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Ein Ort, der die Herzen anspricht

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27.01.2023
Johannes Czwalina gründete die bisher einzige Holocaust-Gedenkstätte in der Schweiz. Ein Film ehrt sein Lebenswerk. Ein Podium im Anschluss an die Premiere beschäftigte sich mit Sinn und Zweck solcher Memorials und einem endlich gelösten Konflikt.

Seit 2011 existiert in Riehen bei Basel die Gedenkst√§tte f√ľr j√ľdische Fl√ľchtlinge, die von 1933 bis 1945 an den Schweizer Grenzen abgewiesen und damit zumeist in den sicheren Tod geschickt wurden. Sie ist die einzige ihrer Art in der Schweiz. Der ehemalige Pfarrer und heutige Unternehmensberater Johannes Czwalina initiierte die Gedenkst√§tte und leitet sie auch.

60'000 Besucherinnen und Besucher kamen in den ersten zehn Jahren bis zur Coronapandemie. Die Gedenkst√§tte entspreche in einer Zeit des wachsenden Antisemitismus einem Bed√ľrfnis, sagt Czwalina, es brauche weitere solche Erinnerungsorte.

Historischer Ort an der Grenze
Das historische Bahnw√§rterh√§uschen in Riehen an der deutschen Grenze, wo die Gedenkst√§tte beheimatet ist, eignet sich besonders als Erinnerungsort. Neben der symbolischen Bedeutung l√§sst sich hier dieses dunkle Kapitel der Schweizer Geschichte w√§hrend des Zweiten Weltkriegs auch emotional erleben, wenn man die Wege der Fl√ľchtlinge begeht und die Berichte der Zeitzeugen liest. Zu Gast waren etwa der KZ-√úberlebende Shlomo Graber wie auch Cioma Sch√∂nhaus, der f√ľr j√ľdische Fl√ľchtlinge P√§sse f√§lschte.

Die Ereignisse im Grenzort Riehen und in der Region stehen stellvertretend f√ľr die damalige Fl√ľchtlingspolitik der Schweiz. √úber 24'000 Menschen wiesen die Beh√∂rden an der Schweizer Grenze weg. Dazu lehnten sie 14'500 Einreisegesuche ab. Wer das Gl√ľck hatte, in der Schweiz Aufnahme zu finden, wurde in Lagern und Heimen interniert, etwa im Heim Bienenberg bei Liestal.

Zehn Jahre lang begleitet
Susanne Scheiner begleitete Johannes Czwalina von 2013 bis 2022 und drehte den Film ¬ęJohannes und seine Gedenkst√§tte¬Ľ. Der Film zeigt, wie der Erinnerungsort entstanden ist und was f√ľr Ausstellungen und Veranstaltungen ihr Gr√ľnder dort organisiert. Den Film versteht Johannes Czwalina als Zeichen der Anerkennung f√ľr seine Gedenkst√§tte. Vor kurzem luden die Christlich-j√ľdischen Projekte (CJP) zusammen mit dem Forum f√ľr Zeitfragen zur Filmpremiere samt Podium im Zwinglihaus Basel ein.

Johannes Czwalina wuchs in Berlin auf, in einem Haus, das einst einer j√ľdischen Familie geh√∂rte, die enteignet und vertrieben wurde. Als er dies erfahren habe, habe ihn eine Trauer erfasst, sagt er im Film. So auch als ihm bewusst geworden sei, dass sein Sohn wegen seiner psychischen Erkrankung von den Nazis umgebracht worden w√§re. Diese Trauer habe ihn dazu getrieben, die Gedenkst√§tte zu gr√ľnden, damit er wieder leben k√∂nne. Es sind solche pers√∂nlichen Aussagen des 70-J√§hrigen, die beeindrucken.

Die Zukunft der Gedenkstätte
Nun macht sich Czwalina Gedanken √ľber die Zukunft seines Herzensprojekts. Wer f√ľhrt es nach ihm weiter? Weder der Bund noch der Kanton Basel-Stadt noch die Gemeinde Riehen unterst√ľtzen die Gedenkst√§tte finanziell. Die G√§ste beim anschliessenden Podium erkl√§rten, warum. Die Riehener Gemeindepr√§sidentin Christine Kaufmann betonte, dass man die Arbeit der Gedenkst√§tte anerkenne. Doch die Gemeinde, die sich seit Jahrzehnten mit ihrer Kriegsgeschichte auseinandersetze, betreibe eigene Projekte. Die private Gedenkst√§tte bilde dazu eine Erg√§nzung.

Fabienne Meyer, Historikerin und Spezialistin Gedenkst√§tten Schweiz, erkl√§rte, warum Riehen nicht der richtige Ort f√ľr eine nationale Gedenkst√§tte sei. Das Bahnw√§rterh√§uschen sei mit dem Ort verwurzelt, an dem es steht. Ein schweizerisches Memorial m√ľsse sich von der Region losgel√∂st an einem repr√§sentativen Ort wie Bern befinden, weil es eine andere Bedeutung habe. Es gehe um staatliche Erinnerung, um die politische Verantwortung f√ľr die Entscheidungen, die w√§hrend des Krieges in Bern getroffen wurden.

Wissenschaft gegen Emotionen
Auf Distanz zur Gedenkst√§tte in Riehen ging anfangs auch das Zentrum f√ľr J√ľdische Studien an der Universit√§t Basel. Es gab Vorbehalte aus historisch-wissenschaftlicher Sicht. Inzwischen haben Erik Petry, stellvertretender Leiter des Zentrums f√ľr J√ľdische Studien, und Johannes Czwalina Gespr√§che gef√ľhrt, und es bahnt sich eine Zusammenarbeit an. Petry erkl√§rte, dass die Gedenkst√§tte als Teil einer regionalen Erinnerungsarbeit einen konkreten Ort wie das alte Bahnw√§rterhaus brauche. Das Zentrum f√ľr J√ľdische Studien m√∂chte in Zukunft die Kompetenz seiner wissenschaftlichen Forschung einbringen, indem es die akademische Leitung der Gedenkst√§tte √ľbernimmt.

Der Konflikt habe sie nie interessiert, meinte Filmemacherin Susanne Scheiner. ¬ęF√ľr mich ist die Gedenkst√§tte wichtig. Wir wollten zeigen, dass es einen Ort braucht, wo die Leute einfach hineingehen k√∂nnen, damit sie √ľberhaupt auf diese Vergangenheit stossen. Es braucht neben dem Intellektuellen auch die Emotionen.¬Ľ

Karin M√ľller, kirchenbote-online

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