Matthias Ammann: Gemeinsam gegen den Fachkräftemangel
Die sechs reformierten Landeskirchen von Luzern, Nid- und Obwalden, Uri, Schwyz sowie Zug reagieren gemeinsam auf den Fachkräftemangel in den Kirchen. Seit fünf Monaten leitet Matthias Ammann das neu geschaffene Projekt zur Förderung kirchlicher Berufe. Ammann selbst bringt eine ungewöhnliche Biografie mit: Erst distanziert von der Kirche, steht er heute mitten in der Aufbauarbeit für deren berufliche Zukunft. Er hatte wenig Bezug zur Kirche, bis er sich Anfang Jahr mit einem möglichen Quereinstieg in die Theologie beschäftigte. Der Prozess führte ihn nicht nur zum Quest-Studium, das er bald beginnen will, sondern auch zu einer neuen beruflichen Perspektive: «Ich habe gemerkt, dass die Kirche als Arbeitsort viel spannender ist, als viele denken, auch für Menschen wie mich.»
Kirchliche Berufe bekannter machen
Der Auftrag seines Projekts ist klar: kirchliche Berufe sichtbarer, zugänglicher und attraktiver machen. «Es geht darum, jungen Menschen, Berufsumsteigenden und Quereinsteigenden zu zeigen, dass Kirche ein sinnstiftender Arbeitsort ist», sagt Ammann. Dabei geht es explizit nicht nur um Pfarrpersonen oder Sozialdiakoninnen, sondern um das ganze Spektrum: von Katechetik, Kirchenmusik, Sigristen bis hin zu Verwaltung, Kommunikation und Projektleitung.
Der Fachkräftebedarf sei in den Kirchen ebenso spürbar wie in anderen Branchen. Weniger junge Menschen treten Ausbildungen an, viele Babyboomer gehen in Pension. Hinzu kommt ein Imageproblem: «Die Kirche wird oft als verstaubt wahrgenommen. Ein Bild, das mit der Realität vieler Gemeinden wenig zu tun hat.»
Dass sich sechs Kantone zusammenschliessen, ist kein Zufall. Die Strukturen und die Grössen der Landeskirchen unterscheiden sich stark, gemeinsam können sie Synergien nutzen, Erfahrungen teilen und eine breitere Öffentlichkeit erreichen. «Gemeinsam sind wir viel sichtbarer.» Eine Herausforderung bleibt jedoch: Die Landeskirchen unterscheiden sich nicht nur in ihrer Grösse, sondern auch in Entscheidungswegen und Zuständigkeiten. Ammann verbringt deshalb viel Zeit mit Gesprächen vor Ort. «Ich muss keine Patentlösung bringen, sondern mit jeder Kirche und jeder Gemeinde individuelle Wege finden. Das ist aufwendig, aber enorm wertvoll.»
Zwei Projekte stehen bereits in der Umsetzung: eine Webplattform, die Informationen zu kirchlichen Berufen bündelt, Einblicke in Kirchgemeinden ermöglicht und langfristig auch Ausbildungsplätze digital zugänglich machen soll. «Interessierte sollen dort niederschwellig Kontakt aufnehmen können – egal, ob sie 16 oder 46 sind.» Das Zweite: ein Auftritt an der ZEBI, der grössten Bildungsmesse der Zentralschweiz. «Dort erreichen wir Schulabgängerinnen und -abgänger direkt. Aber wir wollen auch neugierige Erwachsene abholen.» Der Stand soll interaktiv werden – «mehr verrate ich noch nicht», sagt Ammann. Daneben sucht er Kooperationen mit Hochschulen, etwa für Praktikumsplätze in Sozialdiakonie oder Vikariate. «Es wäre wünschenswert, wenn Ausbildungsgänge und Kirche langfristig noch enger zusammenarbeiten würden.»
Gemeinden als Schlüsselspieler
Ein zentrales Anliegen ist Ammann, dass Kirchgemeinden aktiv einbezogen werden. «Sie dürfen nicht nur am Rand stehen, sondern sind die Hauptplayer. Sie können die Kirche erlebbar machen und verfügen über grosse Netzwerke, die es zu aktivieren gilt.» Manche Gemeinden könnten Schnuppermöglichkeiten anbieten, andere Praktikumsplätze oder sogar neue Lehrstellen schaffen. Die Offenheit sei vielerorts spürbar: «Ich erlebe grosse Bereitschaft, neue Wege zu denken, auch über Gemeindegrenzen hinweg.»
Nur Werbung machen, genügt nicht. Dessen ist sich Ammann bewusst. «Recruiting allein reicht nicht. Arbeitskultur und Strukturen müssen sich teilweise mitentwickeln.» Flexiblere Arbeitsmodelle, Teilzeitlösungen, mehr Kooperationen zwischen Gemeinden, all das könnte kirchliche Berufe langfristig attraktiver machen. Sein Projekt bleibt jedoch bewusst auf Kommunikation fokussiert: «Ich setze Impulse, die strukturelle Entwicklungen anstossen können.»
Woran Erfolg gemessen wird
Für drei Jahre – bis Ende 2027 – ist das Projekt als Pilotphase angelegt. Erfolg misst Ammann zweigleisig: einerseits anhand von Zahlen und Statistiken, die er systematisch sammelt. Andererseits an der Resonanz: Wie oft wird die Plattform genutzt? Wie viele Gespräche entstehen daraus? Sein persönlicher Massstab ist dabei ganz einfach: «Wenn ich einzelne Menschen dazu bringe, sich wirklich mit einem kirchlichen Beruf auseinanderzusetzen, wäre das für mich ein Erfolg.»
Was ihm Mut macht, ist die Erfahrung der letzten Monate: «Die Offenheit ist da. Gemeinden, Landeskirchen und Teams wollen etwas bewegen.» Und privat? Da erlebt er in seiner eigenen Kirchgemeinde in Basel, wie Kirche als sozialer Ort wirkt: «Beim Quartierfest standen alle zusammen, nicht weil es ein kirchlicher Anlass war, sondern weil die Kirche ein Ort der Gemeinschaft ist. Das hat mich berührt.» Dass Ammann selbst mit dem Quest-Studium einen kirchlichen Weg einschlagen will, passt zu dieser Motivation. «Ich freue mich darauf, noch tiefer einzutauchen und zu verstehen, wie Kirche funktioniert und wie man gemeinsam etwas für andere bewegen kann.»
Matthias Ammann: Gemeinsam gegen den Fachkräftemangel