Rita Schirmer-Braun: «Aufgeben ist kein Thema»
Wenn Rita Schirmer-Braun etwas wirklich beschäftigt, kann sie nicht einfach zuschauen. Das war schon so, als sie noch im Thurgau lebte und sich gegen eine geplante Schnellstrasse engagierte. Sie kaufte fünfhundert Fackeln und steckte damit den vorgesehenen Verlauf ab, um aufzuzeigen, welchen Raum das Projekt tatsächlich einnimmt. «Wenn mir etwas wirklich unter den Nägeln gebrannt hat, dann habe ich nicht zuschauen können», sagt sie.
Heute ist die Schaffhauserin Vorstandsmitglied der Klimaseniorinnen Schweiz und kümmert sich als Buchhalterin um deren Finanzen.
Ein unerwarteter Weg
Als sie 2016 von der geplanten Klimabeschwerde erfuhr, war sie sofort interessiert. Die älteren Frauen hätten Zeit und seien nicht mehr beruflich gebunden. «Wir hatten auch nichts zu verlieren.»
Die Klimaseniorinnen machten geltend, dass die Schweiz zu wenig gegen die Erderwärmung unternehme und damit Menschenrechte verletze. Studien zeigen: Ältere Frauen sind durch Hitzewellen besonders gefährdet. Diese Betroffenheit bildete die rechtliche Grundlage ihres Vorgehens. Schirmer-Braun betont, dass es ihnen dabei nie nur um sich selbst gegangen sei: «Wir wollen ja mehr, wir kämpfen ja nicht nur für unsere persönlichen Rechte, sondern für die Rechte aller.»
Die Schweizer Behörden und Gerichte wiesen die Beschwerde zunächst zurück. Für Schirmer-Braun war das kein Grund aufzugeben. «Steter Tropfen höhlt den Stein», lautet ihr Motto. Am 9. April 2024 fiel der historische Entscheid des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte in Strassburg. Er hielt fest, dass die Schweiz ihre Verpflichtungen zum Schutz vor den Folgen des Klimawandels nicht ausreichend erfüllt hatte. Für die Klimaseniorinnen war dies ein überwältigender Erfolg. Klimaschutz ist ein Menschenrecht.
Vom Hintergrund ins Rampenlicht
Plötzlich kamen Anfragen aus aller Welt. Die Klimaseniorinnen wurden zu Vorträgen und Filmvorführungen eingeladen. Das öffentliche Rampenlicht forderte sie. «Ich hatte zum Beispiel noch nie eine PowerPoint-Präsentation verfasst», erzählt Rita Schirmer-Braun. Sie absolvierte ein Medientraining und setzte sich mit den neuen Anforderungen auseinander.
Nicht alle Reaktionen waren freundlich. Anfangs hätten sich manche Frauen kaum getraut, sich als Klimaseniorinnen vorzustellen. Auch gehässige Zuschriften blieben nicht aus. Solche Erfahrungen berühren auch ihre eigene Geschichte. Die Schaffhauserin wuchs noch ohne Frauenstimmrecht auf.
Was die Berge erzählen
Besonders nahe geht ihr das Verschwinden der Gletscher. Schirmer-Braun ist viel in den Bergen unterwegs und hat nach ihrer Pensionierung die Schweiz zu Fuss vom nördlichsten bis zum südlichsten Punkt durchquert.
Für eine Fernsehdokumentation organisierte sie eine Wanderung zu einem Gletscher, um dessen Rückgang sichtbar zu machen. Sie erzählt von Hütten mit Wasserknappheit. «Das Tempo, in dem das alles geschieht, ist unvorstellbar», sagt sie. Ihre Sorge gilt der Natur als Lebensgrundlage. «Die Erde überlebt schon, aber wir nicht unbedingt mit ihr», sagt sie. Mit dem Gletscherrückgang geht ein wichtiger Wasserspeicher verloren. Langfristig fehlt dadurch besonders in trockenen Sommern Schmelzwasser, und die Wasserverfügbarkeit wird stärker vom Niederschlag abhängig. «Es droht ein Mangel an Trinkwasser, das ist schwer vorstellbar, aber eine Tatsache.»
Was dem Leben dient
In Romanshorn, wo sie lange lebte, war sie kirchlich engagiert und absolvierte eine Katechetinnenausbildung. «Wir verfügen über eine Schöpfung, aber ihr Gleichgewicht ist nicht mehr selbstverständlich.» Jeder Eingriff habe Auswirkungen. Auch tiefe Spuren schwerer Maschinen im Waldboden beschäftigen sie.
Sie fordert eine Klimapolitik, die sich an wissenschaftlichen Grundlagen orientiert und die Emissionen wirksam begrenzt. Sie fordert ein CO₂-Budget und lehnt den Bau neuer Strassen ab. Entscheidend sei die Frage: «Was dient dem Leben?» Für sie ist klar: «Alles, was dem Leben dient, ist zukunftsfähig, ist tragfähig.»
Ihr Engagement hat sie über die Jahre verändert. Früher sei sie manchmal kompromissloser gewesen. Heute versuche sie stärker zu verstehen, weshalb jemand anders denke. «Jetzt schaue ich beide Seiten an.»
Ihre Überzeugungen hat sie deshalb nicht aufgegeben. Ein Mann, der die Klage der Klimaseniorinnen für Unsinn hielt, sagte nach einem Vortrag, er habe seine Meinung um 180 Grad geändert. Für sie war das ein Erfolg.
Hoffnung durch gemeinsames Handeln
Schirmer-Braun ist Mutter von zwei Töchtern. Für sie ist selbstverständlich, dass sie sich für kommende Generationen einsetzt. Jungen Menschen rät sie, ein ungutes Gefühl nicht einfach wegzuschieben. «Sie sollen sich informieren und sich mit anderen zusammenschliessen.» Als frühere Einzelkämpferin habe sie erfahren, wie viel stärker Menschen gemeinsam werden können.
Für den Filmabend in Schaffhausen wünscht sie sich mehr als Betroffenheit über einen heissen Sommer. «Die Menschen sollen ins Handeln kommen. Aber schon, wenn jemand nach diesem Abend anders über das Thema nachdenkt, ist etwas erreicht.»
Ob sie noch Hoffnung habe? «Ich fürchte, dass die Lage schwieriger wird. Aber Aufgeben ist kein Thema.»
Film und Gespräch «Trop Chaud» mit Rita Schirmer-Braun, Donnerstag, 22. Oktober, 19 Uhr, HofAckerZentrum, Alpenstrasse 176, Schaffhausen-Buchthalen. Eintritt frei, Kollekte. Apéro im Anschluss.
Rita Schirmer-Braun: «Aufgeben ist kein Thema»