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Gesellschaft

Freiwillig, gratis und im Verborgenen

Silvia M.* (64) führt ein Gästehaus im Berner Seeland und betreut neben ihrer neunzigjährigen Mutter auch die beiden Grosskinder. Sie ist eine von vielen, die wertvolle Care-Arbeit leistet. Die Evangelischen Frauen fordern in einer Resolution: Wer Angehörige betreut, soll sozial abgesichert und unterstützt werden.

Im Gästehaus von Silvia M. ist viel Betrieb. Die Zimmer sind gut ausgelastet und die Gäste schätzen die freundliche und unkomplizierte Stimmung im Haus. Doch die einstige Pflegefachfrau kümmert sich nicht nur um ihre Kundschaft, sie betreut auch ihre neunzigjährige Mutter und die schulpflichtigen Kinder ihrer Tochter. Alle wohnen sie nah beieinander, haben je einen eigenen Haushalt, doch ihr Alltag ist ein vielmaschiges Gewebe, das alle miteinander verbindet.

Care-Arbeit ist unverzichtbar
Zur alten Mutter kommen zwar täglich Pflegerinnen der Spitex, doch für Silvia M. bleibt immer noch einiges zu tun: einkaufen, kochen, waschen, Rechnungen bezahlen, die Steuererklärung ausfüllen, Arztbesuche organisieren oder ein paar Ferientage planen. Auch lädt sie sie regelmässig zu Familienereignissen ein und schaut, dass die Kids ihre Urgrossmutter immer mal wieder besuchen. Fürs Wohnen und die Unterstützung bekommt Silvia M. ein Entgelt, doch was kaum abzugelten ist, ist die ständige Erreichbarkeit, auch nachts.

Aber es bleibt viel, denn Silvia M. ist auch in die tägliche Betreuung der Grosskinder eingebunden: aufwecken, anziehen, frühstücken, zur Schule schicken, Mittagessen, Hausaufgaben machen. «Einmal die Woche fahre ich mit dem Jungen auch noch in die Stadt, wo er eine Art Zusatzunterricht bekommt. All das mache ich sehr gerne und ich liebe die Kids über alles, aber es braucht viel Kraft und Energie.»

Vor allem Frauen im Einsatz
So wie Silvia M. leisten viele in der Schweiz Care-Arbeit. Wer Angehörige pflegt oder Kinder betreut, tut dies, weil es nötig ist. Meist sind es Frauen und ihr Einsatz gilt als freiwillig, ist oft unbezahlt, sozial schlecht abgesichert und wird von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Auf diesen Missstand macht nun der Verband der Evangelischen Frauen Schweiz EFS aufmerksam. Sie fordern bessere Bedingungen besonders auch für unbezahlte Leistungen. Sie wollen, dass gesellschaftliche Stereotypen aufgebrochen werden und Care-Arbeit für alle Menschen selbstverständlich wird, also auch für Männer. «Es darf nicht sein, dass Frauen aus dem Beruf aussteigen, unbezahlte Betreuungsarbeit leisten, Lohneinbussen haben und dann noch schlechtere Renten bekommen», meint Dorothea Forster, Präsidentin der EFS. «Diese Einbussen müssen sozial abgefedert werden.»

Angehörige schätzen die Unterstützung
Dieser Meinung ist auch Silvia M. Sie fühlt sich zwar nicht benachteiligt und weiss, dass ihre Angehörigen ihre Unterstützung wertschätzen, aber als ehemalige Pflegefachfrau und jetzige AHV-Bezügerin sieht auch sie Nachholbedarf. «Noch ist das Rentenalter der Frauen bei 64 Jahren. Das ist doch eine kleine Entschädigung für Lohneinbussen durch Gratisarbeit. Aber wenn ich genau rechnen wollte, bekäme ich schlechte Laune, darum lasse ich es lieber.» Sie setze sich gerne ein, solange sie gebraucht wird, meint sie. «Ich bin einfach da, mache, was ich kann und bin schlussendlich ja auch gerne Teil dieser Familiengemeinschaft.»

* Name der Redaktion bekannt

Katharina Kilchenmann, reformiert.info, 4. Mai 2018

Resolution: «Care-Arbeit ist unverzichtbar – gute Rahmenbedingungen auch»
Die Evangelischen Frauen Schweiz (EFS) fordern in einer Resolution bessere Rahmenbedingungen für alle, die Care-Arbeit leisten: Wer Angehörige pflegt, muss sozial abgesichert und unterstützt werden. Die EFS sind der Dachverband der reformierten sowie von ökumenischen Frauenverbänden und Einzelmitgliedern.