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Sommerserie: Wandern auf spirituellen Pfaden – Sihlwald und Kloster Kappel

Auf Zwinglis Spuren durch die Wildnis

von Michael Schäppi
min
18.07.2026
Moosige Baumriesen, Lavendelduft und hart erkämpfte Siege: Wer im Wildnispark Sihlwald und rund ums Kloster Kappel unterwegs ist, kommt dem Himmel schon vor dem ersten Schluck Klosterbier ein Stück näher. Teil 3 der Sommerserie «Wandern auf spirituellen Pfaden».

Eine Weile stehe ich auf der Wiesenlichtung, entdecke am Horizont die Rigi. Da sehe ich sie: die zehn Schmetterlinge, die mich tanzend umflirren. Eine, vielleicht fünf Minuten vergehen. Jetzt fühle ich das erste Mal diese Verwurzelung, spüre meine Beine, meine Füsse, die sich mit dem Boden zu verbinden scheinen. Der Gesang der Vögel tönt klarer, eindringlicher. Ich bin im Wildnispark Zürich Sihlwald angekommen.

Der Zauber der Wildnis

Der Blick gleitet dem sichelförmigen Zürichsee entlang, bevor der Wald seine ganze Pracht entfaltet. Wucherndes Grün, vermoderte Baumstämme. Die erste Begegnung mit dem moosbewachsenen Naturerlebnispark spricht gleich beim Betreten seine unverkennbare Sprache: Hier kann die Natur tun und lassen, was sie will. Das Naturwaldreservat im Sihlwald ist mit rund 970 Hektaren Fläche das grösste im Schweizer Mittelland. Und das weniger als eine halbe Stunde von Zürich entfernt. Hier gedeihen seltene Arten, alte Bäume und viele totholzliebende Pilze.

 

Dem natürlichen Kreislauf überlassen: Die vom Borkenkäfer befallenen Nadelbäume werden nur in Wegnähe gekappt. | Foto: Michael Schäppi

Dem natürlichen Kreislauf überlassen: Die vom Borkenkäfer befallenen Nadelbäume werden nur in Wegnähe gekappt. | Foto: Michael Schäppi

 

Nach der ersten Weggabelung: Wie silberne Pfeile ragen tote Nadelbäume in den Himmel. Ich treffe auf Hanspeter, Bauer vom Wildnispark. Er unterbricht seine Mäharbeiten, begrüsst mich mit festem Händedruck. Ich will wissen, was es mit den toten Nadelbäumen auf sich hat. «Im bewirtschafteten Wald wären die längst entfernt worden. Hier befallen die Borkenkäfer nahestehende Bäume. Auch das gehört zur Wildnis.»

Die Erde trägt, der Himmel trägt

Nach einem kurzen Abstecher auf den Aussichtsturm Albis-Hochwacht stemme ich einen Fuss nach dem anderen dem Albishorn entgegen. Es ist 30 Grad heiss. Dann, ein unförmiger Stein am Wegrand. «Mein Joch ist sanft, meine Last ist leicht», Und: «Sorget euch nicht um morgen», heisst es in der Bibel. Ich lege den Stein auf einen kleinen Erdhügel. Mit ihm, so entscheide ich, lege ich all meinen Alltagsballast ab. Die Erde trägt. Der Himmel trägt.

 

Sorgenstein am Wegrand: «Meine Last ist leicht, mein Joch ist sanft.» (Matthäusevangelium, Kapitel 11, Vers 30) | Foto: Michael Schäppi

Sorgenstein am Wegrand: «Meine Last ist leicht, mein Joch ist sanft.» (Matthäusevangelium, Kapitel 11, Vers 30) | Foto: Michael Schäppi

 

Nach weiteren, schon leichtfüssigeren zehn Wegminuten, kaltes Quellwasser. Der «Zürrer-Syfrig-Brunnen» wurde zu Ehren von Theophil Zürrer junior erbaut, Leiter der hiesigen Seidenweberei und Präsident des Verschönerungsvereins Hausen. Still setzte ich mich neben die Quelle. Das Wasser murmelt ein Gedicht, zeichnet Welle um Welle ein neues Bild. Der Himmel regnet, die Erde nimmt. Ich habe meine Arme nicht in das kühle Nass getaucht, habe keinen erfrischenden Schluck genommen, da ahne ich: Das «lebendige Wasser vom Himmel» hört nie auf zu sättigen.

Blauer Horizont

920 Meter über Meer: Bürglenstutz, höchster Punkt der Tour. Nach einem halben Wegkilometer koste ich im Bergrestaurant Albishorn den «Schlorzifladen», eine Spezialität des Hauses. Wunderbar vergeht die Birnenfüllung der Wähe auf der Zunge. Nach dem Panorama dann der Abstieg. Kaum den Wald verlassen, breitet der sanft abfallende Pfad Kurve um Kurve ein neues Panorama: im Süden die Rigi, leuchtend weiss im Osten die Kuppe des Tödi. Im Südwesten die zackigen Spitzen des Pilatus.

