Montagskrimi: Ein fast perfekter Diebstahl
Alles hatte vor sechs Wochen begonnen. Merkwürdig begonnen: Dieser Insider-Informant hatte da erstmals Kontakt aufgenommen. Per SMS. Es nervte ihn, dass er nur per SMS mit ihm kommunizierte, dass die Nummer alle naselang wechselte, und dass dieser Informant ein Treffen kategorisch ausschloss. Aber dennoch hatte der Typ erstaunlich rasch sein Vertrauen gewonnen. Es lag vielleicht daran, dass er so allein war seine Familie war tot. Und irgendwie schien ihm fast von Anfang an, dass den Informanten und ihn eine Art geistige Verwandtschaft verband: Einzelne Worte und Satzteile in den SMS hatten in ihm den Eindruck erweckt, als ob sie einander schon immer gekannt hätten. So wie das manchmal unter besten Freunden der Fall ist.
Sein Informant und er hatten einen Plan, der sie beide reich machen würde. Vor etwa vier Wochen wurde ihm gesimst, jetzt sei alles soweit vorbereitet, er solle sich beim Securiter-Wachdienst anstellen lassen. Das hatte sofort geklappt. Er liess sich wie sein Partner wollte unauffällig für die Nachtwache bei der Firma Bischofbürge einteilen. Das war kein Problem: Keiner seiner Arbeitskollegen machte diesen Nachtwache-Job gern, denn er wurde als der ödeste Job aller Zeiten angesehen. 12 Nächte hatte er seitdem Zeit gehabt, alle Sicherheitsvorkehrungen in dem riesigen Bischofbürge-Lager gemäss den Angaben seines Informanten nach und nach unauffällig zu studieren; alle Angaben stimmten. Er war überrascht, wie viele Kunstwerke und Antiquitäten in den Hallen am Rande Männedorfs oberhalb des schönen Zürisees lagerten. Dabei ging es bei ihrer grossen Sache nicht um das ganze Lager, sondern nur um einen kleinen Seitenraum, in dem wertvollste Kleingegenstände aufbewahrt wurden: Dazu gehörten uralte Gemmen, fein ziselierte Halsketten, antike Becher. Aus diesem kleinen Raum sollte er nur einen einzigen Gegenstand stehlen. Damit war er zunächst nicht einverstanden. Aber sein Informant meinte, dass der Verlust dieses einen Stücks lange Zeit nicht auffallen würde; das Stück, das er entwenden solle, sei etwa neun Millionen wert; er würde nach getaner Arbeit ein Drittel davon auf ein Konto seiner Wahl überwiesen bekommen. Letzteres überzeugte ihn.
Erst vor ein paar Stunden war der Coup gelaufen: In dem hell erleuchteten Lager der Firma «Bischofbürge» war er an hohen Regalen entlanggelaufen, in denen teure Kunstwerke dicht an dicht standen und lagen: Gemälde von Rembrandt und Picasso, Bilder von Warhol, feinste Teppiche aus Indien und China, Plastiken von Giacometti, - Millionen-, ja Milliardenwerte lagerten da. Sie gehörten arabischen Scheichs und Milliardären aus Russland, europäischen Grossindustriellenfamilien und mafiösen Organisationen, die Wertanlagen oder Steuerschlupflöcher gesucht oder Geld gewaschen hatten; oder einer persönlichen Kunstsammelleidenschaft gefrönt hatten.
Endlich kam er zu dem abgetrennten Raum. Davor und darin hatte er alle Sicherheitsanlagen ausgeschaltet. Er zog dünne Latexhandschuhe an, schloss auf und trat ein. Er kramte seine Taschenlampe heraus und schaltete sie ein. Acht Safes unterschiedlicher Grösse standen in dem Raum entlang der Wände. Rasch fand er den richtigen, gab die Kombination ein, die er auf seinem Handy gespeichert hatte, und öffnete ihn. Es verschlug ihm den Atem beim Anblick dieser goldenen, fein gearbeiteten uralten Kostbarkeiten. Er schwankte, ob er wirklich nur den einen Gegenstand mitnehmen solle. Gierig befingerte er alles, was er im Safe sah. Aber er ermahnte sich: Nein, mach nicht den gleichen Fehler nochmals; damals vor 20 Jahren hatten seine Gier, sein Neid und seine Eifersucht seinen Bruder fertig gemacht und ihn schliesslich in den Selbstmord getrieben. Seine Leiche fand man zwar nie, aber viele Indizien. Seine Eltern waren aus Kummer kurz darauf verstorben. Und er selbst war seitdem allein und wie blockiert: Keine eigene Familie gegründet, Versager in Ausbildung und Beruf, mit Gelegenheitsjobs durchgehangelt. Er atmete tief durch und ermahnte sich: «Ich habe genug gebüsst. Diese grosse Sache hier das ist endlich mein Ticket in eine gute Zukunft. Jetzt vermassel es bloss nicht durch deine Gier.» Er griff entschlossen in den Safe und holte nur diesen einen Gegenstand heraus, den er stehlen sollte: einen Becher aus reinem Gold. Er betrachtete ihn kurz und schlug ihn vorsichtig in ein Tuch. Er steckte es in seinen kleinen Rucksack. Er schloss den Safe, stellte die Kombination wieder so ein, wie sie gewesen war. An der Tür drehte er sich um und prüfte kurz, ob er irgendetwas vergessen hatte. Wenige Minuten später war er zurück im Securiter-Wachraum. Er setzte sich an den Tisch und lobte sich: «Alles erledigt. Gut gemacht!» Und er begann zu lachen. Laut und erlöst.
