Palliative Care: Da sein und aushalten
Die Alterspyramide der Schweiz zeigt: Die Gesellschaft wird älter. Das Thema Palliative Care rückt damit vermehrt ins Zentrum. Die Mitglieder der Palliative-Care-Regionalgruppe der Kirchgemeinde Olten leisten wertvolle Arbeit in diesem Tätigkeitsfeld.
Ein offenes Ohr
«Unsere Freiwilligen begleiten schwer kranke und sterbende Menschen und ihre Angehörigen auf unterschiedliche Art», sagt Andreas Haag, Pfarrer in Trimbach. «Oft entlasten sie die Angehörigen stundenweise am Tag oder auch in der Nacht, damit diese einmal durchatmen oder möglichst ruhig schlafen können. Je nach Bedürfnis sitzen die Begleitenden am Bett, sind da für kleine Handreichungen und Hilfestellungen, geben den Menschen Sicherheit.» Manche Betroffene möchten sprechen und etwas loswerden, andere sind froh, wenn jemand bei ihnen ist, die Hand hält oder einfach da ist. «Dadurch werden auch in Alters- und Pflegeheimen Familien und Pflegepersonal entlastet», sagt Haag. Angehörige schätzten es sehr, Menschen mit einem offenen Ohr und einem offenen Herzen an der Seite zu haben. «Menschen, bei denen sie alles unzensiert aussprechen dürfen – auch die Wut, die Trauer oder die eigene Erschöpfung. Einfach zu wissen: ‹Ich muss hier nicht stark sein›, nimmt oft schon einen grossen Teil der Last.» Das Angebot ist für die Betroffenen kostenlos und ist eine Ergänzung zu den Spitex-Diensten und der Palliativmedizin.
Ängste abbauen
Viele Menschen haben Berührungsängste mit dem Thema Sterben. Diese können abgebaut werden, «indem wir eine Plattform bieten, um sich auf das Thema einzulassen», so Haag. Das grosse Interesse während der Palliative-Care-Woche in Olten und Solothurn Mitte Oktober habe ein Bedürfnis gezeigt, sich mit wichtigen Fragen des Lebens und des Sterbens auseinanderzusetzen.
Haag beobachtet, dass Ängste oft dann schwinden, «wenn man merkt, dass man nicht alleine gelassen wird. Angehörige von Schwerkranken suchen die Gewissheit, dass Unterstützung da ist – das gibt ihnen Mut für den oft schweren Weg der Begleitung.»
Das Angebot der Palliative-Care-Regionalgruppe Olten habe sich seit 13 Jahren bewährt. Es habe vielen kranken Menschen und ihren Angehörigen geholfen, den Weg gemeinsam zu gehen und am Lebensende tiefe und versöhnliche Erfahrungen zu teilen, freut sich Haag. «Es ist eine wertvolle Alternative zu den Sterbehilfeorganisationen, die in der Schweiz stark präsent sind.»
Die Kirchgemeinde Olten organisiert einen Informationsanlass zum Thema. Auf der Einladung steht: «Ich halte das fast nicht mehr aus.» Worte, die laut Haag immer wieder und vor allem dann fallen, «wenn die Pflege zu Hause die An-gehörigen unsichtbar auffrisst oder wenn die Diagnose die gesamte Lebensplanung zertrümmert». Viele Menschen seien in dieser Ohnmacht dankbar für ein stilles Mittragen. «Als Pfarrer darf ich ihnen aber auch einen spirituellen Halt anbieten:
Ein gemeinsames Unservater, ein persönliches Gebet oder ein Mutmachspruch können in Momenten der Überforderung wie ein schützender Raum wirken und wieder etwas Boden unter den Füssen geben.»
Ebenfalls nötig: Self-Care
«Es ist harte Arbeit und immer eine Herausforderung», ordnet Martina Holder ein. Die Pfarrerin in Riehen ist Bildungsbeauftragte für Palliative Care der drei Landeskirchen im Kanton Aargau. «Abschied zu nehmen und Sterbende zu begleiten, bedeutet nicht, zu gestalten und Ideen zu haben, sondern auszuhalten», so die Co-Präsidentin des Vereins Palliative Care und christliche Verantwortung weiter.
Am 3. November hält sie einen Vortrag in Olten. Darin geht es auch darum, was einem echten Trost bringe und nicht nur ein Vertröstetwerden. «Menschen, die Schweres erleben, dürfen nicht alles nur als dunkel und finster erleben», sagt Holder. «Wir sind gefordert, uns darauf einzulassen, was es heisst, Freude und das Geschenk des Lebens wahrzunehmen.»
Wichtig sei auch, für sich selbst zu sorgen, so Holder: «Es braucht Self-Care. Sonst kann man nicht gut begleiten.» Self-Care habe dabei nichts mit Abgrenzung zu tun. «Es geht vielmehr darum: Wie gelingt es uns, beim Begleiten so gut zu uns selbst zu schauen, dass wir weitergehen können?», hält Holder fest. «Da helfen zum Beispiel die Natur, die Musik und gute Beziehungen.»
Palliative Care wird immer wichtiger
«Gebrechlichkeit und Verletzlichkeit nehmen im Alter zu», sagt Holder. Gleichzeitig sagt man heute: Ich halte mich fit, gehe meine 10‘000 Schritte mit 90 wie mit 80.» Dahinter stecke die Illusion, alles aufrechterhalten zu können, stellt Holder fest.
Dabei werde der Druck auf Menschen, die erkrankten und viel Hilfe in Anspruch nehmen müssten, grösser. «Autonomie und Selbstbestimmung sind in unserer säkularen Gesellschaft sehr wichtig geworden. Gleichzeitig können wir schlecht damit umgehen, abhängig und auf andere angewiesen zu sein», führt Holder aus. «Da kommen christliche Werte heftig ins Spiel: Glaube, Liebe, Hoffnung. Diese drei bleiben – ganz gleich, wie krank wir sind.»
Vortrag von Martina Holder: «Vom Aushalten und Weitergehen in schwierigen Zeiten», Dienstag, 3. November, 19.30 Uhr im Saal der Pauluskirche an der Grundstrasse 18, Olten
Palliative Care: Da sein und aushalten