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Gesellschaft

Genau hinschauen, wen man unterstützt

Die Ökonomin Adina Rom erforscht die Wirkung von Hilfsprogrammen. Eine effektive Methode: das Geld direkt an die Betroffenen zu zahlen.

Frau Rom, spenden Sie?

Natürlich.

Wofür haben Sie zuletzt gespendet?

Für «TamTam – Together Against Malaria». Die Organisation verteilt gratis Moskitonetze an die Menschen, die in Malariagebieten in Afrika leben. «TamTam» entstand aus unserer wissenschaftlichen Studie, die zeigte, dass dieses Vorgehen sehr wirksam ist im Kampf gegen Malaria und auf extrem effektive Art Millionen von Menschenleben retten kann. Ich sitze auch im Beirat von «TamTam», weil mich dieser Ansatz überzeugt.

Die Entwicklungszusammenarbeit EZA wird heute kritisiert. Wenn das Geld von aussen komme, fühlten sich die Regierungen der Entwicklungsländer noch weniger verpflichtet, auf die Bedürfnisse der Bevölkerung zu achten, heisst es unter anderem. Wäre es da nicht besser, die EZA einzustellen?

So würde ich das nicht sagen. Die Entwicklungszusammenarbeit kann einen wesentlichen Beitrag leisten für eine starke Zivilgesellschaft mit ausgebildeten, gesunden, engagierten Bürgerinnen und Bürgern. Diese können dann ihre Regierungen zur Rechenschaft ziehen. Um sich politisch zu organisieren, braucht es eine gewisse Ausbildung, genau hier kann Entwicklungszusammenarbeit ansetzen. Zudem ist in den meisten Ländern die Entwicklungszusammenarbeit nur ein kleiner und abnehmender Teil des Regierungsbudgets.

Ist es denn falsch, die EZA an Bedingungen wie Rechtsstaatlichkeit zu knüpfen?

Natürlich muss man genau hinschauen, wen man unterstützt. Doch wo es möglich ist, sollte man mit den Regierungen zusammenarbeiten. Ein gutes Beispiel ist die «Against Malaria Foundation», eine Partnerorganisation von «TamTam», über die wir Moskitonetze verteilen. Sie arbeitet eng mit Regierungen zusammen und sammelt auch Daten, welche sie dann Regierungen zur Verfügung stellt, damit sie diese für ihre eigenen Programme nutzen können. Eine solche Zusammenarbeit und gegenseitige Unterstützung ist konstruktiv.

Wenn sich aber das Land in den Händen eines korrupten Diktators befindet? Gibt es eine Grenze der Zusammenarbeit?

Das ist ein Dilemma. Einerseits will man korrupte, autoritäre Regierungen nicht unterstützen, andererseits leidet die Bevölkerung unter solchen Regimen. In solchen Fällen gibt es oft Möglichkeiten, mit Nichtregierungsorganisationen zu arbeiten. Es kommt auf die Situation an, wie man am besten vorgeht und welche Partner man auswählt. Findet man jedoch Hinweise auf Korruption, muss man dagegen vorgehen. Oft geschieht dies auch.

Viele haben das Gefühl, dass Millionen von Entwicklungsgeldern versanden und nicht bei den Menschen ankommen und dass es, etwa in den afrikanischen Ländern, nicht vorwärtsgeht.

Das ist falsch. Es gibt weltweit massive Fortschritte in der Armutsbekämpfung. 1950 starb weltweit eines von fünf Kindern vor dem fünften Geburtstag, eine horrende Zahl. Heute stirbt eines von 25 Kindern. 1990 litten 35 Prozent der Weltbevölkerung unter extremer Armut, heute sind es weniger als zehn Prozent. Und weltweit besuchen heute fast alle Kinder im Primarschulalter eine Schule. Das sind unglaubliche Erfolge. Es ist möglich, Gesellschaften aufzubauen, in denen die Menschen Zugang zu Bildung, Gesundheit und politischer Partizipation haben. Die junge Generation in Afrika ist heute viel besser ausgebildet als ihre Eltern, die oft in der Zeit des Kolonialismus aufgewachsen sind. Innovation und Wachstum sind an vielen Orten stark. Es ist schade, dass die Medien den Fokus oft auf Krisen und Notfälle richten und diese langfristigen positiven Tendenzen vernachlässigen. Aber natürlich gibt es trotzdem noch sehr viel zu tun und es gibt auch neue Herausforderungen wie den Klimawandel, die diesen historischen Fortschritt wieder gefährden.

Sind nicht die Hilfswerke auch am schlechten Image der Entwicklungsländer Schuld? Mit Katastrophenmeldungen und Bildern von Armut und Elend versuchen sie Spender zu erreichen und prägen unser Bild?

