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Montagskrimi: Der Prozess

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01.01.2016
Von Tilmann Zuber Ach, wie ihn solche Verhandlungen anödeten, dachte Niklaus Vischer, als er der Limmat entlanglief. Wie ein glitzerndes Band zog sich der Fluss durch die Metropole. Sein frisches Grün log. Er bot keine Abkühlung.

Die Hitze des Nachmittags brannte auf den Asphalt. Mit einem Taschentuch wischte sich Vischer den Schweiss aus dem Gesicht. Trotzdem lief ihm das Wasser in den Kragen.
Der Richter überquerte die Strasse. Krampfhaft umfasste er die Akten. Nervös hupte ein Wagen. Vischer achtete nicht auf den fuchtelnden Fahrer. Zu sehr war er in Gedanken versunken. In einem halben Jahr wurde er pensioniert. Apéro mit Staatswein und Schinkengipfeli während der morgendlichen Pause, die Laudatio des Gerichtspräsidenten mit der Erwähnung, dass Vischer in den letzten 35 Jahren nur ein einziges Mal krankgeschrieben war. Gab es über ihn nicht mehr zu berichten, ging es Vischer durch den Kopf. Dem Lob haftete etwas Pathologisches an.

Vischer war in den letzten Jahren einsam geworden. Seine Frau war eines Tages einfach verschwunden. Am Nachmittag hatte sie ihre Koffer gepackt. Vischer stand daneben, sah ihr ungerührt zu und wusste nichts zu sagen. Vielleicht war er ja froh, dass sie weg war, redete er sich in den folgenden Jahren ein.
Im Laufe der Zeit war der Richter zur Einsicht gekommen, dass Beziehungen der eigentliche Hort des Bösen sind. Jede Verhandlung bestätigte ihm dies; in den eigenen vier Wänden wurde betrogen, gelogen und gemordet. Meist fing es harmlos an, da ein unbedeutender Flirt, dort der Erbvorbezug. Wie ein Krebsgeschwür griffen Misstrauen Eifersucht und Gier um sich. «Am Schluss streitet man um jedes schwachsinnige Souvenir aus den Ferien», erzählte Vischer jeweils an Partys. Doch das interessierte niemanden. Da er kaum noch eingeladen wurde, konnte er es keinem mehr erzählen.
Heute Nachmittag stand wieder so ein Fall zur Verhandlung. Eine Erbsache. Zwei Brüder stritten um Millionen. Ausgerechnet Zwillingsbrüder! Das bewies Vischer einmal mehr, selbst die dicksten Blutbande hielten nicht.

Der 64-Jährige blieb stehen, legte die Akte Isaakson auf das Brückengeländer und fuhr sich mit dem Taschentuch über den Nacken. Der eloquente Jack Isaakson hatte seinem Bruder den Pflichtteil abgeluchst, bei einem Essen mit scharfem Hühnchen, roten Linsen und Minze. Viel Alkohol sei im libanesischen Restaurant geflossen, hielten die Akten fest. Vischer wunderte sich, an welche Belanglosigkeiten sich die Zeugen bei der Einvernahme erinnerten.

Mit Hilfe der Mutter konnte Jack schliesslich den alten Patriarchen über den Tisch ziehen und den Bruder ausstechen. So einfach kommt man zu Millionen. Dazu musste man niemanden totschlagen oder entführen. Nein, solche Verbrechen kamen auf Samtpfoten daher. Es genügt die Zeichnung der süssen Enkelin, und Oma wird schwach, überschreibt ihr Haus und zieht ins Heim. Die Kinder lassen sich nicht mehr blicken und den Alten bleibt nur das Kindergekritzel, das sie wie Heiligenbilder mit kleinen Reisnägeln neben dem Bett aufhängen. Stolz zeigen sie diese den Pflegerinnen. Tief drinnen hegen sie die Hoffnung, dass die Angehörigen wenigstens an der nächsten Weihnacht auftauchen. Doch das Wunder geschieht nie. Vischer kannte unzählige solcher Geschichten. Ihm konnte man nichts mehr vormachen.

Als Niklaus Vischer das Obergericht betrat, spürte er, dass etwas nicht stimmte. Etwas war anders. Vischer hatte dafür über all die Jahre einen Instinkt entwickelt. Es war, als hätte jemand ein Fenster geöffnet, als gäbe es in der abgestandenen Luft mehr Sauerstoff.

Entschlossen durchschritt er die kühle Halle, stieg die breite Treppe hinauf und bog in den langen Korridor. Am Ende des Flurs machte Vischer eine Gruppe Umherstehender aus, die vor der Türe des Saales 14 warteten. Zwei lösten sich aus der Menge und kamen auf ihn zu. Es war Jack Isaakson und sein Bruder. «Wir haben uns geeinigt», erklärte ihm Jack. In seinen stechend blauen Augen lag Erleichterung.
Vischer sah in prüfend an. Wollte Jack seinen Bruder abermals über den Tisch ziehen? Die blauen Augen hielten Vischers Blick stand. «Ja, wir haben uns ausgesprochen und versöhnt», fügte der Bruder rasch hinzu. Freude huschte über das jungenhafte Gesicht. Vischer musterte die weichen Züge. War dies Naivität? Oder wollte er nur dem Streit mit Jack aus dem Weg gehen? Was war da geschehen, fragte sich Vischer. Ihm konnte es ja egal sein. In einem halben Jahr trat er in den Ruhestand. «Na gut», sagte er zu den Zwillingsbrüdern. «Dann werde ich mich jetzt mit Ihren Anwälten zusammensetzen. Mit der herzergreifenden Versöhnung ist noch nichts gewonnen. Noch gar nichts!»


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Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».


Foto: bilderbox.com

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