Weshalb die Schweiz jenischen Familien Kinder entriss
«Das Hilfswerk und die Behörden nahmen Kinder unmittelbar nach der Geburt ihren Eltern weg – manchmal ohne Gerichtsverfahren oder rechtlichen Beschluss», sagt Bruno Waldvogel-Frei. Der frühere Pfarrer von Wangen bei Olten ist aufgewühlt, wenn er vom Schicksal der Jenischen in der Schweiz erzählt. «Geschwister wurden voneinander getrennt, zur Zwangsadoption freigegeben und teilweise unter neuem Namen aufgezogen.» Das «Hilfswerk» – gemeint ist das Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse, das zu Pro Juventute gehörte – zerstörte das Volk der Jenischen systematisch. Davon erzählt ein neuer Film, bei dem Waldvogel-Frei das Drehbuch schrieb und Regie führte.
Den Anstoss für das Filmprojekt gab der Filmemacher Markus Plüss. Per Zufall stiess er auf zwei Dossiers von Jenischen, darunter jenes der Hauptprotagonistin Sina. «Was ich darin las, hat mich tief betroffen gemacht», erzählt er. Darauf folgten dreieinhalb Jahre Recherche. Als er Waldvogel-Frei kennenlernte, der unter anderem auch als Produzent und Drehbuchautor arbeitet, fassten sie den Entschluss, aus dem Stoff einen Film zu machen.
Aufarbeitung nicht abgeschlossen
Im Zentrum steht die Frage, wie es dazu kam, dass Jenische zu kollektiven Opfern fürsorgerischer Zwangsmassnahmen wurden. «Die Schweiz hat anerkannt, dass das Geschehene sich auf das ganze Leben der Opfer ausgewirkt hat», sagt Plüss. «Der Bundesrat und der Nationalrat bezeichneten die Geschehnisse als ‹Verbrechen gegen die Menschlichkeit›. Die Aufarbeitung ist jedoch noch nicht abgeschlossen», bilanziert Plüss, der auch als Kirchenstand in Ramsen und Buch SH amtet.
Eugenik-Propaganda der Nazis
Der Film verbindet Spielfilmszenen mit der Suche Jenischer nach ihrer Familiengeschichte und Gespräche mit Fachleuten. Dabei gehe es auch um Eugenik, sagt Waldvogel-Frei. Eugenik ist ein pseudowissenschaftliches Konzept, mit dem Ziel, den Genpool in der Bevölkerung zu «verbessern». Waldvogel-Frei: «Zwei jenische Bündner Familien wurden als ‹Beleg› für angeblich minderwertiges Erbgut missbraucht. Diese Vorstellungen fanden später auch Eingang in die nationalsozialistische Ideologie.»
Mitbegründer von Pro Juventute war Ulrich Wille junior, Sohn von General Wille im Ersten Weltkrieg. Wille junior war Präsident der Stiftungskommission – und unterhielt ab 1923 Beziehungen zu Adolf Hitler und dessen Stellvertreter Rudolf Hess. «Wille hat damals die staatliche Finanzierung für das Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse organisiert», so Plüss.
Mit Förderpreis unterstützt
Die Herausforderung liege darin, die Geschichte so aufzuarbeiten, dass am Ende sowohl Opfer als auch Nachkommen der Täter sagen können: «Es ist gut, dass wir das jetzt angeschaut haben», analysiert Waldvogel-Frei.
Der Kulturförderpreis des Kantons Schaffhausen förderte das Projekt mit 30‘000 Franken. Das 90-minütige Dokudrama kommt im Herbst 2027 in die Kinos.
Weshalb die Schweiz jenischen Familien Kinder entriss