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Weshalb die Luzerner Reformation scheiterte

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25.08.2017
Viele Kleriker wollten die Reformation. Doch die Politik war dagegen. Statt eines Reformationsdenkmals steht in Luzern heute ein Denkmal für einen Hassprediger gegen alles Reformierte.

«Hier wĂŒrde das Luzerner Reformationsdenkmal stehen», sagt Markus Ries, Professor fĂŒr Kirchengeschichte, und zeigt auf die Wiese bei der heutigen Musegg-Kapelle an der Luzerner Stadtmauer. Daneben wird heute Fussball gespielt. Ob die Reformation aus eigenem Verschulden gescheitert ist oder ob sie durch die Obrigkeit verhindert wurde, lĂ€sst Ries offen. Ries ist einer der Initianten des Rundganges, der ab September in Luzern HintergrĂŒnde zu einer bewegten Zeit vermittelt.

Tatsache ist: Anfang des 16. Jahrhunderts sieht es fĂŒr die Reformation in Luzern ganz gut aus. Die Kritik der damaligen Zeit an den kirchlichen ZustĂ€nden fĂ€llt auf fruchtbaren Boden. In den kirchlichen Schulen und Klöstern verfolgt man seit 1519 interessiert die Debatten, die Luther in Deutschland auslöst. Im selben Jahr kommt ein Luzerner Mitstreiter Zwinglis zurück in seine Heimatstadt, wo er unter dem Spitznamen Myconius an der Stiftsschule das reformatorische Gedankengut verbreitet.

UrsprĂŒnglich hiess der damals 31-JĂ€hrige GeisshĂŒsler. Zu seinem lateinischen Namen kam er aufgrund seiner ausgeprĂ€gten Stirnglatze, wie sie auf der Kykladen-Insel Mykonos verbreitet war. Wie sein Freund Huldrych Zwingli nimmt Myconius in Luzern sofort Stellung gegen den Heiligen- und Reliquienkult sowie das Söldnerwesen.

Die Reformer provozieren
Seine reformatorische Agitation treibt Myconius am Musegg-Umzug 1522 auf die Spitze. Die Prozession um die Stadt ist jeweils das Ereignis des Jahres und hat ĂŒberregionale Bedeutung. Immerhin kann man sich damit all seiner SĂŒnden entledigen. Der Anlass hat den Ablasswert einer Pilgerreise nach Rom. Der Luzerner Rat hat deshalb verordnet, dass mindestens eine Person aus jedem Haushalt am Umzug teilnimmt.
Zur «Romfahrt» von 1522 lĂ€dt Myconius fĂŒr die Festpredigt der ZĂŒrcher Lutheraner Konrad Schmid ein. Der begnadete Prediger trĂ€gt in seiner hinreissenden Rede vor, dass es neben Christus weder Heilige noch den Papst brauche. Die Bibel sei fĂŒr jeden Christen die einzige AutoritĂ€t, die es anzuerkennen gelte. Der kontroverse Auftritt Schmids führt zu heftigen Reaktionen der Kirche – die Stimmung in Luzern kippt. Die Verfechter der altglĂ€ubigen Tradition erringen die Oberhand in der Stadt.

Ausweisungen fĂŒhren zu Bildungsnotstand
Die Maler von Heiligenbildern im Kanton ZĂŒrich, die mit der Reformation arbeitslos geworden sind, freut diese Entwicklung. Sie finden als WirtschaftsflĂŒchtlinge an der Reuss Arbeit – zum Beispiel als Maler fĂŒr die GemĂ€lde auf der KapellbrĂŒcke.
Den Reformern wird das Leben schwer gemacht. Als Erster wird 1522 der Schaffhauser Sebastian Hofmeister, der als Lesemeister am BarfĂŒsserkloster unterrichtet, aus der Stadt verwiesen. In einem Schreiben an die Luzerner schreibt er spĂ€ter «o Lucerna wie bistu so gar verstopft». Darin ruft er auf, sich dem Gedankengut der Reformation zu öffnen.
Kurz nach Hofmeister muss auch Myconius Luzern verlassen. Damit werden zwei bedeutende Meinungsmacher, die in der Sprache des Volkes predigen und unterrichten, vertrieben. Die AltglĂ€ubigen erringen damit auch die Hoheit ĂŒber die Bildung zurĂŒck. Als Folge davon entwickelt sich in Luzern ein Bildungsnotstand. Dieser verschĂ€rfte sich zweihundert Jahre spĂ€ter nochmals, als in Luzern der Besitz der Bibel in deutscher Sprache verboten wird.

Blutgeld fĂŒr Söldner gab Ausschlag
Noch ist kein Entscheid zur Ablehnung oder Annahme der Reformation gefallen. Die politische Elite, welche zur damaligen Zeit die SöldnerfĂŒhrer stellt, fĂŒrchtet aber durch die Kritik der Reformatoren am Söldnerwesen um ihre Existenz. Die Einnahmen, mit dem Verkauf von jungen Luzerner MĂ€nnern an die FĂŒrsten- und KönigshĂ€user Europas sind ein lukratives GeschĂ€ft.
Die Obrigkeit will nicht auf diese Gelder verzichten. Als Argument gegen die Reformation führt der Luzerner Rat ins Feld, dass mit den Geldern aus dem Solddienst auf die Besteuerung der Bevölkerung verzichtet werden kann. Dies gibt schliesslich den Ausschlag.
1524 beschliessen die Regierungen von Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden und Zug, der alten Kirche treu zu bleiben. Reformierte Gottesdienste in Luzern werden erst 276 Jahre spÀter wieder erlaubt.

Der Hassprediger am Gutenberghof
Fortan werden alle reformatorischen BemĂŒhungen in Luzern im Keim erstickt. An vorderster Front agitatorisch tĂ€tig ist Thomas Murner aus Strassburg (Bild links). Er verfasst und druckt den «Kirchendieb- und Ketzerkalender». Darin greift er in Ă€usserst scharfen Worten alles Reformatorische an. Heute wĂŒrde man ihn als «Hassprediger» bezeichnen», sagt Markus Ries und zeigt auf die Statue Murners, mit der ihm die Luzerner am Gutenberghof ein Denkmal setzten.

Dass die Reformation scheitert, liegt weniger an den Verfehlungen und Exzessen der Kirche, sondern vielmehr an wirtschaftlichen Interessen. Ein weiterer Grund dĂŒrfte im Wesen von Myconius gelegen haben. Der Mann war ein Theologe und Gelehrter. Anders als Zwingli, der auch ein gewiefter Politiker war, schaffte es Myconius nicht, politische Allianzen zu schmieden, um der Reformation zum Durchbruch zu verhelfen. An der Luzerner MatthĂ€us-Kirche erinnert heute ein Relief an Myconius und dessen TĂ€tigkeit.

25.8.2017 / Philippe Welti

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