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Fachkräftemangel

Die Traumberufe, die kaum jemand kennt

von Carole Bolliger
min
05.11.2026
Junge Menschen wünschen sich eine sinnvolle Arbeit, Verantwortung und Entwicklungsmöglichkeiten. Eigentlich gute Voraussetzungen für kirchliche Berufe. Trotzdem fehlt der Nachwuchs. Eine Sozialdiakonin zeigt, was die Kirche bieten kann. Zwei Fachleute erklären, weshalb das allein nicht reicht.

Jennifer Dönni reparierte Waschmaschinen und Tumbler. Als gelernte Automatikerin war sie im Aussendienst unterwegs. Dabei merkte sie irgendwann: Am meisten gefielen ihr jene Besuche, bei denen nicht nur eine Maschine zu flicken war, sondern auch ein Gespräch entstand. «Ich merkte, dass mir irgendetwas fehlt», erzählt die 27-Jährige. Erst dachte sie über soziale Arbeit nach. Dann kam ihr eine andere Idee: «Ich mache einfach mein Hobby zum Beruf.»

Dieses Hobby begleitete Dönni schon lange. Sie engagierte sich in der Jugend­arbeit der Reformierten Kirche Kanton Zug, leitete Lager und Anlässe. Dort hatte sie etwas erlebt, was sie prägte: einen Ort, an dem sie sein konnte, wie sie war. Und Menschen, die ihre Stärken sahen und förderten. Genau das wollte sie weitergeben. Sie liess sich zur Sozialdiakonin ausbilden und arbeitet seit 2024 in diesem Beruf bei der Reformierten Kantonalkirche Zug. Ihr Schwerpunkt: Kinder und Jugendliche.

Sinn allein reicht nicht

Die Soziologin Benita Combet von der Universität Bern untersucht Berufswünsche junger Menschen. Studien mit Schweizer Jugendlichen zeigen: Neben einem guten Lohn wird eine Tätigkeit mit gesellschaftlichem Nutzen hoch bewertet. Auch Teamarbeit, Verantwortung und kreative Aufgaben kommen gut an.

Der Wunsch nach guten Arbeitsbedingungen ist nicht dasselbe wie mangelnde Arbeitsbereitschaft.

Das Bild einer jungen Generation, die angeblich möglichst wenig arbeiten möchte, hält Combet für zu pauschal. Die Forschung finde überwiegend kleine oder keine stabilen Unterschiede zwischen Generationen. Junge Beschäftigte sprächen heute möglicherweise offener über Flexibilität, psychische Gesundheit und Vereinbarkeit. «Der Wunsch nach guten Arbeitsbedingungen ist nicht dasselbe wie mangelnde Arbeitsbereitschaft.»

Allerdings genügt Sinn allein nicht, um ein attraktives Berufsbild abzugeben. In Combets Untersuchungen war der Lohn der wichtigste Faktor. Auch Arbeitsklima, Sicherheit, Vereinbarkeit und Entwicklungsmöglichkeiten spielen eine Rolle. «Sinn ersetzt faire Arbeitsbedingungen nicht», so Combet.

Was macht eine Sozialdiakonin eigentlich?

Dönnis Alltag zeigt: Wochenend- und Abendarbeit gehören dazu. Für ihre Berufswahl war das zweitrangig. Wichtiger war ihr die Frage: «Was bewege ich in meinem Job?»

Wer wenig Kontakt zur Kirche hat, verbindet Sinn, Gemeinschaft und die Arbeit mit Menschen nicht automatisch mit kirchlichen Berufen.

Wenn Dönni Gleichaltrigen erzählt, was sie beruflich macht, muss sie häufig zuerst erklären, was Sozialdiakonie überhaupt ist. «Dass das ein Job in der Kirche ist», sei oft schon die erste Information. Danach folge nicht selten die Frage, ob sie Gottesdienste halte. Dabei sei das nur ein kleiner Teil. Dönni begleitet Kinder und Jugendliche, organisiert Lager und Anlässe, bildet junge Leiterinnen und Leiter aus und versucht, Menschen in ihren Fähigkeiten zu stärken. Die Ausbildung verbindet soziale Arbeit und Theologie. Der Beruf lässt zudem viel Raum für eigene Stärken und Ideen.

