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Der globalisierte Christus

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25.03.2021
An Ostern feiert die Christenheit die Auferstehung von Jesus Christus. Doch wer ist dieser Jesus: Retter oder Aktivist? Bruder oder Rabbi? Mensch oder der Sohn Gottes? Jesus in anderen Kulturen.

Afrika: Retter in der Not

Statt sich vom Glauben der einstigen Kolonialherren zu trennen, wird Jesus in Afrika als Retter in der Not angerufen.

Als viele afrikanische Staaten um 1960 das Joch des europĂ€ischen Kolonialismus abwarfen und unabhĂ€ngig wurden, war zu erwarten, dass Afrika auch das Christentum abschĂŒtteln und zur traditionellen Religion zurĂŒckkehren wĂŒrde. Doch das Gegenteil geschah. Die Kirchen erlebten ein beispielloses Wachstum, afrikanisch-unabhĂ€ngige ebenso wie westlich geprĂ€gte Kirchen. Heute bekennt sich die HĂ€lfte aller Menschen in Afrika zu Jesus Christus. Wie kann das sein? Wer ist Jesus fĂŒr sie?

Ganz viel gibt es hier zu beobachten. Ich kann nur kurz andeuten, was mich besonders beeindruckt hat, als ich 2005 mit meiner Familie in die Demokratische Republik Kongo umzog: einerseits die VitalitÀt und Lebensfreude der Menschen, die ihren Glauben ganz offen zeigen. Andererseits die extreme Armut der allermeisten.

Manchmal habe ich die Studierenden direkt danach gefragt, was ihnen Jesus bedeutet. Einige erzĂ€hlten mir, dass er ihnen einmal im Traum begegnet sei. Einige berichteten, wie er sie aus Lebensgefahr gerettet hatte. Einige wiesen darauf hin, dass Jesus nicht erst durch die europĂ€ische Mission in Afrika bekannt wurde. Afrika brachte lange vor Mitteleuropa ein christliches Königreich hervor (Aksum im 4. Jahrhundert). Das Christentum wurde im 16. Jahrhundert durch den afrikanischen König Afonso I. im Kongo eingefĂŒhrt – wĂ€hrend das «christliche» Portugal dort den Sklavenhandel etablierte.

Die Studierenden rechneten ganz selbstverstĂ€ndlich mit der Gegenwart Gottes. Beim Gebet im Gottesdienst liebten sie es, wenn jeder laut mit Jesus sprach, alle gleichzeitig und durcheinander. Erst spĂ€ter habe ich in einer methodistischen Kirche im Kongo bunte Glasfenster entdeckt, die ein einheimischer KĂŒnstler um 1965 geschaffen hat. Eines davon zeigt Jesus, wie er im Garten Gethsemane betet, kurz vor seiner Verhaftung. Sein Gesicht mit afrikanischen GesichtszĂŒgen blickt zum Himmel. Seine Arme hat er weit ausgebreitet. Sein Oberkörper ist nackt und hat die Hautfarbe eines Mischlings.

Man spĂŒrt die Dramatik der Situation, das Ringen und die Angst Jesu. Er kniet aufrecht in einem fruchtbaren Obstgarten, unter dem tiefblauen Sternenhimmel. Als ich dieses Glasfenster sah, dachte ich: Ja, so könnte er sein – Jesus in Afrika. Mit nacktem Oberkörper wie ein Sklave. Aber stark und aufrecht. Er ist der Lebensretter, der uns aus jeder Notsituation retten kann.

Christian Weber, Studienleiter Mission 21, lebte lange Zeit in Kongo

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China: Der Àltere Bruder

Jesus verbinden Chinesen mit dem konfuzianischen Ideal, in Übereinstimmung mit dem Himmel zu leben.

Der chinesische Christus hat verschiedene Gesichter. Ein erstes Gesicht lernte ich kennen, als ich in Hongkong lernte, dass der Logos im berĂŒhmten Vers in Joh. 1, «Im Anfang war das Wort» mit «Dao», «Weg» ĂŒbersetzt wird. Jesus Christus erscheint als der Weg, der Himmel und Erde vereint. Damit schufen die frĂŒhen BibelĂŒbersetzer einen Kontaktpunkt zwischen dem Christentum und traditionellen chinesischen Religionen. Jesus entspricht hier dem konfuzianischen Ideal, gemĂ€ss dem der Mensch danach streben soll, in Übereinstimmung mit dem Himmel zu leben.

