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«Manche verzweifeln, viele aber erkämpfen sich ein neues Leben»

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01.01.2016
Eine Querschnittslähmung reisst gesunde Menschen mit Wucht aus der Normalität. Als Spitalpfarrerin im Paraplegikerzentrum Nottwil steht Ursula Walti den Patienten zur Seite.

Ein Kopfsprung in zu flaches Wasser, ein unglücklicher Sturz von der Leiter: Eine Querschnittlähmung durch einen Unfall ist schnell passiert. Die Folgen sind tief greifend, das Leben der Betroffenen und ihrer Angehörigen wird komplett auf den Kopf gestellt. Als reformierte Spitalpfarrerin im Paraplegikerzentrum Nottwil ist Ursula Walti tagtäglich mit Schicksalen konfrontiert, von denen jeder hofft, selbst nie betroffen zu sein. Ihre katholische Kollegin Renate Förster und sie haben im hektischen Klinikalltag vor allem eines: Zeit um da zu sein, den Patienten zuzuhören und zusammen mit ihnen nach Quellen von Kraft und Hoffnung zu suchen.

Existenzielle Sorgen
Wenn sich das Leben von einem Tag auf den anderen schlagartig verändert, sind die Auswirkungen drastisch. «Viele Patienten müssen hier einen völlig neuen Umgang mit ihrem Körper lernen», erklärt die Pfarrerin. Zur medizinischen Seite Operationen, langwierige und oft schmerzhafte Rehabilitation kommen andere Faktoren. «Die Patienten sind durch Unfall oder Krankheit in vielen grundlegenden Dimensionen erschüttert, verunsichert und verletzt. Existenzielle Fragen tauchen auf, die oft auch religiöse Aspekte berühren. Auch diese können Angst machen», weiss Ursula Walti. Sinnfragen, finanzielle Sorgen, die Frage, wo man künftig wohnen kann, oder Beziehungsprobleme quälen die Patienten während ihrer oft mehrmonatigen Aufenthalte in Nottwil. «Leider gehen nicht wenige Partnerschaften nach einem solchen Schicksalsschlag in die Brüche», so die Seelsorgerin.
«Als Aussenstehende vermutet man, dass die Frage nach dem Warum bei vielen Gesprächen im Mittelpunkt steht», so Ursula Walti. «Doch viele Patienten sagen mir: Grübeln bringt doch nichts ich brauche meine Kraft, um vorwärts zu blicken. Sie konzentrieren sich auf ihre verbliebenen Möglichkeiten und freuen sich über kleinste Fortschritte, die für ihre Lebensqualität oft einen Riesengewinn bedeuten.»

Freunde tun alles
Neben allem Leid sieht sie aber auch viel Mutmachendes: wie Patienten oder Angehörige regelrecht über sich hinauswachsen, wie Freunde von jungen Unfallopfern alles tun, um der Kollegin beizustehen. Sie berichtet von der Frau, die sagte: «Warum soll es denn nicht mich treffen und immer nur die anderen?» Oder sie erzählt von dem jungen Mann, der sich durch einen Autocrash das Leben nehmen wollte und als Tetraplegiker im Spital wieder aufwachte und nun ein Leben lang vollkommen abhängig von anderen Menschen bleibt. «Er, der früher nie gelesen hatte, fand während seiner Rehabilitation den Zugang zur Bibel und Freude an Gesprächen über Gott und die Welt», erzählt die Theologin.
Dunkle Momente ernst nehmen
Doch genauso erlebt Ursula Walti im Spital die dunklen Seiten, trifft auf die Verzweifelten, die sich ein Leben mit den umfangreichen Einschränkungen, die eine Lähmung mit sich bringt, nicht vorstellen können und Suizidgedanken äussern. «Dann schaue ich genau hin, höre zu, bin aufmerksam und nehme die Betroffenen ernst», erklärt die Seelsorgerin. «Viele Frischverletzte haben irgendwann solch tiefe Krisen. Begegne ich ihnen später wieder, haben sie diese Krise zumeist überwunden und stehen voll im Leben.
-ieftraurig oder nach einem Erfolgserlebnis gerade aufgestellt Ursula Walti weiss nie in welcher Gemütslage sie die Patienten antrifft. «Ich bin ein Typ, der sehr präsent im Moment ist», sagt sie. «Ich komme nicht mit der Vorstellung, auf diese oder jene Art helfen zu wollen.» Sie versuche vielmehr im Moment der Begegnung zu erfassen, was den Patienten bewegt und was ihm jetzt gut tun könnte ein Gespräch, frische Luft, gemeinsames Schweigen, ein Gebet, ein Besuch im neu gestalteten interreligiösen Andachtsraum.
Die beiden Seelsorgerinnen bieten Rituale und regelmässig Gottesdienste an. «Patentrezepte gibt es nicht», sagt Ursula Walti. «Einige kommen mit einer Querschnittslähmung nie zurecht, die meisten erkämpfen sich aber ein neues Leben. Die Menschen hier sind so verschieden, wie ausserhalb des Spitals auch.»




Offenes Ohr für alle
Ursula Walti ist seit 2011 im Schweizer Paraplegikerzentrum Nottwil als reformierte Spitalpfarrerin tätig. Sie hat ein 70 Prozent-Pensum, ihre katholische Kollegin Renate Förster ein 60 Prozent-Pensum. Die Spezialklinik hat 140 Patientenbetten und über 1400 Mitarbeitende. Die Seelsorgerinnen sind gemäss ihrem Auftrag für alle Patienten, Angehörige und Mitarbeitende da, unabhängig von deren Religionszugehörigkeit oder Glaubensauffassung.


Zum Bild: «Ich komme nicht mit der Vorstellung, auf diese oder jene Art helfen zu wollen»: Spitalpfarrerin Ursula Walti im Gespräch mit einer Patientin.| Anderhub

Annette Meyer zu Bargholz

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