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Fokusthema: Anstand

Kniggekurs: Mit Stil zum Erfolg

von Reinhold Hönle, Journalist BR, Baden
min
21.04.2026
Benimmregeln sind nicht altmodisch. Wer sie kennt, macht es sich einfacher, Kontakte zu knüpfen und Erfolg zu haben. Deshalb ist es fortschrittlich, dass Schulen Expertin Katrin Künzle engagieren, damit sie den «Knigge» vermittelt.

Anstand kommt nicht von ungefähr, Eltern und Erwachsene sind Vorbilder. Dieser Meinung ist Katrin Künzle, die für alle Generationen Knigge-Kurse zum respektvollen Umgang mit anderen Menschen gibt: bei Tisch, im Beruf, an Bewerbungsgesprächen. Besonders jugendlichen Berufseinsteigern fehlt die entsprechende Erfahrung. Schulen bereiten deshalb die zukünftigen Lernenden auf den «Knigge» in der Arbeitswelt vor. So auch in Frick AG.

Händedruck und Augenkontakt

Hier unterrichtet Tatjana Frischknecht in den Klassen der 2. Oberstufe das Fach «Berufliche Orientierung». Sie hat die Knigge-Thematik an den Anfang der alljährlichen Projektwoche gestellt. «Es ist ein Irrtum, zu glauben, gute Noten allein würden ausreichen, um eine Lehrstelle zu bekommen», sagt sie. «Selbst in Zeiten des Fachkräftemangels legen die Unternehmen Wert darauf, dass Jugendliche ein Mindestmass an Umgangsformen mitbringen.» Der anderthalbstündige Kurs liefert den Klassen ein Grundwissen für die folgenden Tage, in die das lokale Gewerbe eingebunden ist. Die Gewerbetreibenden führen Bewerbungsgespräche durch, in denen die Schülerinnen und Schüler das Erlernte trainieren können, laden sie zu Betriebsbesichtigungen ein und lassen Lehrlinge über ihre Ausbildung Auskunft geben.

Bei der Begrüssung kommt es vor allem auf den Augenkontakt und den Händedruck an

Die Unruhe im Klassenzimmer ist gross, bevor Künzle ihren Crashkurs startet. Doch die Aufmerksamkeit steigt rasch, als sie demonstriert, wie der erste Eindruck zustande kommt, der für alles Weitere den Weg bahnt. «Bei der Begrüssung kommt es vor allem auf den Augenkontakt und den Händedruck an», hebt Künzle heraus. «Es ist aber auch wichtig, dass man sich vorstellt und einander möglichst mit Namen anspricht.» Nun wird zu zweit geübt. Obwohl manche dabei «das Kalb machen», zeigt das spätere Resümee der 13-Jährigen, dass sie die Hinweise ernst nehmen und einiges hängen geblieben ist. Das gilt auch für die Tipps zum Dresscode: etwa bei offiziellen Anlässen auf die heiss geliebten zerschlissenen Jeans und das T-Shirt mit auffälligem Druck zu verzichten. Der Klassiker ist hingegen ein sicherer Wert: oben weiss, unten schwarz.

Handy am Tisch — Chef explodiert

Wie wichtig es ist, gewisse Grundregeln des guten Benehmens einzuhalten, illustriert Künzle mit einer Anekdote. Als sie in einen Betrieb kam, um 20 Lernenden einen Benimmkurs zu geben, traf sie alle mit hängenden Köpfen an. Was war geschehen? Der Chef hatte die Belegschaft zum Mittagessen eingeladen und jeweils zwei Lernende mit erfahrenen Mitarbeitern an einen Tisch gesetzt, damit sie diese und den Betrieb kennenlernten. Als das Gros der Lernenden nach dem Essen sofort das Handy zückte und sich nur noch für Instagram und TikTok interessierte, stand der Firmenchef mit hochrotem Kopf auf und schimpfte: «Ich habe diesen Anlass organisiert und nicht wenig Geld dafür ausgegeben, um Ihnen hier den Einstieg zu erleichtern und es Ihnen zu ermöglichen, Kontakten zu knüpfen. Nun, da Sie nichts Besseres zu tun wissen, als auf Ihre Handys zu starren, würde ich Sie am liebsten wieder entlassen!»

Das Geschäft mit dem Anstand

Bei Künzle war es nicht ein solcher Schuss vor den Bug, der sie vor 25 Jahren ihre Berufung finden liess. Es waren die Faszination für die Verhaltensregeln, die Adolph Freiherr Knigge im 18. Jahrhundert in seinem Buch «Über den Umgang mit Menschen» beschrieben hatte, und die Tischsitten ihrer Kinder, die nicht ihren Vorstellungen entsprachen. Sie suchte nach einem Kurs für sie und realisierte, dass es nur kostspielige Angebote in Fünfsternehotels für Erwachsene gab. Sie gewann den erfahrenen Butler Peter Isler, um einen Kurs für Kinder zu entwickeln. «Der Kniggkids erfreut sich bis heute grossen Zuspruchs», sagt die Zürcherin. Im Lauf der Zeit kamen Angebote für Teenager, Schulen und Firmen hinzu. Die Nachfrage steigt – Benimmkurse sind ein Business. Eine einfache Google-Suche liefert ein halbes Dutzend Anbieter in der Deutschschweiz. Offenbar wächst im 21. Jahrhundert das Bedürfnis nach klaren Anstandsregeln – und der Wunsch, einen guten Eindruck zu hinterlassen.

 

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