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Jugendliche in der Kirche

Warum sie bleiben

von Carole Bolliger
min
22.04.2026
Nach der Konfirmation ist oft Schluss mit der Kirche. Nicht so in Ägeri: Dort bleiben viele Jugendliche dabei, übernehmen Verantwortung und wachsen in ein Team hinein. Warum das gelingt, hat mit Haltung, Vertrauen und echter Beteiligung zu tun. 

Der Raum ist voll. Jugendliche und junge Erwachsene sitzen auf dem Boden, lachen, diskutieren. Es geht um Gott, um Zweifel, um das Leben. Und darum, was bleibt. In Ägeri ist der Konfirmationsunterricht kein Pflichtprogramm, sondern ein Ort, an dem Beziehungen entstehen.

Viele Kirchgemeinden kennen das Problem: Nach der Konfirmation brechen die Kontakte zu den Jugendlichen ab. In Ägeri ist das anders. Hier gelingt es, junge Menschen über Jahre hinweg einzubinden. Pfarrerin Katrin Frey und Sozialdiakonin Suzie Fuchs erklären das nicht mit einem Patentrezept. Eher mit einer Haltung. Der Konfunterricht ist kein reiner Wissenstransfer. Er lebt vom Erleben, vom Ausprobieren, vom Miteinander.

Im Zentrum stehen biblische Figuren und Lebensthemen, die mit den Erfahrungen der Jugendlichen verbunden werden. Gearbeitet wird mit themenzentriertem Theater, gruppendynamischen Methoden und Elementen aus der Erlebnispädagogik. «Es geht nicht in erster Linie darum, einen Wissensinhalt zu vermitteln», sagt Frey.

Wir geben einen Rahmen, um Glauben zu erfahren, sich mit Gott, mit sich selbst und mit der Welt auseinanderzusetzen.

Leiter im Konfteam

Dass so viele junge Menschen nach der Konfirmation bleiben, hat auch mit der Struktur zu tun. Wer konfirmiert wurde, kann im Jahr darauf ins Konfteam einsteigen – zunächst als Jungleiterin oder Jungleiter. Danach gibt es weitere Stufen. Derzeit gehören rund 20 junge Menschen zwischen 16 und 22 Jahren zum Team. Sie helfen aber nicht einfach im Konfunterricht, im Lager oder während der Konffeier mit, sondern lernen selbst weiter. «Das Leitungsteam lernt immer noch genauso mit, wie wenn die Leitenden noch Konfirmandinnen oder Konfirmanden wären», sagt Frey.

Gerade das scheint ein Schlüssel zu sein. Jugendliche erleben Glauben und Kirche nicht nur mit Erwachsenen, sondern mit Menschen, die nur wenig älter sind als sie selbst. «Das Lernen mit fast Gleichaltrigen ist ganz wichtig», sagt Suzie Fuchs. Sie ist seit 22 Jahren Sozialdiakonin in Ägeri und hat schon viele Kinder und Jugendliche begleitet. Die Älteren seien Gesprächspartnerinnen und Sparringspartner, nicht bloss Hilfspersonen. Sie zeigen, dass Glaube, Nachdenken, Stille oder ein Gebet nicht peinlich sein müssen. «Bei uns sind die Jungen die kompetenten Gläubigen», sagt Fuchs mit einem Augenzwinkern.

Das prägt die Atmosphäre. Eine stille Übung, eine Meditation, ein persönliches Gebet vor anderen: Vieles wird möglich, weil genug junge Menschen da sind, die es vorleben und mittragen. «Es ist viel weniger ein Knorz», sagt Fuchs lachend.

Partizipation wird gelebt

Hinzu kommt die Gemeinschaft. Viele Jugendliche bleiben, weil sie Freundschaften knüpfen, weil sie sich in der Gruppe wohl fühlen, weil sie erleben: Ich darf hier sein, wie ich bin. «Wir interpretieren das als Gemeinde», sagt Fuchs. «Für sie steht vielleicht zuerst die Gemeinschaft.» Doch genau darin ereigne sich Kirche. Jugendliche machen die Erfahrung, dass sie dazugehören, dass sie ernst genommen werden und dass das, was sie einbringen, zählt.

Partizipation ist in Ägeri kein Schlagwort, sondern gelebte Praxis. Jugendliche gestalten Gottesdienste mit, formulieren Gebete, spielen Szenen, bringen Themen ein. Nicht nach dem Muster: Hier ist dein Text, lies ihn vor! Sondern eigenständig, begleitet, aber mit viel Verantwortung. Fuchs sagt:

Wenn man es ihnen vorkaut, hängen sie schnell ab. Was sie motiviert, ist echte Beteiligung.

Das zeigt sich auch in den Gottesdiensten. Schon im Konfstart-Gottesdienst erleben die Jüngeren, dass ältere Jugendliche selbstverständlich mitwirken, beten, sprechen, gestalten. Das senkt Hemmschwellen. Die Konfirmation selbst bleibt zwar in vielem ein klassischer Gottesdienst mit Segnung, Urkunde und Konfspruch. Aber sie ist zugleich die Verdichtung eines gemeinsamen Weges. «Die Konfirmation ist die Kumulation von dem, was vorher war», sagt Frey. Sie soll bewusst machen: Ich habe etwas erlebt, etwas gelernt, ich bin gewachsen.

Überraschende Fragen

Gerade darin liegt für Frey die Chance dieses kirchlichen Angebots. Die Konfzeit fällt in eine Lebensphase des Übergangs. Jugendliche lösen sich, beginnen neu zu denken, fragen nach sich selbst und nach ihrem Platz in der Welt. «Da haben wir als Kirche eine Chance», sagt sie.

Die Arbeit mit Jugendlichen begeistert beide. Frey schätzt die Direktheit, die Energie, die oft überraschenden Fragen. Jugendliche hätten vieles noch nicht so stark «überformt» wie Erwachsene. «Es kann geniale Gespräche und Diskussionen geben», sagt sie. Fuchs erlebt, wie Jugendliche über sich hinauswachsen, wenn sie sich gesehen fühlen.

Wenn Menschen merken: Ich bin gut mit dem, was ich bringe, ich darf auch Fehler machen, ich darf etwas ausprobieren –, dann können unglaublich coole Sachen entstehen.

Lebendiger Teil der Kirche

Ganz ohne Herausforderungen ist das nicht. Stärker spürbar geworden seien die psychischen Belastungen junger Menschen. Nicht alle könnten im Normalprogramm mitlaufen. Gerade dort sieht Fuchs auch einen kirchlichen Auftrag: Bedingungen zu schaffen, damit Teilhabe möglich bleibt. «Weil wir den Menschen als Menschen sehen mit all seinen Facetten und Schwierigkeiten», sagt sie.

Was wünschen sie sich für die Zukunft? Dass Jugendarbeit in der Kirche als Kern der Gemeinde verstanden wird. Dass Ressourcen da bleiben. Und dass Kirche jungen Menschen mehr zutraut.

 

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