Hermann Hesse als Vater: Briefe an seinen Sohn Martin
Hermann Hesse war Literat und Nobelpreisgewinner, ein schriftstellerisches Genie. Als Vater war er physisch jedoch wenig präsent. Seine drei Söhne wuchsen im Heim und in Pflegefamilien auf, während er sich im Tessin der Wortkunst widmete. Beim Lesen aus seinen Briefen erwacht noch ein anderer Hesse zum Leben: einer, der Anteil nimmt am Leben seines Kindes, der Witze macht und sich sorgt.
Ein Hesse-Raum im Bottmingen
Martin Siegenthaler ist ein Urenkel Hermann Hesses. Gemeinsam mit seinem Vater, Hanspeter Siegenthaler, half er 2023 bei der Veröffentlichung der Korrespondenz zwischen Hesse und dessen jüngstem Sohn, Martin Hesse. Die Briefe erzählen die Geschichte einer sich annähernden Beziehung zwischen Vater und Sohn – und von dem Erbe, das die Familie drei Generationen später noch immer mit sich trägt. Das Haus, in dem Martin und Hanspeter Siegenthaler in Bottmingen wohnen, hat einen eigenen Hesse-Raum. Der ist nötig, denn die 1500 Briefe, unzähligen Fotos, Aquarelle und Bücher brauchen ihren Platz.
Einer, der Hesse weniger mochte, hätte dem Lebenswerk vermutlich nicht so viel Raum in seinem Leben geschaffen, wie es Hanspeter Siegenthaler getan hat, der mit Hesses Enkelin, Sibylle Hesse, verheiratet war. «Meine Mutter konnte froh sein, dass sie meinen Vater geheiratet hat», meint Martin Siegenthaler vergnügt. «Einen Hesse-Liebhaber!» Gemeinsam verwalten Vater und Sohn Hesses Erbe. Hanspeter Siegenthaler hat über die Jahre die Briefe transkribiert und digitalisiert und eine Stichwortliste angelegt. Dafür besuchte er einen Kurs, um zu lernen, wie man die alte Kurrentschrift entziffert.
Aufstieg der Nationalsozialisten und das Bauhaus: der Dessau-Brief
In «Mein lieber Brüdi!» haben die Herausgeber rund 400 Briefe von Hermann und Martin Hesse gesammelt. «Der Briefwechsel ist Zeugnis einer liebevollen Beziehung», sagt Martin Siegenthaler. «In diesen Briefen ist Hesse einfach nur ein Vater, der am Leben seines Sohnes teilhaben möchte.»
Kernstück des Austauschs ist ein 14-seitiger Brief aus Dessau, in dem Martin den Alltag im Bauhaus beschreibt und bildhaft über den Aufstieg der Nationalsozialisten erzählt. Ein Zeitdokument, das den jungen Mann zugleich auch sehr verletzlich zeigt: «Auch die abstrakte Formellehre bei Kandinsky kommt mir sehr spanisch vor.» Hermann Hesse jedoch beruhigt ihn: «Das meiste davon ist eine Art von Gesellschaftsspiel oder Geistersport, und man lebt ohne das ebenso gut oder besser.»
Weder die Siegenthalers noch die Gesellschaft scheinen von Hesse so schnell genug zu haben. «Er ist immer noch super aktuell», so Martin Siegenthaler. «Seine Sprache ist nicht verstaubt.» Aber das Erbe ist nicht nur ein leichtes: Die psychische Krankheit von Mia Hesse-Bernoulli hatte eine starke genetische Komponente, von der alle drei Söhne in unterschiedlicher Weise betroffen waren. So kämpfte auch der naturverbundene Martin Hesse mit Depressionen und beging 1968 Suizid. Und wie steht es um Martin Siegenthaler? «Alles, was ich zu mir sagen kann», meint er, «ist, dass ich froh bin, so ein so gutes Verhältnis zu meinem Vater zu haben!»
Hermann Hesse als Vater: Briefe an seinen Sohn Martin