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Bei religiösen Konflikten ist das Reden über Religion tabu

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30.01.2019
Eine ETH- Tagung zur Sicherheitspolitik ging der Frage nach, wie religiöse Konfliktparteien befriedet werden könnten. Just zur 500. Wiederkehr der Reformation gab es da auch Bezüge zur Kappeler Milchsuppe.

Die Kappeler Milchsuppe. ist der Klassiker in der Schweizer Geschichte der Friedensf√∂rderung. 1529 stehen 30'000 reformierte Soldaten 9000 katholischen K√§mpfern gegen√ľber. Kurz bevor das grausame Hauen und Stechen losgeht, gelingt es dem Mediator, dem Glarner Landamman Hans Aebli, die Schlacht abzuwenden. Bei einer heissen Milchsuppe k√ľhlen sich die Gem√ľter der Krieger ab.

Leider hat es nur zwei Jahre gedauert und schon wieder prallten die Heere 1531 aufeinander. Trotzdem bildet das Kappeler Vers√∂hnungsessen f√ľr Heidi Grau, Chefin der Abteilung Menschliche Sicherheit im Eidgen√∂ssischen Departement f√ľr ausw√§rtige Angelegenheiten (EDA) einen guten Einstieg bei der ETH-Tagung, um zu zeigen, wie Friedensf√∂rderung in religi√∂s aufgeladenen Konflikten funktionieren k√∂nnte. Gerne w√§re sie mit Expertise dem Landammann Aebli beigestanden, h√§tte auch das Gespr√§ch mit anderen Friedfertigen gesucht, mit Gesch√§ftsleuten, Pfarrern und Honoratioren. Aber eines w√§re in diesen Gespr√§chen von vornherein tabu gewesen: das Diskutieren √ľber die richtige Religion. ¬ęBei der Friedensf√∂rderung darf es nie um religi√∂se Dogmen gehen. Das geh√∂rt zum Absoluten und kann nicht wegverhandelt werden¬Ľ, sagte die EDA-Diplomatin. ¬†

Projektbezogen und pragmatisch
Nicht √ľber Religion zu sprechen - das ist ein wichtiger Ansatz in der Friedensf√∂rderung bei religi√∂sen Konflikten. Dies hat schon Shamil Idriss, Direktor der NGO ¬ęSearch for Common Ground¬Ľ SFCG, als herausragende Maxime betont. Er steht der in 35 L√§ndern engagierten Friedensorganisation SFCG vor, die mit 700 vollamtlichen Peacekeepern den gr√∂ssten Erfahrungsschatz hat, um religi√∂se Konflikte abzumildern.

¬ęBesser wir gehen pragmatisch vor, bringen religi√∂s unterschiedliche Gruppen in sozialen Projekten zusammen¬Ľ, sagte er in seiner Rede. Die Palette der Projekte sei dabei weit gespannt und k√∂nne, so Idriss, von Umwelteins√§tzen bis zur M√ľllbeseitigung gehen. Wichtig ist eben, dass die Kontrahenten ins Gespr√§ch kommen. Das galt vor 500 Jahren auf dem Kappeler Schlachtfeld gleichermassen wie heute in Jemen. Dort stehen schiitische Huthi-Rebellen den von Saudi-Arabien unterst√ľtzten Sunniten gegen√ľber.

Das Schweizer Modell skizzierte Angela Ullmann vom Center f√ľr Security Studies der ETH, das auch Gastgeber der Tagung war. Ihre optimistische These: ¬ęDie¬† Schweiz hat politische Mechanismen entwickelt, die der friedlichen Koexistenz der Religionen f√∂rderlich sind.¬Ľ Das Konkordanzprinzip geh√∂rt dazu. Denn hier w√ľrden statt Mehrheitsentscheide die Interessen aller zu einem Idealkompromiss geb√ľndelt.

Islampolitische Blockade
Dem positiv gezeichneten¬† Gem√§lde der helvetischen Religionslandschaft wollte dann die Islamwissenschaftlerin Rifa‚Äôat Lenzin noch etwas graue T√∂ne applizieren. ¬ęIn der Islampolitik ist die Schweiz ein Entwicklungsland¬Ľ, sagte sie. Seit zwanzig Jahren diskutiere die Schweiz √ľber eine Imam-Ausbildung. W√§hrend Deutschland und √Ėsterreich hier vorw√§rts gemacht h√§tten, sei in der Eidgenossenschaft die Situation bis heute blockiert.

Rifa'at Lenzin¬† erntete damit keinen Widerspruch. Angela Ullmann sprach vom ¬ęMuslim making¬Ľ und sagte: ¬ęSeit 9/11 sprechen wir meist in der √Ėffentlichkeit nicht mehr von Kosovaren, T√ľrken oder Syrer, sondern fassen alle unter der Generalbegriff Muslime zusammen.¬Ľ

Delf Bucher, mreformiert.info, 29. Januar 2019

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