Im Bibliodrama spielt das eigene Leben mit
Beim ersten Bibliodrama wollte Roswitha Holler-Seebass nicht im Mittelpunkt stehen und übernahm eine kleine Rolle. So kam es, dass sie das Fischernetz spielte! «Alle haben an mir, dem Netz, gerissen», erinnert sie sich. «Sie haben darauf geachtet, dass ich nicht reisse, dass die Fische herausgenommen werden, dass ich geflickt werde, wenn ich kaputtgehe …» Sie lacht. «Es war so peinlich – und zugleich so heilsam zu merken, dass man, auch wenn man kein Wort sagt, so wertgeschätzt und im Zentrum des Geschehens sein kann.»
Zerrissene Herzen und Gottes Entschuldigung
Im Bibliodrama versetzen sich die Teilnehmenden unmittelbar in die Rolle biblischer Figuren und spielen Bibelgeschichten mit ihren ganz persönlichen Worten und Gefühlen nach. Die Form ermöglicht den Teilnehmenden, tiefer ins Bibelgespräch zu kommen, und wird auch in der Seelsorge angewendet. «Man kann ungefiltert sagen, was man fühlt oder denkt, weil man ja eine Figur spielt», erklärt Holler-Seebass. Die Sozialdiakonin hat erst kürzlich die Wislikofer Schule für Bibliodrama und Seelsorge abgeschlossen und leitet Bibliodramen in Kleingruppen an. Am 11. September bietet sie einen Bibliodrama-Workshop in der reformierten Kirche Pratteln an.
Am Anfang jedes Bibliodramas liest sie die ausgewählte Bibelgeschichte vor. Danach trägt die Gruppe Begriffe und Sätze zusammen und klärt offene Fragen. Rollen werden besetzt. Dabei können auch mehrere Personen die gleiche Figur spielen. Beim Bibliodrama handelt es sich nicht um ein Theater. Vielmehr geht es darum, eine Rolle mit eigenem Leben zu füllen. Im gemeinsamen «Spiel» setzen sich die Teilnehmenden mit verschiedenen Positionen auseinander. Dabei kommen viele Themen an die Oberfläche, die nicht nur zu Bibelzeiten aktuell waren, sondern Teilnehmende auch im Hier und Jetzt beschäftigen. «Das eigene Leben spielt immer mit.»
Einmal habe sie in der Rolle eines Priesters einen Spruch aus dem Buch Joel gesagt, erzählt Holler-Seebass: «Zerreisst euer Herz und nicht eure Gewänder.» Darauf habe ein Mann geantwortet: «Mein Herz wurde zerrissen, aber nicht von mir.» Holler-Seebass fühlte sich in ihrer Rolle verantwortlich. «In dem Moment wusste ich, dass dieser Mann eine Entschuldigung braucht, und zwar von Gott. Ich sagte ihm also, wie leid es mir tue, dass er sich von Gott nicht gesehen und geheilt fühlt. Daraufhin brach er in Tränen aus.»
Gottes Sohn zu sein, ist eine grosse Aufgabe
Dass sich Menschen von Jesus nicht gesehen fühlen, komme immer wieder vor. Aber: «Alle Menschen zu sehen und zu trösten, ist eine Riesenaufgabe!» Man lerne in der Rolle von Jesus erst so richtig, wie es für den Sohn Gottes gewesen sein muss. Aber auch witzige Momente machen das Bibliodrama aus. Einmal wollte ein Jesus gerne noch mehr Menschen im Teich Bethesda heilen, doch der Teich hatte genug und wollte nicht mehr bewegt werden.
«Es ist enorm, welche Tiefe im Bibliodrama steckt», sagt Holler-Seebass. «Seit ich das mache, merke ich, wie fest die biblischen Geschichten im Hier und Jetzt spielen. Eine Tageszeitung ist morgen schon alt, die Bibel ist morgen immer noch aktuell.»
Bibliodrama: Freitag, 11. September, 19 Uhr, reformierte Kirche Pratteln. Anmeldung bis 10. September bei Roswitha Holler-Seebass: roswitha.holler@ref-pratteln-augst.ch, 077 529 53 07
Im Bibliodrama spielt das eigene Leben mit