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Gesellschaft

Schuldig

Wir verabschiedeten uns mit einer Umarmung, einem Kuss und einem «Bis später» so wie immer.

Es sollte der letzte Kuss, die letzte Umarmung sein. Du bist am Nachmittag nicht mehr nach Hause gekommen. Du hast dich anders entschieden.

Warum konnte ich dir nicht helfen? Ich habe dich im Stich gelassen, als du mich so sehr gebraucht hättest. Ich habe gemerkt, dass es dir nicht gut geht. Trotzdem bin ich zur Arbeit gegangen, trotzdem bin ich am Morgen nach der Arbeit schlafen gegangen.

Warum habe ich dich allein gelassen? Ich habe geweint, als ich mit dem Bus zur Arbeit ging.
Die ganze Busfahrt zum Nachtdienst habe ich geweint. Die Nacht erschien mir unendlich lang. Ich beschäftigte mich immer, damit die Nacht
nur schneller vergehe und ich wieder nach Hause zu dir kann.

Und als ich am Morgen nach Hause komme, sehe ich, dass es dir nicht gut geht. Für einen Moment blitzte der Gedanke durch meinen Kopf: «Er braucht mich jetzt.» Aber ich war so müde und ging schlafen, nachdem wir abgemacht hatten, wann wir uns am Nachmittag sehen.

Ich dachte, wir schaffen es gemeinsam, als du Monate zuvor einen Zusammenbruch hattest. Es passierte für mich wie aus heiterem Himmel. Aber ich habe tatsächlich geglaubt, wir schaffen es zusammen und es wird alles wieder gut.

Ich habe dich zum Gespräch zu deinem Chef begleitet, zum Arzt. Ich habe der Einweisung in die psychiatrische Klinik zugestimmt. Ich habe daran geglaubt, dass du dort am richtigen Ort bist, wo dir geholfen wird. Ich habe dich dort jeden Tag besucht und gesehen, wie traurig du bist. Du hast die Welt nicht mehr verstanden. Ich habe nicht gewusst, wie ich dir helfen sollte. Und ich weiss es noch immer nicht. Auch ich habe die Welt nicht mehr verstanden.

Ich habe daran geglaubt, dass dir die psychiatrischen Sprechstunden helfen. Ich wollte dich einmal begleiten, aber das hast du abgelehnt. Ich habe es akzeptiert.

Wir haben uns nach ärztlicher Rücksprache für die lange geplante Australienreise entschieden. Ich hatte den Eindruck, dass es auch
für dich stimmt, vor allem, als du ein paar Tage zuvor neue Koffer für die Reise gekauft hast. Ich möchte unsere gemeinsame letzte Reise nicht missen. Aber war es richtig? Ich weiss es nicht.

Waren alle meine Annahmen, dass dir geholfen wird, dass alles wieder gut wird, falsch?

Ich fühle in meinem Herzen ein tiefes Versagen meinerseits. Und plötzlich stehen so viele Vorwürfe im Raum. So viele Fragen.

Ich weiss nicht mehr, was richtig oder falsch ist. Ich suche nach Antworten, Gründen. Alles dreht sich im Kreis.

Meine Schuldgefühle zermalmten mich. Das Gefühl, alles falsch gemacht zu haben, wo ich doch versuchte, dir zu helfen. Schuldig, schuldig,
schuldig, das haftete so fest in meinem Kopf.

Ich kann mich erinnern, als ich einmal gegenüber einer Freundin meine Schuldgefühle ansprach.

«Du fühlst dich schuldig?», fragte meine Freundin verständnislos. Ich war verblüfft. Ja, war ich das denn nicht? Sahen sie nicht automatisch in mir die Schuldige, die nicht in der Lage war, dir ein lebenswertes Leben zu schenken?

Ich weiss nur, dass ich dich sehr vermisse und mein Leben ohne dich leer ist.

Anita Bättig, aus «Darüber reden», Perspektiven nach den Suizid. Herausgegeben von Jörg Weisshaupt, Johannes Petri Verlag

 

Die Leute fragen mich manchmal …

Die Leute fragen mich manchmal, ob ich deinen Tod überwunden hätte. Die vorsichtigen Leute fragen mich, ob ich es «ein wenig» überwunden hätte. Die uneinfühlsamen Menschen fragen mich, ob ich bereits wieder einen neuen Lebenspartner hätte.

Aber die meisten Leute fragen nichts. Und die Menschen, die dich kannten, schweigen dich tot. So tot kannst du gar nicht sein, wie sie dich jetzt totschweigen. 

Anita Bättig