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«Kleidervorschriften gehören nicht in die Verfassung»

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09.02.2021
Der Islamwissenschaftler Andreas Tunger-Zanetti forscht seit Jahren über den Islam in der Schweiz. Er lieferte die wichtigen Daten zur aktuellen Diskussion über das Burkaverbot. Für den Luzerner ist die Ablehnung der Initiative eine Frage der politischen Klugheit.

Andreas Tunger-Zanetti, k├╝rzlich rief eine Leserin an und erkl├Ąrte, sie wolle keine verh├╝llten Frauen in der Schweiz sehen. Ist dies verst├Ąndlich?
Auch ich kenne sch├Ânere Anblicke als eine schwarz verh├╝llte Gestalt. Doch wir sind laufend mit Erscheinungen konfrontiert, die uns nicht gefallen. Als B├╝rgerinnen und B├╝rger m├╝ssen wir sie ertragen, sofern sie zu den Grundrechten geh├Âren und niemandem schaden.

Ihre Forschung hat gezeigt, dass die Wahrscheinlichkeit, in der Schweiz einer Frau in einer Burka oder einem Niqab zu begegnen, gering ist. Sie gehen von lediglich 30 Frauen aus, die sich so verh├╝llen. Warum wirft dieses Thema trotzdem solche Wellen?
Die Erscheinung irritiert ungemein, auch mich. Sie weckt bei den meisten Leuten Bilder, die uns die Medien von Krieg und Terrorismus aus dem Nahen Osten ├╝bermitteln. In diesen Gesellschaften werden Frauen tats├Ąchlich unterdr├╝ckt. Deshalb verkn├╝pft man den Niqab und die Burka reflexartig mit diesem Problem. Man verkennt jedoch, dass der Kontext, in dem diese Kleidung in ├ägypten oder Afghanistan getragen wird, ein v├Âlliger anderer ist als hier in der Schweiz.

Wer tr├Ągt in der Schweiz eine Burka?
Die afghanische Burka kommt nicht vor. Den nah├Âstlichen Niqab tragen Frauen, die im fr├╝hen Erwachsenenalter den Islam f├╝r sich als bedeutsam entdeckt haben. Sie stammen aus muslimischen, christlichen und konfessionslosen Familien. F├╝r sie ist diese Kleiderform wichtig als Akt ihrer Fr├Âmmigkeit. Dazu kommt: Sie wollen selbst bestimmen, wie viel sie von ihrem K├Ârper in der ├ľffentlichkeit zeigen. Manchmal kommt noch eine Note des Protests gegen die Familie oder Gesellschaft hinzu.

So wie die gr├╝nen Haare bei den Punks?
Ja, soweit es den Protest betrifft, kann man dies mit gr├╝nen Haaren und dem Irokesenschnitt vergleichen. In Frankreich zeigen Studien, dass die religi├Âse Praxis bei manchen Burkatr├Ągerinnen nicht so konsequent ist, wie ihre Kleidung glauben macht.

Die Vertreterin eines fortschrittlichen Islams Saïda Keller-Messahli bezeichnet die Burka als Kleidung des IS.
Da gehen die Assoziationen wild durcheinander. Die Forschung zeigt klar, dass in Europa zwischen Niqabtr├Ągerinnen und dem dschihadistischen Islam des IS nur am ├Ąussersten Rand Ber├╝hrungspunkte bestehen. Nat├╝rlich gibt es ganz vereinzelt Niqabtr├Ągerinnen, die aus Westeuropa zum IS ausgewandert sind, auch aus der Schweiz ist ein Fall bekannt. Die grosse Mehrheit der Frauen, die sich verh├╝llen, bedient sich lediglich salafistischer Konzepte. Das heisst, sie legen die religi├Âsen Quellen sehr buchstabengetreu aus.

Fakt ist, in islamischen L├Ąndern wie Afghanistan, Saudi-Arabien oder dem Iran werden Frauen gezwungen, sich zu verh├╝llen, ansonsten drohen drakonische Strafen. Sie haben keine freie Wahl. Die Burka ist das Symbol dieser Unfreiheit.
Nat├╝rlich ist in diesen L├Ąndern die Religion eng verkn├╝pft mit staatlichen Regulierungen, die tief in die Privatsph├Ąre der B├╝rger eingreifen. In der Schweiz haben wir einen v├Âllig anderen Kontext. Hier kann die Frau frei w├Ąhlen, was sie anziehen m├Âchte.

