«Wir müssen keine Helden sein»
Es gab eine Zeit, da spielte Christoph Baumann mit seinen Kindern Fussball. Er brachte ihnen das Skifahren bei, ging mit der Familie wandern. Irgendwann ging das nicht mehr. «Das hat mir schon ein bisschen gestunken», sagt er. Manche Dinge, die er als Vater gerne gemacht hätte, musste plötzlich seine Frau Barbara übernehmen.
Christoph Baumann lebt seit 2001 mit multipler Sklerose (MS). Anfangs kamen die Beschwerden in Schüben. Nach erfolgter Behandlung ging es wieder besser. Doch die Schübe wurden häufiger, die Erholung schlechter. Irgendwann kamen Stock und Rollstuhl dazu. «Es kommt immer wieder etwas. Du bist nie fertig.» Heute sind seine Beine weitgehend gelähmt. Dank Hilfsmitteln und eines umgebauten Autos ist er dennoch mobil und so selbstständig wie möglich.
Ehefrau ist nicht die Pflegerin
Die Diagnose traf die junge Familie in einer ohnehin turbulenten Zeit. Die drei Kinder waren damals ein, drei und fünf Jahre alt. Im Rückblick sagt Barbara Baumann, seien sie als Familie mit vielem allein gewesen. Medizinisch sei ihr Mann gut betreut worden. Doch niemand habe gefragt, was eine solche Diagnose mit einer Familie mit drei kleinen Kindern mache. Christoph Baumann erinnert sich, dass er damals manchmal überfordert und zu wenig geduldig gewesen sei. Das habe ihn auch als Pfarrer geprägt: genauer hinzusehen, was Menschen in schwierigen Lebenssituationen tatsächlich brauchten.
Auch die Partnerschaft hat sich verändert. Barbara Baumann hat dabei früh eine Grenze gezogen: «Ich bin nicht Pflegerin», stellte sie klar. Bei akuten Situationen helfe sie selbstverständlich. Planbare Pflege jedoch sollten andere übernehmen. So wollen die beiden verhindern, dass aus Ehefrau und Ehemann irgendwann vor allem Betreuende und Betroffener werden. Leicht sei das nicht immer. Im vergangenen Winter ging es Christoph Baumann zeitweise so schlecht, dass seine Frau nicht wusste, ob er ihn überleben würde. Auch ihre eigenen Kräfte seien begrenzt. «Ich bin vom Energiemanagement her selten wirklich im grünen Bereich», sagt sie.
Aushalten und nicht versprechen
Und der Glaube? Christoph Baumann hat mit Gott wegen seiner Krankheit nie gehadert. Nicht, weil er die MS als sinnvoll erachtet. Im Gegenteil. Er wehrt sich gegen die Vorstellung, Gott verteile Gesundheit und Krankheit. «Es gibt Gesundheit, es gibt Krankheit, es gibt Pech, es gibt Glück.» Gott bewirke diese Dinge nicht – «sondern er wirkt in diesen Sachen». Dennoch hat die Krankheit die Art und Weise verändert, wie der Pfarrer über Hoffnung spricht und Menschen in Krisen begleitet. Früher habe er vielleicht zu schnell etwas versprochen. Heute hält er eher aus, dass es manchmal keine Antwort gibt. «Weniger versprechen und mehr aushalten, dass man nichts versprechen kann», fasst er zusammen. Er wolle nicht mehr Menschen in einer Krise mit schönen Worten berieseln.
Barbara Baumann formuliert es ähnlich. Glaube bedeute nicht, immer stark und zuversichtlich sein zu müssen. Es gebe Situationen, in denen sie weine oder nicht mehr könne. «Weil der Glaube trägt, muss ich nicht stark sein.» Ihr Mann nickt. Auch er möchte aus Menschen, die mit einer Krankheit leben, keine Helden machen. «Wir sind keine Helden. Und wir müssen es auch nicht sein.»
Anlass mit Samuel Koch
Kein Held sein will auch Samuel Koch. Seit seinem Unfall bei «Wetten, dass .. ?» im Jahr 2010 ist er Tetraplegiker. Ende September ist er zu Gast in Zug am Anlass «Lebensmut» mit Christoph Baumann. Barbara Baumann kannte ihn zunächst vor allem wegen seines Unfalls. Erst bei der Vorbereitung begann sie, sich intensiver mit Koch zu beschäftigen. Angesprochen haben sie dessen Dankbarkeit und dessen Humor – und gerade, dass Koch seine Situation nicht schönredet. «Er ist kein Held», sagt Barbara Baumann. Das gefällt auch Christoph. Denn eine Krankheit werde nicht plötzlich gut, nur weil man etwas Positives daraus ziehe. Gleichzeitig könne man das Schöne weiterhin sehen.
Der gemeinsame Anlass trägt das Motto «Lebensmut». Für Baumann bedeutet das nicht, voller Zuversicht durchs Leben zu gehen. Manchmal reiche der Horizont nur bis zum Mittag. «Lebensmut hat nichts damit zu tun, möglichst 90 zu werden und möglichst viel zu machen.» Es gehe ums Heute. Um das Jetzt. Und manchmal darum, sich eine Viertelstunde lang selbst leidzutun – und danach wieder weiterzumachen. Kraft geben ihm sein Glaube, seine Familie, Musik, Gespräche, die Natur. Und der Humor. Barbara Baumann sagt: «Vielleicht ist Lebensmut am Ende genau das: nicht so zu tun, als sei alles gut, sondern weiterzuleben, obwohl es das nicht immer ist.»
«Leben wagen»
Samuel Koch und der Zuger Pfarrer Christoph Baumann sprechen über Lebensmut und prägende Erfahrungen.
24. Oktober, 19.30 Uhr: Gespräch;
25. Oktober, 10 Uhr: ökumenischer Gottesdienst mit Samuel Koch;
beide Veranstaltungen in der Kirche St. Johannes, Zug
«Wir müssen keine Helden sein»