Ich glaube, dass sich dieser Diskurs langsam ändert. Wichtig ist, dass die Stimmen aus den Entwicklungs- und Schwellenländern zu Wort kommen. Wir sollten mit den Menschen aus diesen Ländern reden, nicht über sie.

Es gibt Forschung, die zeigt, dass Hilfe wirksam sein kann, wenn das Geld direkt und ohne Bedingungen an arme Familien ausbezahlt wird. 

Direkte Geldüberweisungen sind einer von vielen Ansätzen, die gut funktionieren. Die Leute sollen selber entscheiden, wie sie das Geld ausgeben wollen, das gefällt mir. Es gibt weltweit viele Organisationen wie etwa «GiveDirectly», die solche Projekte vorantreiben und erforschen. «New Incentives» ist auch eine sehr innovative und evidenzbasierte NGO im Bereich von Geldüberweisungen und Konditionen. Auch die DEZA nutzt seit längerer Zeit Geldtransfers für die humanitäre Hilfe, ebenso viele Schweizer NGOs. Ich finde diesen Ansatz spannend. Die Forschung zeigt, dass die Leute diese Beiträge sinnvoll einsetzen. Vorurteile, etwa dass die Betroffenen Tabak oder Alkohol kaufen, konnten die Studien entkräften. Doch auch dieser Ansatz löst nicht alle Probleme. Es gibt Herausforderungen wie die Bereitstellung von öffentlichen Gütern, die man kollektiv angehen muss.

Wie erklären Sie sich, dass die Leute das Geld nicht sinnlos ausgeben?

Wir unterschätzen oft Menschen, die im Leben weniger Glück hatten als wir. Auch in der Schweiz haben wir das Gefühl, dass wir Sozialhilfebezüger überwachen müssen. Doch die meisten treffen gute und sinnvolle Entscheidungen, egal wo sie auf die Welt gekommen sind. Der Wunsch zum Beispiel, seinen Kindern eine gute Zukunft zu bieten, ist universell.

NGOs oder staatliche Entwicklungshilfe, was ist wirksamer?

Die staatliche und private Hilfe ergänzen sich, es braucht beides. In der Schweiz wird ein Teil der staatlichen Entwicklungszusammenarbeit über NGOs ausgeführt. Diese Zusammenarbeit kann sehr fruchtbar sein.

Wie beurteilen Sie die Entwicklungshilfe der kirchlichen Hilfswerke wie sie das Heks, Brot für alle oder Mission21 betreiben? Ist christliche Hilfe heute zeitgemäss?

Es kann, darf und soll ganz verschiedene Gründe und Motivationen geben, warum man sich engagiert. Wichtig ist, dass die Menschen in den Entwicklungsländern davon profitieren. Darum sollte man Organisationen unterstützen, die eine Lernkultur haben und die Wirkung ihrer Programme ins Zentrum stellen. 

Was meinen Sie mit Lernkultur?

Hilfsorganisationen müssen bereit sein, ihre Programme zu hinterfragen und zu lernen, wie man Spenden und Geld am wirkungsvollsten einsetzt. Kein Betrieb läuft fehlerlos, das ist im Privatsektor genauso. Warum sollte es in der Entwicklungszusammenarbeit anders sein? Wenn nun eine Organisation systematisch wissenschaftliche Erkenntnisse berücksichtigt und mit Pilotprojekten Zugänge testet und auswertet, kann sie danach jene Ansätze umsetzen, die wirklich funktionieren. Es freut mich zu sehen, dass solche evidenzbasierten Ansätze in der internationalen Zusammenarbeit immer mehr genutzt werden.

Die Entwicklungshilfe hat sich im letzten Jahrhundert verändert: Angefangen bei Mission über die Welthungerhilfe und Aidshilfe bis zur politischen Zusammenarbeit – wie sieht die EZA der Zukunft aus?

Heute stehen wir vor globalen Herausforderungen wie Klimawandel, Erhaltung der Biodiversität oder globale Armut. Diese Probleme brauchen internationale Lösungen. Wir müssen Wege finden, wie wir gemeinsam Wissen erarbeiten und bereitstellen können, um die Herausforderungen der internationalen Zusammenarbeit gut und auch kosteneffizient zu lösen, beispielsweise indem wir forschungsbasierte Ansätze entwickeln.

Die Politik hält sich nicht immer an die Ratschläge der Wissenschaft, wie die Diskussion um den Klimawandel zeigt. Oftmals spielt die Ideologie eine Rolle.

