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«Kritik muss man aushalten, sie ist notwendig»

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18.04.2016
An der Zürcher Goldküste leben viele Kunstinteressierte – die Erlenbacher Kirchgemeinde hat deshalb ein Kunstprojekt lanciert. Momentan sind in der Kirche Skulpturen von Kurt Sigrist zu sehen. Doch das Projekt stösst auch auf Kritik.

Ein Wagnis ist es ÔÇô und soll es auch sein. Die reformierte Kirche in Erlenbach an der Z├╝rcher Goldk├╝ste profiliert sich seit 2014 als eine Art Gesamtkunstwerk. Momentan sind in ihr und um sie massive begehbare Skulpturen des Plastikers Kurt Sigrist ausgestellt.

Von ┬źausstellen┬╗ m├Âchte der Erlenbacher Pfarrer Andreas Cabalzar bei einem Rundgang aber nicht reden, das Wort ┬źInterventionen┬╗ gef├Ąllt ihm besser. Man solle die Objekte nicht einfach bestaunen, sondern anfassen, begehen, sich von ihnen ber├╝hren lassen. ┬źWie besteht Kunst im Kirchenraum? Was erzeugt Reibung?┬╗ Das sind Fragen, die Cabalzar mit der Intervention ausl├Âsen will.

Der ┬źErdtisch┬╗ vor der Kirche
Es regnet, und der Verkehr ist laut, der direkt vor der Kirche auf der vielbefahrenen Seestrasse vorbeif├╝hrt. Beim Eingang stehen drei Stahlskulpturen: In der Mitte der grosse begehbare ┬źErdtisch┬╗, rechts und links stehen je eine ┬źBehausung┬╗. ┬źKurt Sigrist hat die Achse betont┬╗, erl├Ąutert Cabalzar, ┬źder ÔÇ╣ErdtischÔÇ║ vor dem Eingang ist auf einer Linie mit einem Objekt im Chor der Kirche und einem ausserhalb auf der Seeseite. Die drei bilden den Lebensbogen ab: Geburt, Transformation, Tod.┬╗

Dass die Kirchgemeinde Erlenbach sich so der Kunst widmet, hat einen soziologischen Hintergrund. Gem├Ąss einer Studie geh├Âren 75 Prozent der Gemeindemitglieder zu Leitmilieus und sind sehr kunstinteressiert. Mit der ehemaligen Kirchenpflegerin und Psychiaterin Ute Hock und dem Z├╝rcher Galeristen Mark M├╝ller hat Cabalzar deshalb das dreij├Ąhrige Kunstprojekt ┬źKulturKircheErlenbach┬╗ initiiert. Es kostet j├Ąhrlich rund 30ÔÇś000 Franken. Ende 2016 wird ├╝ber die Weiterf├╝hrung entschieden.

Der ┬źHirsch┬╗ in der Kirche
┬źDie neugotische Kirche ist ornamental ├╝berladen, deshalb haben wir hier im Innern nur f├╝nf Objekte aufgenommen┬╗, erl├Ąutert Cabalzar. Im Chor steht die Holzskulptur ┬źZeitraum Hirsch, Lebensraum┬╗. Man kann in sie hineinsitzen, auf dem Dach thront ein stilisiertes Hirschgeweih. ┬źEs erinnert an skandinavische Formen der Religiosit├Ąt, hat aber auch einen Bezug zu den Kerzenst├Ąndern in der Kirche┬╗, so Cabalzar.

Die Lancierung des Kunstprojekts war kein Spaziergang: An der Kirchgemeindeversammlung h├Ątten traditionell eingestellte Gemeindeglieder dreimal versucht, das Projektbudget zu streichen, ohne Erfolg, erz├Ąhlt Cabalzar. Und Wertkonservative h├Ątten Probleme, dass die Kirche Kunst beherberge, bei der der christliche Bezug nicht unmittelbar erkennbar sei. Im Unterschied zu deutschen Kunstkirchen, die alle umgenutzt seien, werde die Erlenbacher Kirche noch ganz normal als Gemeindekirche gebraucht.

┬źLa Terra┬╗ hinter der Kirche
┬źKritik muss man aushalten, sie ist notwendig. Eine Kirche, die sich aussetzt, ob politisch oder k├╝nstlerisch, muss mit Widerstand rechnen┬╗, meint Cabalzar. Eine Kirche, die sich bewege, bringe aber auch andere in Bewegung. Die Vernissage letzte Woche sei jedenfalls sehr gut besucht gewesen, die Reaktionen positiv.

Das gr├Âsste, bereits erw├Ąhnte Objekt ist ┬źLa Terra┬╗ aus Stahl und Erde hinter der Kirche, in das bis zu vier Personen einsteigen k├Ânnen. Allerdings ist es eng, und nur die K├Âpfe der Betrachter schauen heraus. ┬źDas Beklemmende steht f├╝r den Tod. Die Skulptur zeigt den Zusammenhang mit Religion. Poesie, Kunst und Religion gehen ineinander ├╝ber und sind vieldeutig┬╗, schw├Ąrmt Cabalzar. ┬źDie Konfirmanden haben ÔÇ╣La TerraÔÇ║ ├╝brigens k├╝rzlich neugierig in Besitz genommen, das war sehr sch├Ân.┬╗ Das Wagnis hat sich hier bereits gelohnt.

Die Intervention ┬źLa Terra┬╗ von Kurt Sigrist ist bis am 29. Oktober in der Kirche Erlenbach zu sehen, t├Ąglich von 8 bis 20 Uhr.

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von ┬źreformiert.┬╗, ┬źInterkantonaler Kirchenbote┬╗ und ┬źref.ch┬╗.

Matthias B├Âhni / ref.ch / 18. April 2016

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