«Wie der Himmel in klein» – im Ferienlager mit 20 Nationen
Zweihundert Paar Schuhe stapeln sich im Eingangsbereich des Hôtel les Diablons in Zinal VS. Ein paar Kinder turnen hinter der Réception. 193 Personen sind dieses Jahr gemeinsam von Basel ins Wallis gereist, 77 von ihnen Kinder. Sie stammen unter anderem aus Syrien, Burundi, Eritrea, Chile, Burma, der Türkei und der Schweiz. In ihrem Gepäck befinden sich nicht nur Wanderschuhe und Kleidung für alle Wetterlagen, sondern auch kulturelle Prägungen und religiöse Werte, die sich nicht immer mit denen der anderen vereinbaren lassen. Die ökumenische Ferienwoche ist ein einzigartiges Beispiel gelebter Diversität.
Foto: Noemi Harnickell
Ein Raum für Begegnungen, auch wenn es «chlöpft»
Die ökumenische Ferienwoche wird durch «Mitenand» organisiert. Diese ökumenische Bewegung ist an das «Sonntagszimmer» in der Matthäuskirche angeschlossen und organisiert regelmässig multikulturelle Anlässe und Gottesdienste. Gemeinsam zu kochen, zu essen, zu putzen, zu spielen und zu beten, bringt Herausforderungen mit sich, wenn man nicht nur unterschiedliche Sprachen spricht, sondern teilweise auch aus verfeindeten Ländern kommt. «Eine Gemeinschaft wächst über Grenzen hinweg», sagt Sozialdiakonin Daniela Sapkota, die seit vier Jahren die Co-Leitung der Ferienwoche hat. «Es ‹chlöpft› manchmal, aber wir haben hier auch den Raum, um es aufzufangen.»
Da ist der Mann, der freizügiges Crossdressing mag, was manche der Muslimas irritiert. Da sind die Teenager, die sich nicht an Regeln halten, und deren Eltern, die sich nicht darum kümmern. Da sind alte Traumata, die unerwartet hochkommen. «Es gibt überall eine Suche nach Gemeinschaft», sagt Sapkota. «Die Begegnungen, die hier stattfinden, gäbe es im Alltag nie. Wir schaffen einen sicheren Raum für Begegnungen, die nicht nur zwei Stunden dauern, sondern sieben Tage.»
Foto: Noemi Harnickell
In Zinal öffnet sich die Weite in einem selbst
Die ökumenische Ferienwoche begann als gewöhnliche Gemeindereise. Ihre heutige Form hat sie seit 1995. Einige der Teilnehmenden sind seit den Anfängen dabei, manche reisen sogar seit Kindestagen mit ihren Eltern an. Ziel der Ferienwoche ist es, Menschen zusammenzubringen und Familien Ferien zu ermöglichen, die sonst nicht die Möglichkeit dazu haben. Während einer Woche mietet die Gruppe das gesamte Hôtel les Diablons in Zinal, kocht, putzt und führt den Barbetrieb. Finanziert wird die ökumenische Ferienwoche teilweise durch die Reformierte Kirche Basel-Stadt (ERK BS), sie ist jedoch grösstenteils auf Spenden angewiesen und auf Menschen, die bereit sind, anderen diese Woche zu ermöglichen. Die Teilnehmenden zahlen auch einen Beitrag. «Für viele Leute ist es etwas Besonderes, in einem richtigen Hotel zu übernachten», sagt Franziska Kuhn, Pfarrerin in Kleinbasel und Co-Leiterin der Ferienwoche. «Auf der Dachterrasse schaut man plötzlich nicht mehr nur die eigene Wand an, sondern blickt darüber hinaus auf Berge und Täler. Das löst eine Weite in einem selbst aus.»
