Baselland, Basel-Stadt, Luzern, Schaffhausen, Schwyz, Solothurn, Uri, Zug
Neues Buch: Die Reformation in Mulhouse und Basel

Markus Christ: «Reformiert sein heisst nicht weltfremd sein»

von Noemi Harnickell
min
22.04.2026
Das kürzlich erschienene Buch «Die Reformation in Mulhouse und Basel» wirft ein neues Licht auf die Reformationsgeschichte der beiden Städte – und ihre ungeahnte Beziehung. Co-Herausgeber Markus B. Christ erzählt, warum die Reformation bis heute relevant bleibt. 

Ihr neues Buch geht der Geschichte von Basel und Mulhouse der letzten 500 Jahre auf den Grund. Dabei geht es um mehr als nur die Reformation …

Richtig. Wir schauen uns die gemeinsame Geschichte der Städte unter wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, sozialgeschichtlichen und kulturellen Aspekten an. Die Reformation ist der Ausgangspunkt dieser Entwicklungen. In beiden Städten wurde die Reformation von der Stadtregierung beschlossen. In Mulhouse wurde sie 1523 eingeführt, in Basel 1529.

Es handelt sich also um einen Entscheid, der von oben getroffen wurde anstatt auf Druck von unten …?

Der Druck kam durchaus auch von unten. 1525 erhoben sich in Süddeutschland und im Elsass die Bauern gegen ihre Herren. Auch in Landschaft Basel kam es zum Bauernaufstand, infolgedessen zum Beispiel das Kloster Schönthal geplündert wurde. Am 9. Februar 1529 versammelten sich Bürger und Zunfthandwerker auf dem Barfüsserplatz beim Kornmarkt mit Waffen. Die waren äusserst parat. Sie forderten, dass nur noch reformierte Geistliche predigen sollten. Aber dadurch, dass es der Rat der Stadt Basel war, der die Reformation schliesslich durchsetzte, gab es keine Ausnahmen. Sowohl Basel Stadt wie auch Landschaft Basel wurden reformiert, selbst die Klöster wurden sistiert.

An diesem 9. Februar 1529 kam es zum berühmten Bildersturm in Basel. Wo treffen wir heute noch Spuren an?

Die Spuren der Reformation sind überall dort, wo man sie nicht mehr sieht. Im Zuge des Bildersturms wurden viele Grossbasler Kirchen geräumt. Kunstgegenstände wurden zerstört, verbrannt, zu Kleinholz gemacht. Spuren der Verwüstung sieht man heute zum Beispiel noch im Kreuzgang vom Basler Münster: Hier sind Grabplatten zu sehen, auf denen figürliche Darstellungen beschädigt wurden. Dazu gehörten etwa Heiligenfiguren, Engel oder betende Verstorbene. In den Augen der Reformierten galten solche Bilder als Götzendienst.

Heute ist die evangelische Kirche unter anderem für ihr breites Liedergut bekannt. Ebenfalls ein Erbe der Reformation?

Indirekt, ja. Zunächst einmal wollte Zwingli den Messegottesdienst von allem Drumherum befreien. In den Gottesdiensten wurde also weder Musik gespielt noch gesungen, Orgeln wurden aus den Kirchen entfernt. Die Idee dahinter war, dass sich der Gottesdienst radikal auf die Bibel konzentrieren sollte. Aber wir wissen auch, dass Zwingli selbst Lieder dichtete. Es ist also unwahrscheinlich, dass er gegen den Kirchengesang war.

Und wie wir wissen, wurde der Kirchengesang später wieder eingeführt.

Aber in protestantischer Form! Bis dahin sang in der Kirche nur der Chor, und zwar auf Latein. Im Zuge der Reformation sangen plötzlich alle Gläubigen gemeinsam, das nennen wir den «gemeinen Gesang». Das zeichnet die evangelische Kirche besonders aus: Neben der Verkündigung von Gottes Wort aus der Bibel hat sich auch das gemeinsame Singen entwickelt.

Inwiefern verband die Musik Städte wie Mulhouse und Basel miteinander?

Das geschah sehr prominent durch den Lobwasserschen Psalter, einer Psalmenverdichtung von Ambrosius Lobwasser. Seine Texte waren so gut, dass sie auf Französisch übersetzt wurden. Die französischsprachigen Kirchen haben sie instrumentiert, damit man sie singen konnte. Diese Melodien kamen dann zu uns zurück. Basel und Mulhouse brauchten also das gleiche kirchliche Liedgut.

Was heisst reformiert sein heute?

Dieser Frage ist ein ganzes Kapitel gewidmet. Der emeritierte Theologe Reinhold Bernhardt sagt dazu, reformiert sein sei Glaube, der in Bezug auf etwas existiert. Das können viele Dinge sein. Der Glaube hat zum Beispiel einen Bezug zum Evangelium. Er hat einen Bezug zu Christus. Der Glaube hat einen Bezug zur Welt. Reformiert sein heisst, dass man seine Umwelt wahrnimmt, dass man nicht weltfremd ist. Reformiert sein heisst aber auch, dass man nicht nur gegenüber der Welt offen ist, sondern auch gegenüber anderen Kirchen.

Die Reformation ist also nach 500 Jahren immer noch relevant?

Die Reformation vor 500 Jahren war kein Abschluss, sondern ein Aufbruch. Die reformierte Kirche ist immer in Bewegung. Ein entscheidendes Beispiel ist die Stellung der Frauen: Sowohl auf kantonaler wie auch auf nationaler Ebene haben wir heute Frauen in Leitungsfunktionen. Und es geht immer weiter: Zum Beispiel mit Diskussionen um sexuelle Orientierung. Viele Kirchen beziehen Stellung und zeigen, dass man in verschiedenen Lebensformen positive Momente erkennen kann. Ich hoffe, dass unser Buch den Leuten aufzeigen kann, dass es ein Gewinn ist, wenn Beziehungen in verschiedenen Facetten gepflegt werden: dass Andersartigkeit eine Bereicherung sein kann.

 

«Die Reformation in Mulhouse und Basel. Eine Geschichte von Wandel und Kontinuität über 500 Jahre» von Markus B. Christ, Vincent Frieh, Lukas Ott (Hg.), mit Beiträgen von Helen Liebendörfer, Lukas Kundert u.a.m., erschienen im Schwabe Verlag.

Unsere Empfehlungen

Kleines Experiment mit grosser Pointe

Kleines Experiment mit grosser Pointe

Video – Im Ostergottesdienst erzählte Münsterpfarrerin Caroline Schröder Field einen Witz und belebte damit eine mittelalterliche Tradition, die der Basler Reformator Oekolampad einst bekämpft hatte. Vikar Felix Berki hat das Osterlachen als Projekt seines Lernvikariats ins Münster gebracht.