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Reformationssonntag

Die Frauen in der Reformation nicht unterschätzen

von Tilmann Zuber
min
30.10.2026
Luther, Calvin und Zwingli gelten gemeinhin als heroische Kämpfer für die Erneuerung des Glaubens und der Kirche. Dabei war die Reformation eine breite Volksbewegung, wie das Beispiel Basel zeigt. Die Kirchenhistorikerin Andrea Hofmann über singende Gemeinden und geschäftstüchtige Druckerwitwen. 

Es gibt Städte, die ihre Reformation feiern, indem sie diese auf einen Sockel erheben. Basel hat stattdessen ein schlichtes Münster, dessen kahle Wände von den Bilderstürmen erzählen, und einen Buchdruck, der einst so mächtig war, dass Gelehrte in die Stadt zogen. Wer heute durch Basel geht, sieht davon wenig – und doch, sagt die Kirchenhistorikerin Andrea Hofmann, ist die Reformation hier noch spürbar: in der Weltoffenheit und im Stolz darauf, nie ganz in eine Schublade gepasst zu haben.

Frau Hofmann, die Reformation in Basel war keine Revolution, sondern eine Entwicklung, die sich etwa im Kirchengesang abzeichnete. Was geschah da?

1526 schreibt Oekolampad, der Basler Reformator, man habe im Gottesdienst deutsche Psalmen gesungen – eigentlich ungeplant, aber es geschah, und es war ganz gut so. Anders als Luther, der eine ganze Musiktheologie um sich herum aufbaute, hatte Oekolampad kein solches Programm. Bei ihm zeigt sich früh etwas anderes: Die Gemeinde beteiligt sich aktiv, indem sie singt. Auf Deutsch, nicht auf Latein. Zusammen mit der deutschen Messe, dem Abendmahlskelch für alle Gläubigen und der Kritik an alten Bräuchen zeigt das, wie die Bevölkerung den Umbruch langsam mitträgt.

Basel war auch Schauplatz eines Machtkampfs zwischen den Zünften, dem Bischof und altgläubigen Ratsfamilien. War die Reformation für diese Kreise ein Vorwand, endlich abzurechnen – und sich zu bereichern, als die Klöster aufgehoben wurden?

Da ist an allem ein bisschen etwas dran. Die Konflikte mit dem Bischof, das Aufbegehren der Zünfte gegen die privilegierten Klöster gab es schon vorher. Neu ist nur die theologische Begründung. Ich würde aber betonen: Das waren hochfromme Menschen. Ich glaube nicht an reine Instrumentalisierung, sondern an ein tiefes Bedürfnis, die Kirche zu erneuern und Missstände zu beheben. Die Rückbesinnung auf das, was tatsächlich in der Bibel steht, war für die Basler Reformation zentral. Und ja, es ging auch ums Geld: Viele Güter und Rechte der Kirche gingen an die Stadt, die damit allerdings auch ein neues System für Armenfürsorge und Waisenkinder aufbaute. Der Reichtum der Kirche, an dem der Rat gerne Anteil gehabt hätte, war schon vor der Reformation ein Streitpunkt.

Luther war der Medienprofi schlechthin.

Basel war eines der wichtigsten Druckzentren Europas. Wie stark hing die Reformation an den Druckerpressen?

Äusserst stark. Schon 1517 werden Luthers Thesen auch in Basel gedruckt. Luther verschickt sie mit der Auflage, sie nicht zu verbreiten – wahrscheinlich mit der Absicht, gerade dies zu tun. Eine geradezu moderne Form von Medienarbeit. Luther war der Medienprofi schlechthin. Auch Erasmus kommt nicht zufällig nach Basel, er wollte mit dem Drucker Froben zusammenarbeiten. Als es dem Rat zu unruhig wird, greift er ein: Oekolampads Abendmahlsschrift darf in Basel nicht gedruckt werden. Also lässt dieser sie in Strassburg drucken. So kontrolliert man über die Drucker, was überhaupt erscheinen darf. Beim späteren Abendmahlsstreit lässt Oekolampad seine Schriften gezielt verbreiten, was andere Theologen zum Gegendruck reizt – der Streit wurde zu einem regelrechten Streitschriftenkrieg, an dem die Druckereien verdienten.

Ich glaube, wir verdanken es den Frauen, dass die Reformation überhaupt in die Bevölkerung hineingetragen wurde.

Sprechen wir ĂĽber die Frauen. Man kennt vor allem die grossen Reformatoren, dabei waren Frauen wirtschaftlich, im Druckergewerbe, als Wirtinnen oder Lebenspartnerinnen entscheidend beteiligt.

Das ist mir wirklich ein Anliegen. Ich möchte wegkommen von der Fixierung auf den einen grossen Reformator – für Basel ohnehin schwierig, weil sich Oekolampad, bei allem Respekt, nicht als Star eignet. Man darf den Alltag der Frauen nicht unterschätzen. Es gibt die «Druckerwitwen»: Viele Werkstätten bestehen nur deshalb weiter, weil die Witwe das Geschäft übernimmt, bis sie einen neuen Mann heiratet oder die Töchter entsprechend verheiratet. Diese Frauen hatten enormen Einfluss darauf, was überhaupt gedruckt wurde.