Gleiche Struktur, neue Geschichten
Seit ihren Anfängen folgt die ökumenische Ferienwoche der immer gleichen Struktur. Ein gemeinsames Abendmahl um halb acht, Frühstück, Kinderprogramm, Andacht und Workshops für die Erwachsenen, Mittagessen um viertel nach zwölf. Die Woche wird jeweils von einer biblischen Geschichte begleitet, die jeden Tag vertieft wird. Dieses Jahr geht es um das Gleichnis von der verlorenen Drachme, in dem eine Frau eine Münze verliert, lange danach sucht und schliesslich mit ihren Freundinnen den Fund feiert. In den Andachten werden jeden Tag einzelne Stichworte besprochen. «Besitz» am Montag, «Verlust» am Dienstag. Heute, Mittwoch, steht «Suchen» im Fokus.
«Wonach sucht ihr gerade?», fragt Youssef in die Runde. Er ist gebürtiger Ägypter und kam 2021 für die Liebe nach Basel. Dass er fliessend Deutsch und Arabisch spricht, ist in Zinal ein grosser Vorteil.
Sie suche Arbeit, sagt eine Frau. Eine andere ruft: «Den Pullover meines Sohnes!» Daniela Sapkota lacht. «Immer noch?», fragt sie. «Jeden Tag!», entgegnet die Frau. «Nicht alles, was wir verlieren, können wir wiederfinden», sagt Youssef. Er meint damit nicht den Pullover oder das eine oder andere verlegte Ladekabel. Viele der Menschen im Raum haben in ihrer Heimat, im Krieg und auf der Flucht nach Europa geliebte Menschen verloren. «Das hinterlässt ein Loch, in das nichts anderes hineinpasst.»
Ausserhalb der Ferienwoche arbeitet der gelernte Koch Mohan Sapkota als Sigrist in der Peterskirche. | Foto: Noemi Harnickell
«Manchmal kämpfen wir, um einander zu verstehen»
Nach dem Mittagessen haben die Teilnehmenden die Aufgabe, Gruppen für den Spielnachmittag zu bilden. Bei Dosenwerfen, Fussball und Pantomime müssen sie sich gegen andere Teams behaupten. Während draussen gespielt wird, ist das Küchenteam bereits wieder an der Arbeit. Den Lead hat Mohan Sapkota, der vor 30 Jahren aus Nepal in die Schweiz kam und 2006 in Zinal seine Frau, Daniela, kennenlernte. «Wir sind zwölf Nationen, die hier in der Küche zusammenarbeiten», sagt er, während er 30 Liter Kürbissuppe umrührt. Ausserhalb der Ferienwoche arbeitet der gelernte Koch als Sigrist in der Peterskirche. «Manchmal kämpfen wir, um einander zu verstehen, aber die Stimmung ist gut.» Er lacht. «Wir müssen funktionieren, aber wir dürfen es auch lustig haben!»
Das Leitungsteam Franziska Kuhn (links) und Daniela Sapotka. | Foto: Noemi Harnickell
Dem Lärmpegel entkommen
Auf der Dachterrasse kommen Daniela Sapkota und Franziska Kuhn für einen kurzen Moment zur Ruhe. Hier treffen sie sich für Besprechungen und auch fürs gemeinsame Beten. Der Lärmpegel ist hoch. Kuhn stellt sich ans Geländer und blickt auf die Berge, die heute leicht hinter den Wolken verschwinden. Von unten tönen Stimmen. Menschen lachen, schimpfen, rufen nacheinander.
Kuhn und Sapkota atmen die frische Bergluft ein, dann gehen sie zurück ins Haus. Der nächste Programmpunkt steht bereits an: das Kuchenbuffet, auf das sich gleich 70 Kinder wie hungrige Löwen stürzen werden. Und trotzdem finden die beiden Frauen hier auch ein Stück Frieden. «Das hier, diese Gemeinschaft, hat für mich etwas Heilsames und sehr Hoffnungsvolles», sagt Franziska Kuhn. «Dieses Verbindende über alle Grenzen hinweg.» Daniela Sapkota nickt. «Zinal ist wie der Himmel in klein.»
«Wie der Himmel in klein» – im Ferienlager mit 20 Nationen