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«Da bleibt noch viel Raum für den Glauben»

von Marius Schären, reformiert.info
min
17.02.2023
Andreas Losch ist Pfarrer und war angestellt am Weltraumforschungsinstitut. Kein Widerspruch für ihn, sondern vielmehr eine Bereicherung, wie er auch in einer Vortragsreihe darlegt.

Herr Losch, was w√ľrde die Entdeckung von Leben jenseits unseres Planeten f√ľr den christlichen Glauben bedeuten?
Eine solche Entdeckung w√ľrde vor allem die Gr√∂sse Gottes noch deutlicher machen.

Wie meinen Sie das?
Es w√ľrde zeigen, dass diese Gr√∂sse jenseits unserer Vorstellungswelt ist. Je mehr Leben es gibt, umso mehr gereicht es Gott zu Ehren, das ist schon eine sehr alte Vorstellung.

Sie bezeichnen sich selbst auf Ihrer Website als Theologe, der im Gespräch mit der Wissenschaft ist. Was meinen Sie damit?
Ich versuche von den Naturwissenschaften zu lernen und frage, was die Theologie umgekehrt beitragen kann. Ein positives Beispiel ist hier die Urknall-Theorie. Als deren Begr√ľnder gilt der belgische Priester und Astrophysiker Georges Lema√ģtre. Das Faszinierende daran: Er hatte die Idee aus der Bibel. Aber er publizierte sie erst, als das Ganze auch wissenschaftlich abgesichert war.

Wie kam er von der Bibel her zur Urknalltheorie?
Der Urknall bedeutet ja: Es gibt einen Anfang von allem. Und genau das haben wir am Anfang der Bibel, wo es heisst, ¬ęam Anfang schuf Gott Himmel und Erde¬Ľ. Dass es eine Sch√∂pfung gibt, ist wissenschaftlich ja nicht beweisbar ‚Äď aber dass es einen Anfang gibt.

Wie kamen Sie dazu, sich so intensiv mit Wissenschaftsgeschichte, Naturwissenschaften allgemein und Astronomie bzw. dem Weltraum im Speziellen zu beschäftigen?
Meine Eltern waren beide Lehrende f√ľr Mathematik und Physik. So wurde es mir praktisch in die Wiege gelegt. Auch Freunde sind viele Naturwissenschaftler. Und als am Zentrum f√ľr Weltraumforschung der Uni Bern ein Theologe gesucht wurde, war das wie zugeschnitten auf mich.

Was haben Sie dort mit dem interdisziplinären Team zusammen gemacht?
Die grunds√§tzliche Frage war: Was passiert, wenn wir ausserhalb der Erde Leben finden? Die damalige Direktorin des Zentrums, die Astrophysikerin Kathrin Altwegg, war interessiert daran, diese Frage nicht nur naturwissenschaftlich zu ergr√ľnden. So kamen neben mir als Theologen auch noch eine Philosophin und eine Literaturwissenschaftlerin hinzu. Auch die Frage, was Leben √ľberhaupt ist, diskutierten wir, unter anderem an einer Tagung.

Welche Fragen wurden sonst noch erörtert?
Eine weitere war eben die Eingangsfrage, wie die christliche Theologie damit umgehen w√ľrde, wenn weiteres Leben entdeckt w√ľrde ‚Äď was √ľbrigens schon vor Jahrhunderten ein Thema war. Oder bei den Naturwissenschaftlern gab es teils heisse Diskussionen, ob man beispielsweise Leben auf den Mars bringen d√ľrfte.

Eine interessante Umkehrung. D√ľrfen wir das?
Meines Erachtens, sofern es kein Leben bereits dort gibt: ja. Aber wir sollten sehr vorsichtig sein. Trotzdem erachte ich es auch als Aufgabe von uns Menschen, weitere m√∂gliche Lebensorte zu erforschen und entdecken. In rund vier Milliarden Jahre wird die Erde vergl√ľhen. Wo k√∂nnten wir dann sein? Zu solchen Fragen habe ich an einer Ethik der planetaren Nachhaltigkeit gearbeitet.

Und welche Einsichten haben Sie von diesen drei Jahren mitgenommen?
Jede Menge! Eine Erkenntnis, die ich vorher schon hatte, best√§tigte sich: Zwischen der Naturwissenschaft und der Theologie braucht es die Br√ľcke der Philosophie, um gut diskutieren zu k√∂nnen. Eine weitere war, dass die Naturwissenschaft selbst keine Ethik hat. Aber es ist wichtig, dass auch Naturwissenschaftler ethische Prinzipien beachten. Und schliesslich wurde mir √ľberraschend klar, dass sie den ethischen und auch religi√∂sen Fragen ganz und gar nicht so prinzipiell ablehnend gegen√ľberstehen, wie es in der √∂ffentlichen Vorstellung oft angenommen wird. In einer groben Einsch√§tzung haben von den Naturwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern ungef√§hr ein Drittel einen Konflikt mit solchen Fragen, ein Drittel ist ihnen gegen√ľber positiv eingestellt und ein Drittel mehr oder weniger meinungsoffen.

Warum denken wir denn meist, Naturwissenschaftlerinnen und Theologen seien einander von Grund auf spinnefeind?
Das könnte an den extremen Gruppen liegen, die halt laut sind und so Gehör erhalten. Die sehr religiösen einerseits und die völlig antireligiösen andererseits. Doch dazwischen gibt es sehr viele nunaciert denkende Menschen, mehr, als es manchmal scheint.

Welche Erkenntnisse brachten Sie auch mal zum Zweifeln am eigenen Glauben?
Keine so tief, dass ich den Glauben verloren h√§tte. Vielmehr w√ľrde ich den Weg der Offenheit allen empfehlen, also all seinen Fragen nachzugehen. Sich abzuschotten, bringt meines Erachtens nichts. Die Wissenschaft beschreibt ja grunds√§tzlich nur, was ist und auch nachgewiesen werden kann. Dann bleibt noch viel Raum f√ľr den Glauben. So war beispielsweise auch Darwin Theologe, die Diskussion um Naturwissenschaften und Theologie ist nichts Neues. Die Geschichte zeigt damit auch: Der christliche Glauben ist durchaus weltgewandt.

In der TV-Sendung Einstein sagen Sie beim Blick durch ein Teleskop auf die nächste Galaxie: Das sei eigentlich schon zu gross, um zu denken: Das ist Wahnsinn. Wie betten Sie sowas in Ihren Glauben ein?
Dieser Blick hat mir eben auch gezeigt, wie sehr begrenzt unser Vorstellungsverm√∂gen ist. Und dass jenseits davon noch sehr viel Platz ist f√ľr Gott.

Aus diesen Weiten des Alls und der Seinsfragen sind sie auf den kommunalen Boden zur√ľckgekehrt als Pfarrer in Heimberg, mit den Schwerpunkten Senioren- und Erwachsenenarbeit und kirchlicher Unterricht. Warum?
Die Stelle an der Uni war zeitlich begrenzt ‚Äď und die Strukturen da sind nach wie vor nicht ausgelegt f√ľr interdisziplin√§re Vorhaben. Dazu braucht es auch beherzte Leute wie Kathrin Altwegg. F√ľr mich entschied ich dann, dass ich am meisten Wissen weitergeben kann, wenn ich mit Menschen jeden Alters arbeite, wie eben an einer Pfarrstelle. Und da kam gerade recht, dass die Kirchgemeinde in Heimberg speziell offen war f√ľr jemandem mit einem Hintergrund, wie ich ihn mitbringe.

 

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