Besonders spannend für Basel: Zwischen 1524 und 1528 heiraten sämtliche evangelischen Pfarrer oft ihre eigenen Haushälterinnen. Mit diesen Pfarrerhochzeiten wird die Ehe zur idealen christlichen Lebensform erklärt, bei der zuvor das Kloster als das gottnähere Leben galt. Die Ehefrau sorgt fortan für die Frömmigkeit im Haus, erzieht die Kinder christlich, gestaltet die Hausandacht. Ich glaube, wir verdanken es den Frauen, dass die Reformation überhaupt in die Bevölkerung hineingetragen wurde – nur ist das quellenmässig schwer nachzuweisen, weil wenig Schriftliches von ihnen überliefert ist.

 

Andrea Hofmann ist seit Januar 2024 Professorin für Kirchen- und Theologiegeschichte an der Universität Basel. Sie promovierte über Psalmlieder der Reformationszeit. Zu ihren Forschungsgebieten gehören Frauen und Frömmigkeit in der Frühen Neuzeit. Im Juni 2026 organisierte sie die Tagung «500 Jahre Basler Reformation» mit.

 

Wibrandis Rosenblatt war mit drei Reformatoren verheiratet. Heute wäre das ein Skandal.

Interessant, dass man das damals eher positiv sah. In den Briefwechseln der Reformatoren kommt sie oft vor, man schätzte sie als ideale Pfarrfrau. Sie war klug, organisationsstark, konnte mit diesen gewiss nicht einfachen Männern diskutieren. Diese Mehrfachehen waren auch eine Versorgungsfrage: Stirbt der Ehemann, steht die Frau mit Kindern allein da; stirbt bei einem anderen Reformator die Ehefrau, sucht auch er eine neue Partnerin. Als Wibrandis zuletzt Martin Bucer heiratet, organisiert sie dessen Umzug nach England und nach seinem Tod ganz allein die Rückreise. Rosenblatt hatte sogar mit Bucers sterbender erster Frau überlegt, dass er anschliessend sie heiraten solle, damit beide Familien versorgt wären. Das zeigt den Stellenwert solcher Frauen. Erst im 19. Jahrhundert geriet das in Vergessenheit. Schade eigentlich.

Zu einem anderen Punkt: Basel und Zürich gelten als reformatorisches Doppelgestirn der Deutschschweiz. Wie war das Verhältnis zwischen Zwingli und Oekolampad?

Sehr vertrauensvoll, das zeigen die Briefwechsel. Zwingli fragte zwar gelegentlich nach, ob man sich in Basel nicht besser an Zürich orientieren solle, aber im Prinzip war man eng verbunden. Oekolampad reiste sogar in Zwinglis Vertretung zur Badener Disputation, deren 500. Jahrestag wir dieses Jahr begingen. Beide sterben 1531 – Zwingli im Krieg, Oekolampad an einer Krankheit. Konfessionell blieb Basel lange unentschieden zwischen Bucers vermittelnder oberdeutscher Linie und der zwinglianischen Zürcher Position. Erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts steht fest: Basel wird reformiert, nicht lutherisch.

Die Reformation hatte sehr viel mit Netzwerk und gegenseitiger Kommunikation zu tun.

Was bedeutet die Reformation heute fĂĽr Basel?

Kulturell ist sie noch sichtbar: die vielen Kirchen, das schlichte Münster als Folge der Bilderstürme. Vor allem aber nehme ich Basel im 16. Jahrhundert als sehr toleranten Ort im Vergleich zu anderen frühneuzeitlichen Städten wahr, und diese Weltoffenheit spüre ich heute noch. Dissidenten wie Sebastian Castellio oder Andreas Karlstadt konnten hier leben, wo sie andernorts längst vertrieben worden waren. Bis 1529 dauerte es, ehe die Reformation offiziell durchgeführt wurde. Bis dahin lebten katholische und evangelische Geistliche pragmatisch nebeneinander nach dem Motto: leben und leben lassen. Theologisch ist mir wichtig, dass für Oekolampad die Lebensführung zentral war und dass Theologie eng mit der Universität verbunden blieb. Diese Verbindung von Toleranz und Wissenschaftlichkeit spürt man in Basel bis heute.

Zum Schluss: Was zeichnete die Basler Reformation aus?

Sie war eine breite Volksbewegung, stark geprägt von Toleranz und Zusammenleben. Es gab in den 1510er- und 1520er-Jahren in Basel einen ganzen Kreis reformwilliger Geistlicher. Namen, die heute niemand mehr kennt. Gerade sie trugen die Reformation in den Alltag hinein. Manche wurden später Täufer, andere blieben lutherisch orientiert.

Auch die Klöster spielten mit, die Franziskaner waren Vorreiter. Interessant sind zudem die Nonnen, die sich weigerten, zum evangelischen Glauben überzutreten. Einige blieben in Basel und heirateten später. Andere gingen bewusst in andere Klöster, nach Freiburg im Breisgau zum Beispiel. Auch Erasmus von Rotterdam, der den Bruch mit der Kirche aber nie provozieren wollte, zog nach Freiburg. Die Reformation hatte sehr viel mit Netzwerk und gegenseitiger Kommunikation zu tun.

 

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