Baselland, Basel-Stadt, Luzern, Schaffhausen, Schwyz, Solothurn, Uri, Zug

«Je mehr Frauen leiten, desto grösser ist die Signalwirkung»

min
03.06.2022
Im Mai haben die beiden höchsten Reformierten die Kirchgemeinde Lostorf besucht. Rita Famos, Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz EKS, und Evelyn Borer, Synodepräsidentin der EKS, sprachen mit dem Kirchenboten über Frauen in Kirchenämtern, die Zukunft der Kirchen und die Kunst zu streiten.

Rita Famos, der Jubil√§ums-Gottesdienst in Lostorf steht unter dem Motto ¬ęIn gemeinsamer Mission unterwegs - lokal, kantonal, national¬Ľ. Wie sehr hat die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz die einzelnen Kirchgemeinden im Blick?
Die Kirchgemeinden bilden die Basis unseres Kirchenseins. Dort passiert das Wesentliche unseres Auftrags, die Verk√ľndigung des Evangeliums in Wort und Tat. Dort sind wir nahe bei den Menschen, durch die Pfarrpersonen, die Sozialdiakone und all die Freiwilligen. Die Kirchgemeinden bilden die Vielfalt unseres Kirchenseins ab. Alle Trends und Entwicklungen fangen in den Kirchgemeinden an. Deshalb ist mir der Kontakt zu den Gemeinden wichtig, dort sp√ľre ich, was die Sorgen sind und wo neue kirchliche Initiativen aufkeimen. Ich freue mich deshalb sehr, diesen Gottesdienst in Lostorf zu feiern. Zudem bin ich in Utzendorf, an der Grenze zum Kanton Solothurn aufgewachsen.

Evelyn Borer, Sie sind Pr√§sidentin einer kleinen Kantonalkirche. K√∂nnen diese neben den grossen wie Z√ľrich und Bern bestehen?
Wir bem√ľhen uns, pr√§sent zu sein. Die Kunst in der Politik ist, Kooperationen zu finden, sei es mit anderen Kleinen oder mit den Grossen. Grunds√§tzlich stehen die Kantonalkirchen nicht in Konkurrenz. Wir haben die gleichen Aufgaben, die kleinen verf√ľgen lediglich √ľber weniger finanzielle und personelle Ressourcen.

Treten die Nordwestschweizer Kantonalkirchen bei der EKS gemeinsam auf?
Borer: Ja, wir bringen zusammen Vorst√∂sse ein und k√∂nnen bei Wahlen, wie jetzt im Juni, auch Kandidaten gemeinsam unterst√ľtzen. So gelingt es uns, dass man uns wahrnimmt.

Rita Famos, was zeichnet die reformierte Kirche Kanton Solothurn aus?
Die Solothurner Kirche ist mit ihren √∂kumenischen Projekten, zum Beispiel in der Spitalseelsorge sehr innovativ unterwegs. Wie alle zahlenm√§ssig kleinen Kirchen ist sie ein Vorbild f√ľr all die grossen Kantonalkirchen, die damit hadern, dass sie die Mehrheiten verlieren. Die Lebendigkeit und die Wirkung sind nicht abh√§ngig von der Gr√∂sse. Dies vorzuleben, ist eine wichtige Funktion gerade der kleinen Kirchen.

Mit Ihnen beiden sind die h√∂chsten √Ąmter der Evangelisch-reformierten Kirche der Schweiz mit Frauen besetzt. Das ist historisch einmalig. Was bedeutet dies f√ľr die religi√∂se Landschaft?
Borer: Das zeigt, Frauen k√∂nnen genauso gut oder besser f√ľhren. Ich hoffe, dass wir mit unserer Pr√§senz die weiblichen Kr√§fte st√§rken und anderen Frauen zeigen, ihr k√∂nnt das ebenso gut. Selbst wenn ihr ein rauer Wind entgegenweht, kann Frau standhalten. Man darf nicht √ľbersehen, die F√ľhrungsstruktur in der Kirche ist nach wie vor m√§nnlich. Frauen sind in den Leitungen noch immer in der Minderheit.
Famos: Klar gab es ein grosses Medienecho, als ich als erste Frau zur Pr√§sidentin der EKS gew√§hlt wurde. Ich habe aber das Gef√ľhl, im Alltag ist Leitung durch Frauen selbstverst√§ndlich geworden. Und je mehr Frauen Leitungs√§mter wahrnehmen, desto gr√∂sser die Signalwirkung f√ľr andere Frauen. Und wir zeigen den anderen Religionsgemeinschaften, die Kirche geht nicht unter, wenn Frauen f√ľhren (lacht).

Die katholische Kirche kennt auf dieser Stufe nur Männer. Nehmen die Bischöfe Sie als Frau ernst?
Famos: In der √Ėkumene pflegen wir eine gute Zusammenarbeit, wir begegnen uns auf Augenh√∂he. Die Bisch√∂fe k√∂nnten es sich im Schweizerischen Kontext gar nicht leisten, uns Frauen nicht ernst zu nehmen.

