatus als Landesheiligen und Glaubensboten der Schweiz. 1528 liess die Berner Regierung im Zuge der Reformation die Kapelle abreissen und den Höhleneingang zumauern, um den Wallfahrten ein Ende zu setzen. Das löste ein regelrechtes Seilziehen zwischen den Konfessionen aus: Die katholischen Unterwaldner brachen die Mauer wieder auf, Bern mauerte sie erneut zu. Über die Jahre wurde die Mauer mehrmals abgebrochen und wieder aufgebaut, bis die Berner Regierung 1935 schliesslich eine reformierte Kirche auf dem Beatenberg errichtete. Ein Gegengewicht zum Kult um die Beatushöhlen.

Die Kapelle steht heute nicht mehr. Auch der Kult um die Höhlen hat sich gewandelt. Abgeklungen ist er allerdings nicht. 2024 besuchten fast 180'000 Gäste die St. Beatus-Höhlen, ein Rekord-Hoch. 2025 eröffnete der «Flimboweg». An interaktiven Stationen erfahren Kinder mehr über Höhlenforschung, Wasser und Geologie – im Namen natürlich von Flimbo, dem Drachen.

 

Sommerserie: Wandern auf spirituellen Pfaden

In unserer Sommerserie führen wir Sie zu einem religiösen oder spirituell geprägten Ort mitten in der Natur. Spiritualität wird hier niederschwellig erlebbar, fernab von Kanzel und Kirchenbank. Und wer sich partout nicht bekehren lässt, findet vielleicht trotzdem einen Moment der Stille – und sei es nur bei einem kühlen Bier zum Schluss, gerne auch alkoholfrei.

Erscheinungsdaten:
11. Juli: Aus dem Hamsterrad des Alltags ausbrechen
11. Juli: Die Höhle der Drachen: Auf dem Jakobsweg zu den Beatushöhlen
18. Juli: Auf Zwinglis Spuren durch die Wildnis: Sihlwald und Kloster Kappel
25. Juli: Zwischen Grotten, Göttern und Gemüsebeeten: Ermitage Arlesheim und Kloster Dornach
8. August: Eine Hand voll GlĂĽck in der Verenaschlucht

 

Der Drache lebt

Den Drachen hatte der Heilige Beatus eigentlich in den Thunersee getrieben. So erzählt es jedenfalls die Legende. Beatus war ein irischer Missionar, der in die Schweiz kam, um den Helvetiern das Christentum zu bringen. Nach getaner Missionsarbeit soll er sich als Einsiedler in die Beatushöhlen zurückgezogen haben. Weil im Berginnern allerdings bereits ein Drache hauste, rief Beatus die Dreifaltigkeit an und vertrieb den Drachen mit seinem Kreuz. Der Drache stürzte in den See.

 

Dort unten, irgendwo im Thunersee, soll der Drache versunken sein, den der Heilige Beatus einst mit seinem Kreuz aus den Höhlen vertrieben hat. | Foto: Nicole Noelle

Dort unten, irgendwo im Thunersee, soll der Drache versunken sein, den der Heilige Beatus einst mit seinem Kreuz aus den Höhlen vertrieben hat. | Foto: Nicole Noelle

 

So richtig ertrunken ist er damals allerdings nicht. Im Gegenteil: Als wir uns den Höhlen nähern, bekomme ich immer mehr den Eindruck, dass er sich auch noch vermehrt hat. Er liegt auf dem Spielplatz, Kinder klettern in seinen weit geöffneten Mund und über die Zacken auf seinem Rücken. Er lauert in den Felsen am Höhleneingang und lächelt den jungen Besucherinnen und Besucher beim Museum zu.