Manchmal kann empirische Forschung den ideologischen Grabenkämpfen etwas den Wind aus den Segeln nehmen. Nehmen wir die Moskitonetze. Das war ein ideologischer Grabenkampf. Soll man sie gratis abgeben oder etwas dafür verlangen? Die einen meinten, der Markt müsse dies lösen, denn was nichts kostet, ist nichts wert. Die anderen wollten die Netze gratis verteilen. Diese Debatte kann man ewig führen. Eine Studie hat das dann untersucht und bot nach dem Zufallsprinzip in verschiedenen Kliniken die Moskitonetze zu verschiedenen Preisen an. Die Auswertung zeigte klar, dass die Leute die Gratisnetze benutzten. Sobald man aber etwas dafür verlangte, sank die Nachfrage massiv. Manchmal kann man mit solchen Studien die Ideologie hinter sich lassen und konkret ausprobieren, ob etwas funktioniert. Natürlich ist das nicht immer so und bei gewissen Themen wie dem Klimawandel wäre es wichtig, die Politik würde mehr auf die Wissenschaft hören und entschlossen handeln.

Was kann der Einzelne tun, um die EZA zu unterstützen? Worauf sollten wir beim Spenden achten?

Wir verfügen in der Schweiz über so viele Ressourcen und technisches Wissen, so dass wir einen grossen Beitrag leisten können. Politisches und institutionelles Engagement ist sicher wichtig, ebenso sich zu informieren und natürlich Zeit oder Geld zu spenden. Man sollte darauf achten, dass die Spende wirksam ist und dass man mit jedem Franken möglichst viel erreichen kann. Darum spende ich für Organisationen, die in sehr armen Regionen arbeiten, weil dort der Bedarf am grössten ist und man oft mit jedem Franken viel bewirken kann. Ich empfehle, Organisationen zu unterstützen, die eine starke Lernkultur haben und wissenschaftliche Erkenntnisse in ihre Arbeit integrieren, und dies auch kommunizieren. 

Können Sie sich vorstellen, dass man die EZA eines Tages nicht mehr braucht?

Das ist auf jeden Fall meine Hoffnung. In vielen Ländern ist man bereits so weit, das darf man nicht unterschätzen. Wir vergessen schnell, dass etliche der heute wohlhabenden asiatischen Länder bis vor kurzem arm waren und Europa war nach dem Zweiten Weltkrieg auch zu grossen Teilen zerstört. Ich denke, dass es immer nötig sein wird, Herausforderungen global anzugehen und die, die am meisten benachteiligt sind, zu unterstützen. Es gab ja auch schon viele Veränderungen, so sind Geldflüsse, welche Migrantinnen und Migranten nach Hause senden, heute wichtiger als die gesamte Entwicklungszusammenarbeit. Die Formen der Solidarität und Unterstützung werden sich sicher weiterentwickeln.

Karin Müller, Kirchenbote, 23. September 2019

Mehr Freiheit:

Um 1900 lebten rund 70 Prozent der Menscheit in Autokratien oder Kolonialregimen. Heute lebt noch ein Viertel der Weltbevölkerung in Autokratien und mehr als die Hälfte in Demokratien. 

Bessere Gesundheit:

Heute wächst die Lebenserwartung nicht nur in den Industrienationen. Sie liegt im globalen Mittel bei 70 Jahren.

Ein Drittel weniger Kinderarbeit:

Im Jahr 2000 arbeiteten 246 Millionen Kinder auf der Welt, 2012 waren es 168 Millionen. Im gleichen Zeitraum ist der Anteil gefährlicher Arbeit von 70 auf 50 Prozent gesunken. 

Zwei Drittel weniger Armut:

Der Anteil der Menschen, die in extremer Armut leben, hat von 37 Prozent im Jahr 1990 auf 10 Prozent im Jahr 2015 abgenommen. 

Ein Drittel mehr Bildung:

Heute können vier von fünf Menschen lesen und schreiben. Die Alphabetisierungsrate beträgt im globalen Mittel 85 Prozent. 1960 lag sie bei 60 Prozent.

Weniger Hunger:

Von 1920 bis 1970 verhungerten im  Schnitt pro Jahrzent weltweit 529 von 100 000 Menschen. In den Nullerjahren waren es noch 3. 

20-mal weniger Kriegstote:

Anfang der 50er-Jahre starben weltweit 20 von 100 000 Menschen in einem Krieg, 2005 noch einer. Der Syrien-Konflikt hat allerdings dazu geführt, dass die Zahl der Kriegstoten wieder gestiegen ist. 

 

 Aus «Früher war alles schlechter», Guido Mingels, Spiegel-Verlag