Und mit den anderen Religionen?
Famos: Auch im Rat der Religionen, in dem ich die einzige Frau bin, spielt es keine Rolle, ob die Vorstösse von einem weiblichen oder männlichen Mitglied kommen.

 

¬ęIch habe die Vision, dass die Kirche der Ort sein k√∂nnte, wo man miteinander in aller Verschiedenheit zusammenkommt.¬Ľ
Rita Famos

 

Rita Famos, anl√§sslich Ihrer Wahl zur Pr√§sidentin der EKS haben Sie gesagt, die Kirche biete einen ¬ęgeschuŐątzten Raum, wo Menschen mit unterschiedlichen Meinungen miteinander im Gespr√§ch sind¬Ľ. Unsere Gesellschaft ist sehr polarisiert. K√∂nnte dies eine der wichtigen Aufgaben der Kirchen in der Zukunft sein?
Ja, ich habe die Vision, dass die Kirche der Ort sein k√∂nnte, wo man miteinander in aller Verschiedenheit zusammenkommt. Ich habe in den vergangenen Jahren erlebt, dass man trotz Kontroversen gute Gespr√§che f√ľhren kann. Nat√ľrlich gibt es Diskussionen, die nicht von einer guten Streitkultur zeugen und die Polarisierung der Gesellschaft abbilden. Die Art und Weise, wie heute teils in den pers√∂nlichen Zuschriften verurteilt und gedroht wird, schockiert mich. Ich denke, wir k√∂nnen uns in unserer Streitkultur noch verbessern.

√úber was regten sich die Leute auf?
Famos: Die Schreiben bezogen sich auf die ¬ęEhe f√ľr alle¬Ľ und die Aufarbeitung der Causa Locher. Ich finde es wichtig, dass man sich √§ussert, wenn man nicht einverstanden ist. Man muss dabei aber nicht gleich das J√ľngste Gericht auffahren. Doch wir sollen streiten. Die reformierte Kirche ist aus der Disputation entstanden. Die Frage ist nur, wie streitet man? Der Disput sollte von Argumenten geleitet sein und nicht von pers√∂nlichen Beleidigungen.

Evelyn Borer, welche gesellschaftlichen Aufgaben werden die Kirchen k√ľnftig haben?
Die Aufgaben bleiben die gleichen wie heute. Es wird aber schwieriger, sie zu erf√ľllen. F√ľr mich ist die Seelsorge zentral, und dies nicht nur als Institution. Die Kirchgemeinden k√∂nnen mit ihren Freiwilligen im sozialen Bereich einen anderen Kontext bieten als die politischen Gemeinden. Sie k√∂nnen Gemeinschaft bieten f√ľr Leute, die den Anschluss nicht finden oder die bei uns aufgenommen werden m√ľssen. Wie j√ľngst die ukrainischen Fl√ľchtlinge. Solche Hilfeleistungen haben viel mit Seelsorge zu tun. Eine andere Aufgabe der Kirche ist die Verk√ľndigung, die mit Hoffnung verbunden ist.

Was sind die Herausforderungen f√ľr die reformierte Kirche?
Famos: Wir sollten vor lauter Sorge √ľber den Mitgliederverlust und die schwindenden Ressourcen die Freude am lebendigen und vielf√§ltigen Kirchensein nicht verlieren. Unser Auftrag ist die Verk√ľndigung des Evangeliums in Wort und Tat, den sollen wir fr√∂hlich und selbstbewusst wahrnehmen. Die Diakonie, das Einstehen f√ľr eine solidarische Schweiz an der Seite der Schw√§chsten im Sinn der Bundesverfassung ist ein wichtiger kirchlicher Beitrag zum Wohlergehen der gesamten Gesellschaft. Gleichzeitig ist es unser Auftrag, die Wertedebatte zu f√ľhren und durch die Verk√ľndigung Hoffnung und Zuversicht zu verbreiten. Dies sind unsere Kernauftr√§ge, gerade auch in einer Gesellschaft, die s√§kularer wird.

Selbst dann, wenn die Zahl der Reformierten weiterhin abnimmt?
Famos: Ja, unser Auftrag bleibt relevant, auch wenn die Reformierten keine Mehrheit mehr bilden. Ich lerne viel aus der Begegnung mit der franz√∂sischen Kirche oder den Waldensern in Italien. Auch als Minderheiten leisten sie Beachtliches. Wir jammern oft auf hohem Niveau. Besser w√§re es, mit der Kraft der Botschaft ein gesundes Selbstbewusstsein auszustrahlen und uns nicht st√§ndig auf die Nabelschau zu fokussieren. Das ist unsere Herausforderung. Wir sind nicht wegen uns als Kirche relevant, sondern weil wir eine kostbare Botschaft zu verk√ľnden haben. Die Botschaft, dass Gott jeden Menschen ohne Bedingungen annimmt, und dies das Leben der Menschen pr√§gt.