Wunderwelt im Felsen

Es ist einfach zu glauben, dass in diesem Berg einmal ein Drache lebte. Die Höhlen sind feucht und modrig. Das Rauschen des Bachs könnte im Dunkeln auch mit dem Speien von Feuer verwechselt werden. Aber neben dem Ungeheuer muss St. Beatus auch die Wunder erkannt haben, die bis heute in den Höhlen zu sehen sind. Weitläufige Grotten und Hallen, Stalaktiten, die von der Decke hängen, meterhohe Stalagmiten, die wie riesige Kerzen aus dem Boden ragen. Im Licht der Laternen schimmern sie in warmen Gelb- und Brauntönen. An mehreren Stellen stürzt das Wasser als unterirdischer Wasserfall über Felskanten in die Tiefe.

 

Stalaktiten und Stalagmiten wachsen im Berginnern zu einer Wunderwelt heran, kein Wunder, dass hier einst ein Drache vermutet wurde. | Foto: Nicole Noelle

Stalaktiten und Stalagmiten wachsen im Berginnern zu einer Wunderwelt heran, kein Wunder, dass hier einst ein Drache vermutet wurde. | Foto: Nicole Noelle

 

Über 297 Treppenstufen dringen wir immer tiefer in die Höhlen ein. Insgesamt sind 14 Kilometer des Höhlensystems erforscht, zugänglich ist jedoch nur ein Kilometer. Der Weg passiert enge Schluchten, in denen sich das Wasser über Jahrtausende in den Fels gegraben hat. Er führt vorbei an Gletschermühlen – kreisrunde, glattgeschliffene Vertiefungen im Gestein, die rotierende Steine im eiszeitlichen Schmelzwasser ausgehöhlt haben.

Goethe war ein frĂĽher Tourist

Alleine in den Höhlen zu leben, darauf können Nicole und ich verzichten. Darüber sind wir uns einig, als wir wenig später beim Imbiss am Höhleneingang eine Portion Pommes Frites essen und den amerikanischen Touristen zusehen, die den Wasserfall fotografieren, der unter uns den Hang hinunterfliesst.

Wer weiss, vielleicht ass an dieser Stelle einst auch Johann Wolfgang von Goethe sein Mittagessen, nachdem er 1779 die Beatushöhlen «durchkletterte». Vermutlich hätten wir uns gekreuzt, wären wir Zeitgenossen: Goethe war auf seiner Wanderung durch das Berner Oberland Richtung Thun unterwegs, dort wo unser Ausflug begann. Man kann Goethe nur zustimmen, wenn er über die Wanderung schreibt: «Kein Gedanke, keine Beschreibung, noch Erinnerung reicht an die Schönheit und Grösse der Gegenstände, und ihre Lieblichkeit in solchen Lichtern, Tageszeiten und Standpunkten.»

 

Startpunkt: Busstation Merligen, Beatus
Ziel: St. Beatus-Höhlen
Dauer: 1,5 Stunden (reine Wanderzeit)
Schwierigkeitsgrad: mittel
Highlights unterwegs: Tropfsteingrotten in den St.-Beatus-Höhlen, Panoramablick auf den Thunersee mit Aussicht auf den Niesen
Einkehren: Restaurant Stein ­& Sein 
Wanderkarte: Link zu Swisstopo/public.geo.admin.ch
Anreise Ă–V: Ab Bahnhof Thun mit Bus 21 bis Haltestelle Merligen, Beatus (Richtung: Interlaken Ost, Bahnhof)
Rückreise: Ab Beatushöhlen mit Bus 21 bis Thun (Richtung: Thun, Bahnhof)
Öffnungszeiten Höhlen: Täglich 9–18 Uhr (Fr und Sa bis 21 Uhr),
Eintritt: Erwachsene: Fr. 20.–, Kinder (ab 6 Jahren): Fr. 12.–, Familienkarte: Fr. 52.–
Tipps: Anstatt zu wandern, kann man auch das Schiff zu den Höhlen nehmen. Abfahrt ab Thun (See) bis Beatushöhlen-Sundlauenen. Dauer: 1,5 Stunden. GA und Halbtax werden berücksichtigt.

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