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Manuel Schmid

Die Vielfalt kann auch schmerzen

von Roman Salzmann
min
29.09.2026
Verschiedene Frömmigkeitsstile in der Landeskirche haben zwei Seiten: Sie zeugen von Vielfalt und bergen Konfliktpotenzial. Einer, der dies aufgrund seiner eigenen Biografie weiss, ist Manuel Schmid.

Manuel Schmid berichtet im Thurgau am Forum Gemeindeentwicklung über seine Glaubenserfahrungen und seinen kirchlichen Werdegang (siehe Infokasten). Er schlug einen eher untypischen Weg ein und wurde vom Pastor der Freikirche ICF (International Christian Fellowship) zum Cheftheologen der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS). Im Interview erklärt er, was dahintersteckt und welche Chancen verschiedene Frömmigkeitsstile bieten.

 

Herr Schmid, warum sind Sie als ehemaliger ICF-Pastor heute Leiter des EKS-Kompetenzzentrums Theologie & Ethik?
Weil das Leben immer wieder Überraschungen bietet. (lacht) Als ich als Twentysomething meine Stelle als Pastor in der jugendlich-frechen Kirche ICF antrat, hätte ich mir diese Entwicklung jedenfalls nie träumen lassen.

Es war auch kein geradliniger, bruchloser Weg – und ich gehöre nicht zu den Menschen, die rückblickend sagen: Ich würde nochmals alles genau gleich machen. Aber ich habe in allen Phasen und Stationen meines Lebens nicht nur wertvolle Menschen kennengelernt und Freunde fürs Leben gewonnen, sondern auch enorm viel gelernt: über die Vielfalt religiöser Erfahrungen und den Reichtum des Glaubens, aber ebenso über die Abgründe toxischer Spiritualität und problematischer Strukturen. All das nehme ich heute in meine Arbeit bei der EKS mit.

Hand aufs Herz: Wie erleben Sie den «evangelischen Thurgau» von aussen?
Ich bin Ostschweizer und werde vom Rest der Schweiz wahlweise mit Thurgauern oder St. Gallern verwechselt. Für einen Schaffhauser ist das hart, weil er natürlich weiss, dass da Welten dazwischenliegen. (lacht)

Im Ernst: Die Thurgauer Kirche habe ich vor allem über Christina Aus der Au kennengelernt (Präsidentin des Kirchenrats der Evangelischen Landeskirche Thurgau, Anmerkung der Redaktion). Uns verbindet seit ihrer Zeit an der Universität Basel eine jahrelange Freundschaft – sie hat mir Theologie und Kirche auf Thurgauerisch ausgesprochen sympathisch gemacht.

Letztes Jahr durfte ich zudem in Weinfelden ein Modul des Evangelischen Theologiekurses leiten: eine tolle Truppe mit hoch engagierten Religionspädagoginnen und einer wunderschönen Kirche, in die ich mich in den Pausen gern zurückgezogen habe. Alles, was ich bisher von der Thurgauer Kirche gesehen und kennengelernt habe, stimmt mich also ausgesprochen positiv. Ich gebe aber gern zu: Das ist ein oberflächliches und anekdotisches Urteil.

Was ist der Hintergrund der Frömmigkeits-Landschaft?
Ich finde die Landschaft als Metapher sehr treffend. Sie ist offener als ein Korridor, ein Tunnelsystem oder eine Weggabelung: Da ist viel Platz für unterschiedliche Erfahrungen, und es gibt die Freiheit, sich von einem Ort zum anderen zu bewegen. Es gibt sogar die Freiheit, in einer gewissen Distanz zu anderen zu leben, ohne deshalb die gegenseitige Wertschätzung aufzugeben.

Gleichzeitig ist diese Landschaft kein undurchdringliches Geheimnis. Man kann Entdeckungen machen, neues Land erschliessen, neue Routen ausprobieren, andere Hügel und Täler besuchen – und dabei durchaus sich selbst bleiben.

 

Als Gedankenanstoss gedacht – eine fiktive Thurgauer Landkarte der Frömmigkeitsstile. (Bild: zVg)

Als Gedankenanstoss gedacht – eine fiktive Thurgauer Landkarte der Frömmigkeitsstile. (Bild: zVg)


«Bedrohung oder Bereicherung» – wie ernst ist das gemeint?