 

¬ęDie F√ľhrungsstruktur in der Kirche ist nach wie vor m√§nnlich. Frauen sind in den Leitungen noch immer in der Minderheit.¬Ľ
Evelyn Borer

 

Sie beide traten Ihr Amt an, nachdem der damalige Pr√§sident Gottfried Locher auf Grund des Vorwurfs der Grenzverletzung zur√ľckgetreten war. Die EKS hat diese Geschichte aufgearbeitet. Evelyn Borer, welche Lehren zieht die EKS aus der Causa Locher?
Die Untersuchungskommission hat 17 Empfehlungen festgehalten, die drei Schwerpunkte haben. Erstens: Man soll die Reglemente so anpassen, dass der Weg der Beschwerde gew√§hrleistet ist, falls sich jemand bel√§stigt f√ľhlt. Zweitens: Man hat das Rollenverst√§ndnis des Pr√§sidiums gekl√§rt und die Aufgaben und Kompetenzen pr√§zisiert. Und drittens: Man hat die Mitglieder f√ľr den Umgang miteinander sensibilisiert: Was darf man und was nicht? Wo finden Grenzverletzungen statt? Wichtig ist, der Umgang mit der Macht sowie die Verletzung der pers√∂nlichen Integrit√§t verlangen als Themen stetige Aufmerksamkeit.

Gottfried Locher ist inzwischen, wie die Medien berichteten, aus der reformierten Kirche ausgetreten. Rita Famos, was sagen Sie dazu?
Es sagt viel aus, √ľber seine damalige Motivation, Kirchenpr√§sident der Reformierten zu sein. Und es entspricht dem von ihm so viel kritisierten Zeitgeist zu sagen, ich bin zwar Christ und trete gleichzeitig aus der Kirche aus. Das ist eine Entsolidarisierung mit all den Menschen, welche die Traditionen, die Strukturen, den Auftrag und das kulturelle Erbe mit ihrem pers√∂nlichen und finanziellen Engagement aufrechterhalten.

Vom Austritt zum Eintritt: Welche Gr√ľnde gibt es, um in die Kirche einzutreten?
Borer: Um an der Wertedebatte teilzunehmen und Teil dieser Gemeinschaft zu werden, die sich in der Gesellschaft engagiert. Dies geh√∂rt f√ľr mich zum Menschsein.
Famos: In seiner Rede vor dem russischen Gericht hat Menschenrechtsaktivist Alexei Nawalny erkl√§rt, das Ziel eines absoluten Staates sei es, die Menschen einsam zu machen und ihnen so die Kraft zu nehmen. In der Gemeinschaft ist eine unglaubliche Kraft. Die christliche reformierte Spiritualit√§t hat zwei Aspekte. Das Individuelle: Du stehst direkt Gott gegen√ľber und kannst deinen Glauben frei leben. Und die Gemeinschaft: Die christliche Spiritualit√§t f√ľhrt in eine Gemeinschaft, in welcher der eine des anderen Last trage. Ohne Gemeinschaft ist unsere Spiritualit√§t verk√ľrzt. Man kann sich selber nicht gen√ľgen, man braucht den Diskurs mit den anderen, um das Wort auszulegen. Und alleine erzielt man nicht die gleiche Wirkung. Die Gemeinschaft hilft einem in Krisenzeiten, den Glauben lebendig zu halten. Wenn ich selber nicht mehr beten kann, dann kann der neben mir vielleicht f√ľr mich beten. Das sind Gr√ľnde, um ein Teil der reformierten Gemeinschaft zu sein.

Interview: Tilmann Zuber, kirchenbote-online

Unsere Empfehlungen

Mitglied sein oder nicht

Mitglied sein oder nicht

Die digitale Grossgruppen-konferenz der Reformierten Kirche des Kantons Luzern hat sich innert kurzer Zeit zu einem nationalen Event etabliert. Über 200 Teilnehmende aus allen Regionen und Bereichen nahmen teil und diskutierten über das Mitgliedsein.
Den Wandel meistern

Den Wandel meistern

Am 30. April stimmen die Mitglieder der Evangelisch-reformierten Kirche Basel-Stadt über die Totalrevision der Kirchenverfassung ab. Für deren Annahme braucht es eine Zweidrittelmehrheit.
51 Jahre für die Musik

51 Jahre für die Musik

Als 15-Jährige spielte Elisabeth Schenk erstmals in einem Gottesdienst. Der Winznauer Pfarrer hatte sie angefragt. Aus diesem Auftritt wurden 51 Jahre, in denen Schenk die Kirch­gemeinde musikalisch begleitete.