 

> Sommerserie: Wandern auf spirituellen Pfaden
In unserer Sommerserie führen wir Sie zu einem religiösen oder spirituell geprägten Ort mitten in der Natur. Spiritualität wird hier niederschwellig erlebbar, fernab von Kanzel und Kirchenbank. Und wer sich partout nicht bekehren lässt, findet vielleicht trotzdem einen Moment der Stille – und sei es nur bei einem kühlen Bier zum Schluss, gerne auch alkoholfrei.

Erscheinungsdaten:
11. Juli: Norbert Bischofberger: Aus dem Hamsterrad des Alltags ausbrechen
11. Juli: Auf dem Jakobsweg zu den Beatushöhlen
18. Juli: Sihlwald und Kloster Kappel
25. Juli: Ermitage Arlesheim und Kloster Dornach
8. August: Verenaschlucht

 

Nach Passieren des Weilers «Hinteralbis» hallt plötzlich Baulärm die Hügelflanke empor. Immer lauter, je näher sich die Hausdächer von Hausen am Albis abzeichnen. In diesem Moment realisiere ich, wie sehr mich die Natur bereits verwandelt, wie schnell mich die Wildnis von der Zivilisation entwöhnt hat. Liegt es an meinen Sinnen, die präziser wahrnehmen? An der Stille, die meinen Puls gesenkt hat? Oder daran, dass ich mich im Einklang mit der Schöpfung fühle?

Übernatürlicher Friede

Nach der Dorfquerung mündet der Weg in den Wald. Und da ist er wieder, dieser Friede, diese Stille. Mitten im üppigen Grün öffnet sich ein Friedensraum, der Wald zeigt mir sein freundlichstes Gesicht. Er zeigt sich, ohne sich zur Schau zu stellen. Nicht geglättete Schönheit, sondern Würde in Vielfalt. Bäume, die keine Hektik, sondern Stille in ihrer Standhaftigkeit vermitteln.

 

Wie Säulen einer Kathedrale tragen die silbergrauen Baumstämme das Blätterdach des Sihlwalds. Nur da und dort unterbricht ein Sonnenstrahl den grünen Schattenraum. | Foto: Michael Schäppi

Wie Säulen einer Kathedrale tragen die silbergrauen Baumstämme das Blätterdach des Sihlwalds. Nur da und dort unterbricht ein Sonnenstrahl den grünen Schattenraum. | Foto: Michael Schäppi

 

«Unsere Leiber können sie töten, nicht aber unsere Seele»

Jetzt ist es nur noch ein Katzensprung bis zu unserem Ziel Kloster Kappel. Wie aus einer vergessenen Zeit führt ein überwucherter Steinweg zum Huldrych Zwingli Denkmal. «Unsere Leiber können sie töten, nicht aber unsere Seele», zitiert die Tafel unter knorrigen Ästen den Reformator. Er bezahlte seinen langen Kampf für soziale, religiöse und politische Gerechtigkeit am 11. Oktober 1531 in der Schlacht bei Kappel mit dem Tod. Kurz darauf lasse ich mich erleichtert in die Kirchenbank des Klosters Kappels fallen. Im Blick den hohen, kühlen Kirchenraum. Auch ich ahne, dass der Tod nicht sein letztes Wort hat.

 

Die Klosterkirche prägt den Weiler von Kloster Kappel, gegründet im 12. Jahrhundert als Zisterzienserabtei – heute Ziel von Wanderern, Pilgern und Seminargästen. | Foto: Michael Schäppi

Die Klosterkirche prägt den Weiler von Kloster Kappel, gegründet im 12. Jahrhundert als Zisterzienserabtei – heute Ziel von Wanderern, Pilgern und Seminargästen. | Foto: Michael Schäppi

 

Duftende Medizin, leuchtende Blütenpracht

Wieder draussen summt und brummt es, gemächlich tropft das Wasser in den Zierbrunnen im Zentrum des Kräutergartens. «Duftnessel», «Duftveilchen», allein die Namen regen meinen Geruchssinn an. Aus dem Öl der Veilchen entsteht Edel-Parfum. In einem Beet entdecke ich die filigranen Blätter von leicht THC-haltigem Hanf. Jede der Pflanzen ist ausgeschildert mit Namen und teils verblüffenden Zusatzinfos. Ich rieche an «Salvia officinalis» und erfahre, wieso diese auch Marienpflanze genannt wird. Die Gottesmutter soll sich einst mit dem kleinen Jesus vor den Soldaten des Herodes in solch einem Salbeistrauch versteckt haben.