Ziemlich ernst. Vielfalt ist ein Geschenk und eine Bereicherung, aber sie ist eben auch anstrengend und manchmal schmerzhaft. Social Media Algorithmen funktionieren nicht ohne Grund nach einer Bubble-Logik: Sie verbinden Gleichgesinnte, die dieselben Vorlieben und nicht selten auch dieselben Feindbilder pflegen. Im Glauben ist das nicht grundsätzlich anders.

Es kann enorm herausfordernd sein, sich mit Menschen auseinanderzusetzen, die geistlich völlig anders «verkabelt» sind. Ich habe biografisch viele unterschiedliche Formen von Frömmigkeit und auch einige Extreme erlebt und weiss, wie fremd, befremdend oder sogar abstossend bestimmte Glaubensformen wirken können. Besonders unheimlich – und zugleich heilsam – wird es dann, wenn man plötzlich vom eigenen Glauben in einer früheren Lebensphase befremdet ist. (lacht)

Warum bezeichnen Sie sich als Bubble-Jumper?
Ich habe längst noch nicht alles erlebt, was die Frömmigkeitslandschaft zu bieten hat, aber doch einiges: Der Gitarrenchor in einer traditionell-konservativen Freikirche, bei dem man gebetet hat, dass bald das letzte Lied kommt; Posaunenchor-Konzerte, nach denen man drei Wochen Tinnitus hatte; charismatische Lobpreisabende, bei denen man nach der 147. Wiederholung desselben Refrains befürchtete, der Worshipleiter habe einen Sprung in der Platte; erschlagende Eingangslieder mit der Kirchenorgel, die einen tonnenschwer in die Kirchenbank drücken; oder Sologesang mit Tüchertanz einer naturbewegten reformierten Schamanin.

Ich fühle mich längst nicht überall gleich wohl und würde heute sicher auch nicht mehr alles mitmachen. Aber ich habe in praktisch allen Traditionen und Stilen zutiefst aufrichtige, liebenswürdige Menschen kennengelernt – und ebenso Schieflagen und toxische Tendenzen beobachtet.

Was sind Ihre drei liebsten Bubbles?
Auf Platz 1 landet wohl die theologisch-neugierige reformierte Bubble: Menschen, die vor keinem Gedanken Angst haben, Gott auch mit dem Kopf lieben und bei schwierigen Fragen nicht gleich nervös werden. Da fühle ich mich inzwischen ziemlich zuhause.

Und auf Platz 2 die unspektakulär-persönliche Bubble: ein paar Menschen, ein Tisch, vielleicht ein Glas Wein, ehrliche Gespräche über Gott und die Welt, und niemand muss so tun, als hätte er Glauben und Leben im Griff. Das kann geistlich mindestens so dicht sein wie ein Stadion voller Worshipper.

Platz 3 ist für mich die mitreissende charismatisch-popkulturelle Bubble: ein Stadion, professionelle Musik, leidenschaftlicher Worship, Songs, die mein Herz berühren und mich aus dem Sitz holen. Das wirkt bei mir immer noch – vielleicht gerade, weil es sonst in meinem Leben ziemlich zerebral zu und hergeht...

Wo gehört man am wenigsten hin – und was kann man dort lernen?
Wahrscheinlich dorthin, wo die geistliche Landesgrenze besonders gut bewacht wird und schon am Zoll entschieden wird, welche Bücher, Lieder und theologischen Gedanken eingeführt werden dürfen. (lacht) Aber auch davon kann ich lernen: Nicht jede Grenze ist schlecht. Glaube braucht auch Kontur, Verbindlichkeit und die Bereitschaft, für etwas einzustehen.

Was liegt Ihnen persönlich besonders am Herzen?
Dass wir unsere eigene Frömmigkeit lieben dürfen, ohne sie mit dem Reich Gottes zu verwechseln. Ich muss nicht überall zuhause sein. Aber ich möchte neugierig genug bleiben, um damit zu rechnen, dass mir Gott auch in einer Sprache, einem Lied, einer Liturgie oder einem Menschen begegnet, die mir zunächst völlig fremd sind. Die eigene Bubble darf Heimat sein – aber sie sollte kein Gefängnis werden. Vielleicht beginnt geistliche Reife ja gerade dort, wo man nicht mehr jede Fremdheit als Bedrohung empfindet.

Thurgauer Forum Gemeindeentwicklung

Samstag, 24. Oktober 2026, 9 bis 12.30 Uhr, Kartause Ittingen.

Link zu mehr Infos und Anmeldung.

 

 

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