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Gesellschaft

Streetchurch

Zertifikate erschweren soziokulturelle Arbeit

24.11.2021
Seit Mitte September gilt in der Schweiz 3G. Weil viele Jugendliche und junge Erwachsene nicht geimpft sind, bleiben einige kirchlichen Angeboten wie der Streetchurch fern.

«Viele Jugendliche und junge Erwachsene sind verunsichert», sagt Philipp Nussbauer. Er ist Geschäftsleiter der Streetchurch, einem zur reformierten Kirche Zürich gehörigen, niederschwelligen Angebot für Jugendliche und junge Erwachsene aus dem Grossraum Zürich. Neben Beratung und Unterstützung in Bereichen wie Arbeit, Wohnen, Sucht oder Beziehungsgestaltung bietet die Organisation ihnen vor allem eines: ein soziales Umfeld.

Doch genau dieses soziale Umfeld ist derzeit in Gefahr. Denn seit dem 13. September, als die erweiterte Zertifikatspflicht eingeführt wurde, dürfen Jugendliche ab 16 Jahren nur noch mit Impfung oder Tests an den Veranstaltungen teilnehmen. Geimpft sind allerdings die wenigsten. «Von unserer Zielgruppe zwischen 18 bis 30 Jahren ist nur etwa ein Viertel geimpft», schätzt Nussbaumer. Das ist deutlich unter dem schweizweiten Schnitt von rund 50 Prozent in dieser Altersklasse.

Migrationshintergrund und die Bildungsferne sind die vermuteten Gründe hierfür. «Für diese Jugendlichen ist nicht so einfach, sich Informationen zu beschaffen.» Sie verlassen sich vor allem auf die sozialen Medien. Ihnen fehlt es laut Nussbaumer oft an den nötigen Kompetenzen, Informationen zu gewichten und richtig einzuschätzen. In Einzelgesprächen versuche man zwar aufzuklären. Die Angst vor Unfruchtbarkeit zum Beispiel könne man den jungen Leuten aber selten nehmen.

Wie ein Impfzwang
Nicht betroffen von der Zertifikatspflicht sind die verschiedenen Beratungsangebote der Streetchurch. Wer also zum Beispiel eine Bewerbung schreiben will, kann dies mit den üblichen Schutzmassnahmen nach wie vor in den Räumlichkeiten tun. Anders sieht es aber bei den Veranstaltungen aus. Zum Beispiel die Ladies Night, die gemeinsamen Serienabende oder auch der Gottesdienst am Mittwochabend mit gemeinsamem Essen. Hierzu braucht es, genau wie in den Restaurants, eine Impf- oder Testbescheinigung.

Nussbaumer findet 3G richtig, sieht darin ein wichtiges Mittel zur Pandemiebekämpfung. Mühe hat er aber mit der Entscheidung, dass der Bund die Kosten fürs Testen nicht mehr übernimmt. Ungeimpfte, die ein Covid-Zertifikat brauchen, müssen dieses seit Ende Oktober selber bezahlen. Nur noch in Ausnahmefälle werden die Kosten für Tests übernommen, etwa für Personen unter 16 Jahren. «Für unsere Zielgruppe ist dies wie ein indirekter Impfzwang.» Es bringe die jungen Leute in arge finanzielle Nöte. Viele können sich die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben so schlicht nicht leisten – und auch nicht die Angebote mit präventivem Charakter.

Mensch, nicht Impfstatus
Um zu verhindern, dass Leute abgewiesen werden müssen, übernimmt die Streetchurch vorerst die Testkosten. «Gerade in der Weihnachtszeit wollen wir nicht riskieren, dass jemand sich selbst überlassen bleibt.» Auf lange Sicht würde dies das Budget jedoch zu sehr strapazieren. Dauert die Pandemie an, lägen die sozialen Folgen auf der Hand: «Die jungen Leute verkriechen sich, sind nicht mehr motiviert, driften ab.»

Falls auch in der Schweiz 2G eingeführt wird, hofft Nussbaumer, dass wenigstens soziale Angebote auch weiterhin nicht davon betroffen sind. «Im Minium die Anlaufstellen müssen zugänglich bleiben.» Für ihn ist klar: «Wir müssen für die Menschen da sein – egal was sie für einen Impfstatus haben.»

Sandra Hohendahl-Tesch, reformiert.info

Philipp Nussbaumer, 36, ist gelernter Diakon und seit 2013 Geschäftsleiter der Streetchurch. Nussbaumer ist verheiratet, Vater von drei Kindern und lebt mit seiner Familie in Zürich.