«Gottes Medizin» und ihre verblüffende Heilwirkung

Ich zerreibe violetten Lavendel zwischen meinen Fingerkuppen und atme den beruhigenden Duft ein. «Lavendel dient der Muskelentspannung, in der Küche als Eintopfgewürz und viele kennen ihn auch als Kopfkissenspray, der das Einschlafen erleichtert» erklärt die Mitarbeiterin, die heute durch den Garten führt. Sie leitet eine Gruppe von Beeinträchtigten der Stiftung «zuwebe», die den Pro Specie Rara Garten auf dem Areal bewirtschaftet. Die Zisterziensermönche betrieben im Kloster ein Hospiz. Arme und Kranke profitierten von der heilenden Kraft des Kräutergartens.

 

Der duftende Kräutergarten des Klosters Kappel: Eine Reise ins Land der Sinne und dem uralten Heilwissen der Zisterziensermönche. | Foto: Michael Schäppi

Der duftende Kräutergarten des Klosters Kappel: Eine Reise ins Land der Sinne und dem uralten Heilwissen der Zisterziensermönche. | Foto: Michael Schäppi

 

«Würzen, inhalieren, baden oder trinken, fast jede der Kräuterpflanzen findet in zahlreichen Formen Anwendung», erklärt sie. Ebenso breit deren Heilwirkung: «Psyche, Bauch, Muskeln, Lunge und viele Weitere, sie geben dem Garten seine thematische Struktur. So ist jede Rabatte einem Verwendungszweck gewidmet.» Die ausgeklügelte Ordnung und die Ästhetik barocker Geometrie faszinieren nicht nur Gartenliebhaber.

Ein Fest für die Sinne

Auch das Auge isst mit: In einem Beet sticht das prägnante Gelb der Blüte des «Alant» hervor, während der Zier- und Heilpflanzengarten am Rand ganz der Farbe weiss verschrieben ist. Um die Hausecke wartet der Pro Specie Rara Garten. «Aber bitte, versuchen Sie selbst», lädt die Mitarbeiterin ein. Für die Besucher der Führung gilt: Anfassen und kosten erwünscht! Die Johannisbeere hinterlässt wunderbar fruchtig-beerige Waldnoten auf meiner Zunge, Tomaten in allen erdenklichen Formen und Farben warten darauf, verkostet zu werden.

«Prosit Huldrych»

Nur ein paar Schritte vom Garten entfernt liegt das Klostercafé. Ein Glas «Huldrych Kloster Amber» in der Hand, sitze ich dort und lasse den Tag Revue passieren. «Prosit Huldrych», nicke ich Zwingli in Gedanken zu, «auf die Freiheit des Gewissens.» Das Kappeler Klosterbier schmeckt nach Hopfen und Sommer. Ich bin mir sicher: Die Kraft dieses beschaulichen Orts werde ich nicht das letzte Mal gefühlt haben.

 

Startpunkt: Langnau a.A., Albispasshöhe
Ziel: Kloster Kappel, Kappel am Albis
Dauer: 2:45 h reine Wanderzeit
Höhenmeter: 300 Meter Aufstieg und 500 Meter Abstieg
Schwierigkeitsgrad: mittel
Highlights unterwegs: Aussichtsturm Albis-Hochwacht, Panorama-Restaurant Albishorn, Zwingli Denkmal, Kloster Kappel mit Kräuter- und Pro Specie Rara Garten
Wanderkarte: Link zu Schweizmobil
Einkehr:
• Restaurant Albishorn (www.albishorn.com): Spezialität «Schlorzifladen», jeden Tag geöffnet
• Kloster Kappel: Klostercafé (www.klosterkappel.ch), Spezialität: kühles Kappeler Klosterbier, täglich geöffnet
Anreise ÖV: Stündlich ab Bahnhof Thalwil oder Baar mit dem Postauto bis Haltestell-te: «Langnau a.A., Albispasshöhe»
Rückreise: Stündlich ab Haltestelle «Kappel a.A., Kloster» mit dem Postauto bis Haltestelle: Bahnhof Thalwil oder Baar (beide ca. 15 Zugminuten von Zürich entfernt)
Tipps:
• Geniessen sie erfrischendes Quellwasser an warmen Tagen vom «Zürrer-Syfrig-Brunnen» am Albishorn
• Neben Gartenführungen werden regelmässig auch Führungen zum Kloster Kappel angeboten. Die öffentlichen Führungen sind kostenlos
• Bis 31. Juli 2026: Bullinger! lebendige Kunstinstallation mit ausdrucksstarken Holzfiguren von Peter Leisinger

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