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Sehnsucht nach der grossen Stille

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27.02.2023
Seit 20 Jahren leitet Ruedi Waldvogel das «Sitzen in der Stille» in Schaffhausen mit. Die Kraft der Stille fas­ziniert ihn noch immer.


Der pensionierte Pfarrer Ruedi Waldvogel hat das «Sitzen in der Stille» vor zwanzig Jahren aus Herblingen in die Schaffhauser Stadtkirchen eingebracht. Seither kann man am Mittwochabend im MĂŒnster und am Dienstagmorgen im St. Johann ĂŒben, ganz im Hier und Jetzt zu sein. Willkommen sind Menschen, die ihren Glauben vertiefen möchten oder auf der Suche nach einem spirituellen Weg sind, mit oder ohne Meditationserfahrung.


Jenseits der Sprache
«Sitzen in der Stille» bedeutet Meditation, die auf Kontemplation und Zen grĂŒndet. Kontemplation ist ein geistiges Sichversenken im Sinne einer inneren Sammlung und stammt aus der Tradition der christlichen Mystik. Zen ist das absichtslose Sitzen in der Stille nach der auf Buddha zurĂŒckgehenden Tradition aus dem Osten. Meditation wurde schon seit Jahrhunderten in christlichen und buddhistischen Klöstern gepflegt und geht auf die Erfahrungen von Jesus in der WĂŒste und von Buddha unter dem Bodhi-Baum zurĂŒck.

«Unser â€čSitzen in der Stilleâ€ș ist weder an ein religiöses noch an ein konfessionelles Bekenntnis gebunden», erklĂ€rt der ausgebildete Kontemplationslehrer. Sein persönlicher Weg in die Stille begann mit den Exerzitien von Ignatius von Loyola und fĂŒhrte ihn schliesslich zur gegenstandslosen Kontemplation in der Tradition der christlichen Mystik. «Mich hat schon immer fasziniert, dass hinter allem Reden und Tun etwas viel Grösseres steckt, das man nicht ausdrĂŒcken, aber in sich erfahren kann.» Lesen sie hier

ier


Wie ein Anker im Meer
Die Meditationsrunden im MĂŒnster beginnen mit einer Verneigung. «Das ist eine Reverenz an die Gruppe und an den Kirchenraum, der uns alle birgt. Und an alle Menschen, die wie wir spirituell auf der Suche sind.» Auf dem Boden bilden rote Matten einen grossen Kreis. Auf ihnen richten sich die Teilnehmenden, auf einer Medita­tions­bank, einem Hocker oder einem Kissen sitzend, mit Blick nach aussen aus. «Die Augen bleiben offen, ohne etwas Bestimmtes anzusehen. Wir praktizieren das innere Schweigen ohne Meditationstext.» Das dreimalige Ertönen der Klangschale fĂŒhrt in die absolute Stille. FĂŒr die folgende Stunde wird das MĂŒnster zum Ort der Ruhe. Rund zehn Personen kommen regelmĂ€ssig zur Meditation ins MĂŒnster, die aus 25 Minuten Sitzen, 5 Minuten schweigendem Gehen und nochmals 25 Minuten Sitzen besteht. Die jĂŒngsten sind mittleren Alters. «Die innere Ruhe, die wir hier ĂŒben, hilft, den hektischen Alltag und auch die aktuelle Weltsituation gelassener zu bewĂ€ltigen», so der Pfarrer.

Es sei zunĂ€chst schwer, im Hier und Jetzt anzukommen. «Sobald wir ruhig werden, stĂŒrmen Emotionen, Bilder und Gedanken an Unerledigtes auf uns ein.» Es gehe darum, diesen Ansturm zu akzeptieren, ohne ihn zu bekĂ€mpfen. «Diese Bilder sind zwar da, aber wir beschĂ€ftigen uns in diesem Moment bewusst nicht mit ihnen.» Über eine lĂ€ngere Zeit der Meditationspraxis lasse der innere Sturm nach. «Wir können dann eine wohltuende innere Ruhe erleben. Christliche Mystiker und Mystikerinnen wie Meister Eckhart oder Teresa von Ávila beschrieben sie als â€čEinbruch des Göttlichen im Menschenâ€ș oder â€čals Gebet der Ruheâ€ș. Ich erlebe sie als unaussprechliche Tiefe, die uns nĂ€hrt und mit Gott verbindet.»

Wesentlich sei die Langzeitwirkung der Meditation, die sich bei einigen schnell und bei anderen erst nach Jahren zeige. «Sie ist wie ein Anker im Ozean. Er durchdringt die tiefen Schichten des Meeres dort, wo es immer ruhig ist, auch wenn die obersten Schichten von StĂŒrmen aufgewĂŒhlt sind. Wir können diesen Anker immer wieder senken und so ruhig werden.» Die Idee sei, durch das «Sitzen in der Stille» die Praxis zu Hause zu unterstĂŒtzen und zu ergĂ€nzen. «Bereits eine Viertelstunde meditieren am Morgen hilft, sich zu verankern, um nicht in den Tag hineinzustolpern.»
Googelt man nach Meditationsangeboten in Schaffhausen, erscheinen diverse. Das «Sitzen in der Stille» kommt nicht an oberster Stelle. Trotzdem hebt es sich von anderen Angeboten ab. «Es ist nicht kommerziell, niemand verdient etwas daran. Erfahrene Freiwillige leiten abwechselnd die Meditationsrunden», so Ruedi Waldvogel. Einzigartig sei auch der Ort. «Wir meditieren in Kirchen, die seit Jahrhunderten spirituelle Kraft ausstrahlen, wÀhrend draussen die Stadt brandet.»

Zum 20-Jahr-JubilĂ€um wird er vor dem «Sitzen in der Stille» einen öffentlichen Vortrag halten. Im Anschluss dĂŒrfen alle Interessierten im Meditationskreis Platz nehmen und ausprobieren, wie die Ă€ussere Ruhe zur inneren Stille fĂŒhrt.

Adriana Di Cesare

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