Er konnte kaum das Ende seiner Nachtschicht abwarten. Endlich durfte er gehen, checkte nervös aus und fuhr direkt nach Hause in seine kleine Wohnung im fünften Stock eines Blocks in Winterthur.
Und hier war nun. Er hielt den goldenen Becher prüfend in den Händen. Er staunte, was das für eine wunderschöne Arbeit war: Den goldenen Becher zierten diverse Muster und ein rundumlaufendes kleines Relief; es zeigte Menschen, die auf Streitwagen einen Löwen jagten. Die Figuren sahen steif aus die Köpfe waren immer im Profil dargestellt. «Mmh», dachte er, «sieht für mich ägyptisch aus; dann wäre das ja echt uralt.» Sein Smartphone vibrierte kurz. Er nestelte es aus seiner Tasche und las: «Operation beendet?» Er antwortete mit «Yepp» und fragte: «wie nun weiter?». Kurz darauf las er: «Man nennt den Becher Josefs Becher. Er soll etwa dreieinhalbtausend Jahre alt sein.» «Wow», antwortete er und ergänzte erneut mit «Wie nun weiter?» Ungeduldig wartete er auf die Antwort, die auf sich warten liess und ihn sehr erstaunte: «Wirf dein Handy aus dem Küchenfenster auf die Strasse. Du bekommst von mir dann neue Infos und auch ein neues Handy.» Er überlegte, ob er das tatsächlich tun solle, aber schliesslich überwog die Ungeduld; ausserdem hatte er ja den Becher und damit das beste Pfand überhaupt. Er öffnete das Küchenfenster und warf sein Handy in hohem Bogen auf die Strasse, wo es zerschellte. Er blickte die Strasse nach links und nach rechts entlang, sah aber niemanden. Er schloss das Fenster. Es läutete. Rasch versteckte er den Becher und ging an die Tür. Niemand war da, aber ein zusammengefaltetes Blatt Papier lehnte am Türrahmen. Neugierig entfaltete er es, während er an den Tisch zurückging. Er setzte sich und las die computergenerierten Zeilen: «Der Becher Josefs heisst es im Alten Testament hat die Fähigkeit, die Zukunft vorherzusagen. Er tat das, indem man ein ganz klein wenig Wein hineingoss. Mach du das jetzt.» Seltsame Antwort auf meine Frage, wie weiter, dachte er. Vielleicht doch keine geistige Verwandtschaft zwischen uns so ein komischer Typ. Naja, dann wollen wir mal zaubern.
Er schüttete ein klein wenig Wein in den Becher hinein und blickte skeptisch auf dessen Boden. Undeutlich erschienen viele Buchstaben. «Uralter chemischer Trick der Typ liebt die Dramatik billiger Zauberkunststücke», dachte er und fühlte Wut in sich aufsteigen. Die kleinen Buchstaben wurden deutlicher. Nachdem er sie gelesen hatte, erstarrte er. Denn da stand: «Du hättest mich, Deinen Bruder, nicht aus Gier verraten dürfen. Niemals. Ich verschwand. Schwor Rache. Machte Karriere als Jürg Bischofbürge. Ich bin reich. Und Du gleich im Gefängnis.»
Die Schrift löste sich auf.
Es läutete an der Tür.
Achim Kuhn ist Pfarrer in der reformierten Kirchgemeinde Männedorf. Er ist Herausgeber der beiden Anthologien «Was der Mensch braucht» (2010) und «Deadline Prominente über Leben und Sterben» (Mai 2015); Autor von zwei Kriminalromanen, die in Zürich spielend und sich um ethische und gesellschaftlich relevante Themen drehen. Ein dritter Krimi «Ewig sollst du leben» erscheint in diesem Sommer im Jordan-Verlag.
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Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».
Foto: bilderbox.com
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