Die Mitgliederzahlen: Sie mahnen zur Aufmerksamkeit, zeigen aber auch Potenzial. Die Grafiken, die Synodalrat Werner Berger vorlegt, zeigen vor allem eines: Die Alterspyramide der Reformierten Kirche Solothurn ist mehr oder weniger deckungsgleich mit derjenigen der Gesamtbevölkerung. Einzig in den Altersgruppen von 35 bis 54 Jahren liegen die Mitgliederzahlen etwas tiefer. «Wahrscheinlich macht hier der verhältnismässig grosse Anteil der ausländischen Bevölkerung im Kanton den Unterschied», vermutet Berger. Und er ergänzt: «Die eher tiefen Mitgliederzahlen bei den Altersgruppen im gebärfähigen Alter führen dazu, dass auch weniger reformierte Kinder geboren werden.» Dies wird durch die tiefer werdenden Geburtenzahlen in der Gesellschaft verstärkt. Am meisten überrascht war Werner Berger über die sehr tiefe Mitgliederzahl bei den 0- bis 4-Jährigen. «Insgesamt ist bei den Mitgliederzahlen über alle unsere Kirchgemeinden eine kontinuierliche Abnahme feststellbar. Leider hat sie sich in den letzten Jahren etwas verstärkt», bilanziert Berger.
Babyboomer gehen in Pension
Wenn der gegenwärtige Rückgang von rund 3 Prozent pro Jahr anhält, wird die Reformierte Kirche Solothurn in zehn Jahren rund einen Viertel weniger Mitglieder zählen; ähnlich wie in den Kantonen Aargau, Bern und Zürich. «Das bedeutet, dass wir uns Überlegungen hinsichtlich der Organisation, der Arbeitsschwerpunkte und der Immobilien machen müssen», analysiert Werner Berger, der im Solothurner Synodalrat für Gemeinden und Strukturen zuständig ist. Besonders ins Blickfeld geraten die Babyboomer. Viele werden bald pensioniert. Das wird zu tieferen Steuererträgen führen.
Auslöser für Werner Bergers Nachforschung war ein Austausch mit Verantwortlichen des Ressorts «Gemeinden und Strukturen» in anderen Kantonalkirchen: «Der Zuständige aus der Landeskirche Aargau zeigte eine Grafik, auf der die Bevölkerungsentwicklung und die Anzahl Gemeindemitglieder mehr oder weniger identisch sind», sagt Berger. Darauf stellte er die Mitgliederzahlen der Solothurner Kirchgemeinden zusammen und kam zu einem ähnlichen Bild. «Wir müssen die Schwerpunkte und die Ziele der kirchlichen Arbeit immer wieder hinterfragen», sagt Werner Berger. «Was ist nötig und worauf können wir verzichten?»
Noch halb so viele Kinder
Besonders auffällig ist der Rückgang bei den Kindern: Es sind nur noch halb so viele wie vor zehn Jahren. «Für den kirchlichen Religionsunterricht müssen wir somit Formen finden, welche auch mit einer kleineren Anzahl an Kindern und Jugendlichen funktionieren. Und bei der freiwilligen Jugendarbeit wie der Jungschar oder einer Jugendgruppe müssen wir offen sein für Interessierte, welche nicht als Mitglieder verzeichnet sind.»
Beispielsweise könnte dies für die Kirchgemeinde Gäu, die sieben politische Gemeinden umfasst, bedeuten, «dass man alle Kinder an einen Ort zusammennimmt und am Mittwochnachmittag oder am Samstagmorgen blockmässig unterrichtet, damit es nicht zu viele Termine gibt.» Die Jugendarbeit solle über den eigenen Mitgliederbestand hinaus Wirkung entfalten. Es gehe darum, in die Gesellschaft hineinzuwirken «und dabei die christliche Botschaft über unsere Mitglieder hinaus in die Gesellschaft zu tragen». Etwa mit zeitlich begrenzten Projekten wie Musicals, Weekends oder Sportevents, mit welchen die Kirche einen breiteren Kreis junger Menschen erreiche. «Über die Kinder können auch die Eltern und somit zwei Generationen auf einmal angesprochen werden.» Wichtig dabei seien laut Berger die persönlichen Kontakte. Inserate und Flyer seien zwar in Ordnung, «aber am besten funktioniert ein persönlicher Kontakt».
Was lässt sich ausserdem tun? Ralph Kunz, Professor für Praktische Theologie an der Universität Zürich: «Die Kirche hat weder die Macht noch den Auftrag, sich biologisch zu verjüngen. Aber sie kann zu einer Kultur beitragen, in der die Generationen einander begegnen und miteinander Leben und Glauben teilen.» Ihre Botschaft vom Reich Gottes, in dem Frieden, Gerechtigkeit und die Freude im Heiligen Geist erfahrbar werden, gebe Jungen und Alten Hoffnung. «Wenn die Kirche ihrem Auftrag treu bleibt, wächst sie.»
Weniger Zuwanderung heute
Die Schweiz wächst heute durch Zuwanderung. «Vor etwa dreissig Jahren kamen viele Menschen aus dem deutschsprachigen Raum», sagt Werner Berger. «Das hatte sich positiv auf die Mitgliederzahlen der reformierten Kirche ausgewirkt.» Heute aber kämen vielen Zuzügerinnen und Zuzüger aus Ländern, in denen der protestantische Bevölkerungsanteil tief sei. Berührungspunkte gibt es dennoch. Etwa, als in Egerkingen christliche Syrer in die Kirche kamen und für die reformierte Gemeinde kochten.
Insgesamt aber werden die Kirchenbänke nicht durch Einwanderer gefüllt – zu diesem Schluss kommt der katholische Theologe Arnd Bünker, Leiter des Schweizerischen Pastoralsoziologischen Instituts (SPI) in St. Gallen: «Aus unserer Forschung am SPI wissen wir: Die Verantwortlichen der Migrationsgemeinden sehen in den Schweizer Kirchen kein Zukunftsmodell, weil sie sie nicht als erfolgreich wahrnehmen.» Sie können sich nicht vorstellen, in schweizerischen Kirchgemeinden aufzugehen. «Die Idee, dass Migrantinnen und Migranten unsere leeren Kirchenbänke füllen, können wir uns aus dem Kopf schlagen», so Bünker.
Was muss geschehen, damit man in zehn Jahren sagen kann: «Wir haben die demografische Herausforderung gut genutzt!»? Werner Berger: «Wir tragen die christliche Botschaft bewusst in die Gesellschaft hinaus und setzen uns bewusst für Nächstenliebe, Gerechtigkeit und Frieden ein. Weiter vereinfachen wir unsere Strukturen, sodass wir weiterhin mit Freude und Überzeugung aktiv unterwegs sind.»
Diese Zahlen bewegen