Freiheit ja, aber die Kleidung bestimmt das Leben. Der Berner Imam Mustafa Memeti begr├╝sst die Initiative. Frauen, die eine Burka tragen, k├Ânnten sich nicht in die Gesellschaft integrieren, so seine Argumentation. In der Tat: Burkatr├Ągerinnen haben auf dem Arbeitsmarkt einen schweren Stand.
Richtig, mit dieser Aufmachung finden Sie schwerlich eine Arbeitsstelle. Aber diese Frauen haben nicht die Absicht, sich zu bewerben. Einzelne sind Singles und gehen einem Beruf als Freischaffende nach, etwa in der Kosmetikbranche. Andere sind bewusst Hausfrau und Mutter und suchen keine Anstellung ausser Haus. So hat jede ihre Nische gefunden. Die Frage der Integration ist ein falscher Blickwinkel, die meisten dieser Frauen haben hier die Schulen besucht und reden Schweizerdeutsch.

Der Rat der Religionen, in denen auch die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz vertreten ist, lehnt die Initiative ab. Die Begr├╝ndung lautet, dass die Verh├╝llung des K├Ârpers Ausdruck der Ehrfurcht vor der Heiligkeit Gottes ist. Passt eine solche Argumentation in eine liberale Gesellschaft?
Diese Begr├╝ndung sagt Gl├Ąubigen etwas. Sie sollte so formuliert werden, dass auch s├Ąkulare Menschen sie verstehen k├Ânnten.

Wie w├╝rden Sie dieses Argument ├╝bersetzen?
Kleidung ist eine h├Âchst pers├Ânliche Angelegenheit, ebenso die Scham und die religi├Âse Praxis, ├╝ber die jeder und jede selber bestimmen sollte, solange es die Grundrechte eines Dritten nicht einschr├Ąnkt.

Im Zusammenhang mit dem Niqab reden alle vom politischen und radikalen Islam. Man ├╝bersieht, dass die allermeisten Muslime in der Schweiz einen sehr liberalen Glauben haben. Nur ein kleiner Teil besucht regelm├Ąssig die Moschee oder schickt seine Kinder in den Koranunterricht. F├╝r sie ist die Verh├╝llung kein Thema.
Nat├╝rlich, die wenigsten tragen einen Niqab. Andererseits sollte man den Gedanken der Solidarit├Ąt nicht untersch├Ątzen. Das Ja zur Minarett-Initiative empfanden viele Muslime als Zeichen gegen den Islam, selbst wenn sie sich selber nie f├╝r den Bau von Minaretten eingesetzt h├Ątten. Das Gleiche k├Ânnte nun wieder stattfinden. Die meisten Musliminnen in der Schweiz w├╝rden sich nie verh├╝llen, ihre M├Ąnner dies auch nicht w├╝nschen. Trotzdem werden sie dies als Fusstritt gegen den Islam im Allgemeinen empfinden. Das st├Ąrkt bei ihnen das Gef├╝hl, in der Schweiz Fremde zu sein. Und dies kann nicht im Interesse der Gesellschaft liegen.

Zum Schluss: Warum sollte man nach Ihrer Meinung nach die Initiative ablehnen?
Ich spreche jetzt als B├╝rger und nicht als Wissenschaftler: Kleidervorschriften haben nichts in der Verfassung zu suchen. Den radikalen Islam, den es in der Schweiz in einem sehr kleinen Ausmass gibt, bek├Ąmpft man mit anderen Mitteln.

Was ├Ąndert sich, wenn die Initiative angenommen wird?
Unmittelbar nichts. Aber es ist politisch nicht klug, einem Teil der Bev├Âlkerung das Gef├╝hl zu geben, hier nicht willkommen zu sein. Der eine oder andere k├Ânnte dies in Zukunft zum Anlass nehmen, Gewalttaten zu rechtfertigen. Es gibt Hinweise aus der Forschung, dass Verh├╝llungsverbote L├Ąnder wie Frankreich nicht sicherer machten, sondern eher zur Zielscheibe von islamisch begr├╝ndeten Gewalttaten oder Anschl├Ągen. Aber die Faktenlage f├╝r diese These ist noch nicht solide genug.

Interview: Tilmann Zuber, kirchenbote-online

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