Dass die Jungen aber kirchliche Berufe nicht kennen, könnte für die Kirche zum Problem werden, sagt Combet: «Ein unbekannter Beruf wird nicht bewusst abgelehnt, sondern er gelangt gar nicht erst in die engere Auswahl.» Wer wenig Kontakt zur Kirche habe, verbinde Sinn, Gemeinschaft und die Arbeit mit Menschen nicht automatisch mit kirchlichen Berufen. Zudem kann die Institution Kirche eine Hürde darstellen, wenn sie nicht zu den eigenen Werten oder zur eigenen Identität passt. Dönni erlebt Ähnliches. Viele sähen zunächst das Gebäude, den Gottesdienst am Sonntagmorgen und negative Schlagzeilen – «und nicht die Kirche als Ort von Gemeinschaft und Akzeptanz».

Ein Beruf muss erlebbar werden

Patrick Ambühl, Bereichsleiter der Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung des BIZ Kanton Luzern, hat jahrelang Jugendliche begleitet. Er beobachtet, dass sie stärker danach fragen, was nach einer Ausbildung möglich ist. Entwicklungsmöglichkeiten seien wichtig. Beim Schnuppern achten sie darauf, was sie tatsächlich tun, wie das Team funktioniert und welche Arbeitszeiten gelten.

Teilweise besteht die Vorstellung, für einen Beruf bei der Kirche brauche es grundsätzlich ein Studium. Die Kirche muss die Ausbildungswege verständlich aufzeigen.

Vor allem müsse ein Beruf sichtbar sein. Viele Jugendliche nähmen die Kirche nicht als Arbeitgeberin mit unterschiedlichen beruflichen Wegen wahr. Dabei sind die Möglichkeiten breiter als viele vermuten: Neben Pfarrerinnen und Pfarrern arbeiten etwa Sozialdiakoninnen, Katecheten, Spezialseelsorgerinnen, Kirchenmusiker oder Sigristinnen für die Kirche. Hinzu kommen Berufe in Kommunikation, Beratung, Personal oder Verwaltung. Teilweise bestehe die Vorstellung, für einen Beruf bei der Kirche brauche es grundsätzlich ein Studium, sagt Ambühl. Die Kirche müsse deshalb die Ausbildungswege verständlich aufzeigen.

Eine Berufsmesse wie die Zebi kann dabei helfen. Digitale Informationsangebote ermöglichten zwar einen schnellen Überblick, sagt Ambühl. Sie ersetzten aber nicht die persönliche Begegnung. Ein Beruf müsse erlebbar werden – im Gespräch und vor allem beim Schnuppern.

Auch Combet rät der Kirche, ihre Stärken nicht nur mit Begriffen wie Sinn oder Gemeinschaft zu beschreiben. Sie müsse zeigen, was diese im Berufsalltag bedeuten: Welche Aufgaben übernimmt jemand? Was kann man gestalten? Welche Wirkung hat die eigene Arbeit? Dazu gehörten Mitarbeitendenporträts, Schnuppertage und Praktika ebenso wie transparente Angaben zu Lohn, Arbeitsbedingungen und Voraussetzungen.

Jennifer Dönni brauchte solche Einblicke nicht. Sie kannte die kirchliche Arbeit bereits. Heute sagt sie über ihren Berufswechsel: «Ich habe während des Studiums kein einziges Mal gedacht: Ist das jetzt das Wahre?» Für sie habe sich vielmehr bestätigt: «Das ist mein Beruf, mit Sinn.»

 

Reformierte Kirchen an der Zentralschweizer Bildungsmesse (Zebi)

Die Zebi, Zentralschweizer Bildungsmesse, bietet Gelegenheit, Berufe kennenzulernen und mit Fachpersonen ins Gespräch zu kommen. Auch die reformierten Kirchen der Zentralschweiz sind an der Zebi vertreten. Im Rahmen des gemeinsamen Projekts «Förderung kirchlicher Berufe» informieren die Reformierten Kirchen Luzern, Nidwalden, Obwalden, Schwyz, Uri und Zug über berufliche Möglichkeiten im kirchlichen Umfeld. Der Stand der reformierten Kirchen befindet sich in Halle 2, Stand B 2033.

Die Zebi findet von 5. bis 8. November in der Messe Luzern statt.

www.zebi.ch

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