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Gesellschaft

Herr Haueter wischt

Aus dem Garten der «Sonnweid».

«Tsch – tsch – tsch»: Das Geräusch eines Besens auf Kies beschallt seit über einem Jahrzehnt ebenso den Garten des Heims «Sonnweid» wie das Zwitschern der Vögel. «Tsch – tsch – tsch»: Mehrere Stunden täglich ist es zu hören, wenn Herr Haueter sein Werk vollbringt. Mal wischt er geschwungene Rippen in den Kies, mal sind es gerade Linien oder Gräben, die den Rändern der Kieswege folgen. «Es ist keine Kunst», sagt der Mann, der mit verformtem Besen, roten Marlboros und rustikalen Witzen zu einem Wahrzeichen der «Sonnweid» geworden ist. «Ich muss mich nicht als Künstler verkaufen, meine Pension ist mehr als ausreichend.» Die schönen Formen und filigran verlaufenden Linien auf den verschlungenen Spazierwegen der «Sonnweid» entstehen demnach ohne gestalterische Absicht – was bekanntlich eine gute Voraussetzung ist für ein gelungenes Werk.

Herr Haueter wischt am Rand eines Weges etwas Kies zur Seite und erklärt: «Da siehst du das Wasser, das herunterläuft. Wenn die Sonne kommt, kommt auch das Vieh: Käfer und Schnecken hat es dann drin, und die machen mit dem Wasser den Weg kaputt.» Er erschaffe keine Bilder, sondern leiste Dienst am Kunden. «Es kommen ja nicht nur Gesunde. Schau, die Alte da drüben – auch sie muss gefahrlos herumlaufen können.»

Herr Haueters Schaffen hat etwas Meditatives: Es gleicht der Beschäftigung der buddhistischen Mönche, die mit ihren vergänglichen Mandalas aus Sand die leidvolle Ich-Anhaftung vermindern und gleichzeitig etwas Schönes für den Moment schaffen wollen. Im Unterschied zu diesen Mönchen ist es nicht der Erschaffer selbst, der sein Werk «zerstört». Es sind die Gärtner der «Sonnweid», die die Wege wieder ausebnen und somit Herrn Haueter wieder eine «weisse Leinwand» geben.

Schon in seiner früheren Arbeit als leitender Angestellter eines Logistik-Unternehmens beschäftigte sich Herr Haueter mit höchst flüchtigen Angelegenheiten. Fahrzeuge kommen und gehen, werden beladen und entladen. Täglich, stündlich, minütlich, augenblicklich verändert sich alles. Herr Haueter gehört also nicht zu jenen Menschen, die nach vollbrachter Arbeit etwas Handfestes, scheinbar Unvergängliches haben wollen.

Nach elf Jahren leben und wischen in der «Sonnweid» hat sich Herrn Haueters Arbeitstempo verlangsamt. Das Rauchen und die Demenz zollen ihren Tribut in der Form eines geschwächten Kreislaufs. Herr Haueter atmet schwer, wenn er den Besen führt und sich immer wieder mit einer Hand auf dem Rollator abstützt. Sein Werk ist archaischer geworden, es sind weniger feine Rillen, dafür umso höhere Kieswälle zu sehen. Auch die grösseren Steine aus dem Fundament der Wege zieren nun sein Werk und sind Zeugen einer zunehmenden Unzufriedenheit. Doch packt er seinen Besen, der mittlerweile aussieht wie eine Vogelscheuche im Orkan, und wischt weiter. «Tsch – tsch – tsch.» Martin Mühlegg

Martin Mühlegg

www.ungekünstelt.ch