«Man hängt in der Luft»
Kirchenbote: 2015 steht ein Fünftel weniger Pfarrstellen zur Verfügung. In diesem Frühjahr finden darum vorgezogene Wahlen statt. Wie geht es den Pfarrerinnen und Pfarrern dabei?
Joachim Finger: Die grosse Mehrheit muss eine Stellenreduktion hinnehmen. Das bedeutet weniger Einkommen. Bei jüngeren sind oft Kinder mitbetroffen.
Ariane Van der Haegen: Auch die Umstrukturierungen und die Gespräche in den Gemeinden bedeuten einen riesigen Aufwand.
Als Dekanin und Dekan sind Sie Seelsorgende für die Seelsorgenden. Welche Gefühlslage herrscht derzeit bei Ihren Kolleginnen und Kollegen vor?
Finger: Eine grosse Verunsicherung. Unsicher ist die Situation vor allem für die, die gerne bleiben möchten: Kann ich? Zu wie viel Prozent? Was gehört dann zu meinen Aufgaben? Man hängt in der Luft. Manchmal werden Kollegen auch zu Konkurrenten.
Wie gehen die Pfarrerinnen und Pfarrer damit um?
Van der Haegen: Das ist individuell. Die, die am meisten unter der Unsicherheit litten, suchten sich am schnellsten eine neue Stelle ausserhalb des Kantons. Andere bleiben und schlucken die Reduktion.
Das klingt nach Resignation.
Finger: Viele glauben nicht recht daran, dass sie bei weniger Stellenprozenten auch weniger Arbeit haben. Wie kann man zum Beispiel nur noch 75 Prozent des Unterrichts erteilen? Manche spüren auch, dass die Erwartungen der Gemeindemitglieder gegenüber dem Pfarramt unverändert hoch sind.
Abdankungen etwa werden ja nicht weniger. Bleibt da die Jugendarbeit auf der Strecke?
Finger: Im Gegenteil, in die Jugendarbeit muss investiert werden. Aber sie lässt sich jetzt schon regional organisieren.
Van der Haegen: Ja, in die Jugendarbeit muss eher investiert werden. Trotzdem muss man überall auch die traditionellen Aufgaben hinterfragen. Zum Beispiel: Muss an einer Abdankung immer gepredigt werden?
Werden in Zukunft Freiwillige die Hausbesuche übernehmen und auf die Kanzel steigen?
Van der Haegen: Es wird viel davon geredet, mehr Freiwillige einzubinden. Doch wo und wie das geschehen soll, ist noch wenig klar. Ausserdem bedeutet es viel Arbeit, die Freiwilligen zu rekrutieren, auszubilden und zu begleiten.
Besteht in Zukunft die Gefahr, dass die Qualität des Pfarramts abnimmt?
Van der Haegen: Nur wenn wir weiter alles gleich machen. Wenn nicht mehr jede Pfarrerin, jeder Pfarrer alles machen muss, sondern mehr eigene Stärken einsetzen kann, dann wird die Qualität eher zunehmen.
Steht die Pfarrerschaft hinter der Strukturreform?
Van der Haegen: Sie ist eine unumgängliche Reaktion auf die finanzielle Situation.
Finger: Die Schaffhauser Kirche führt sie auf vergleichsweise gute Art durch: Die Kirchgemeinden haben viel Mitwirkungsmöglichkeit. Ganz anders war es im Kanton Waadt: Dort wurde allen Pfarrpersonen gekündigt und alle mussten sich neu um eine Stelle bewerben.
Wie bringt die Pfarrerschaft ihre Interessen ein?
Finger: Der Kirchenrat hat der Synode aufgrund der Vorarbeiten der Strukturkommission, in der auch Pfarrpersonen beteiligt sind, ein Dekret zum Umfang der pfarramtlichen Arbeit vorgelegt. Der Pfarrkonvent hat dazu eine Stellungnahme verfasst und Änderungswünsche eingebracht.
Van der Haegen: Ein weiterer Punkt im Konvent war, dass alle Pfarrpersonen so früh wie möglich informiert werden, wenn das Pensum reduziert wird oder die Gemeinde die Zusammenarbeit mit einem anderen Pfarrer sucht.
2013 verliessen fünf Pfarrpersonen den Kanton. Ist ein weiterer Exodus zu erwarten?
Van der Haegen: Das ist schwer zu sagen. Einige sind sehr ortsgebunden und haben Kinder in der Schule. Da ist ein Umzug schwieriger.
Es wird teilweise sehr kleine Pfarrpensen geben, etwa 25 Prozent in Buch. Ist das überhaupt realistisch?
Van der Haegen: Ich finde das gar nicht so schlecht. Man sollte einerseits volle und daneben wirklich kleine Pensen schaffen. Bei einem Pensum von 25 Prozent ist klar, dass man beispielsweise nur einen Gottesdienst im Monat hält und dass man nicht immer vor Ort sein muss. Bei 50 Prozent ist es viel schwieriger, sich abzugrenzen.
Apropos vor Ort sein: Bei der Abstimmung über den Staatsbeitrag an die Kirchen zeigte sich, dass einige Gemeinden, in denen keine Pfarrperson wohnt, gegen die Anliegen der Kirchen stimmten. Ist ist die Kirche dort weniger verankert?
Van der Haegen: Das ist tatsächlich eine Herausforderung: Eine Pfarrperson muss sich neu beispielsweise als Pfarrerin von drei Dörfern verstehen.
Finger: Der katholische Pastoralraum Neuhausen/Hallau macht vor, wie es gehen kann. Da gibt es auch nur noch zwei Pfarrhäuser: in Hallau und in Neuhausen. Die einzelnen Pfarreiräte müssen sich stärker engagieren.
Wird die Wohnsitzpflicht abgeschafft?
Van der Haegen: Darüber muss man sicher nachdenken.
Welche Auswirkung hat das auf das Bild des Pfarrberufes, wenn der Pfarrer nicht mehr vor Ort ist?
Van der Haegen: Wenn der Pfarrberuf umgekrempelt wird, sehe ich das eher als Chance. Heute ist er für viele Junge nicht attraktiv.
Finger: Ich denke, der Kirchenstand, insbesondere das Präsidium des Kirchenstandes, wird mehr zu einem Amt mit öffentlich wirksamer Funktion. Anlaufstelle und Ansprechperson sein, den Überblick über die Dienstpläne und Zuständigkeiten haben: luege und luege, das glueget wird.
Barbara Helg
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