Viele Christen in China identifizieren sich jedoch nicht so sehr mit Jesus als Weisheitslehrer, sondern mit Jesus als leidendem Christus. Dieses Bild, das etwa Theologen wie Wang Mingdao vertreten, der fĂŒr seinen Glauben wĂ€hrend der Mao-Zeit von 1955 bis 1980 im GefĂ€ngnis sass, entspricht der GefĂŒhlslage vieler gegenwĂ€rtiger Christen in China, vor allem derer, die in staatlich unabhĂ€ngigen Kirchen Gottesdienst feiern. Im repressiven Klima unter Xi Jinping wissen sie, dass Verhaftungen durch den Sicherheitsapparat eine stĂ€ndige Gefahr auf ihrem christlichen Weg sind.

Doch fĂŒr viele Chinesen ist Jesus schlicht der Ă€ltere Bruder, der uns begleitet und uns in den AbgrĂŒnden beisteht: Immanuel, Gott mit uns. Der Schriftzug Yi Ma Nei Li, ä»„é©Źć†…ćˆ©, wie das auf chinesisch heisst, erscheint noch öfter als das Schriftzeichen fĂŒr Liebe in chinesischen Kirchen.

Jesus als Ă€lterer Bruder – das ist ein Bild, das Jesus tief in die chinesische Kulturwelt einfĂŒgt, denn gemĂ€ss dem patriarchalen VerstĂ€ndnis des traditionellen Konfuzianismus gebĂŒhrt dem Ă€lteren Bruder besonderer Respekt. Der Ă€ltere Bruder ist der stĂ€ndige Begleiter, der einen nie allein lĂ€sst und der mir in einer kalten und unsicheren Welt WĂ€rme und Sicherheit gibt.

Tobias Brandner, GefÀngnisseelsorger und Dozent in Honkong

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SĂŒdamerika: Einer, der mit uns ist

In Lateinamerika findet sich eine Vielfalt von Kulturen, Geschichten und Völkern. Genauso vielfÀltig ist Jesus.

Jesus Christus kam durch die Kolonisatoren auf den Kontinent. Dieses aufgezwungene Evangelium war keine gute Nachricht, sondern bedeutete vielmehr die Beseitigung indigener Völker, die Rechtfertigung der schwarzen Sklaverei und die Gewalt gegen Frauen sowie die Ausbeutung der Armen.

Die Menschen auf den Strassen Lateinamerikas interpretierten jedoch die Figur des Nazareners neu: als Arbeiter und Sohn eines Zimmermanns, der unter den Fischern in GalilĂ€a lebte. Das Gesicht dieses Jesu hat unsere Farbe, die Farbe der schwarzen, braunen, roten Erde, er belebte das Leben der Gemeinden. Er gab den Bauern Kraft im Kampf um Land, Wasser und Samen, er förderte die Gewerkschaften im Kampf fĂŒr die Arbeitsrechte.

Heute breitet sich ein neues Evangelium in SĂŒdamerika aus, das die Menschen unterdrĂŒckt. Die Bibel wird in den Parlamenten von christlichen Abgeordneten verwendet, um die Menschenrechte zu verweigern und die Bereicherung der Elite und die Armut der Armen zu rechtfertigen. Sie verkĂŒnden das Wohlstandsevangelium.

Auf den Strassen Lateinamerikas widersetzen sich die Menschen dieser Botschaft und entdecken weiterhin einen Jesus, welcher der Macht der unterdrĂŒckenden Religion entkommt und mit uns geht. Der Schmerz und die Empörung angesichts der Ungerechtigkeiten seiner Zeit machen Jesus zu einem Komplizen in unserem Kampf um Respekt, Gerechtigkeit und Recht. Er ist empört, wenn wir empört sind, glĂŒcklich, wenn wir uns weigern und es wagen, uns gegen die MĂ€chtigen zu stellen – zugunsten der WĂŒrde und des glĂŒcklichen Lebens.

Silvia Regina de Lima Silva, Costa Rica

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Indonesien: Der Mit-Leidende

FĂŒr viele Indonesier ist Christus weiss und hat eine kantige Nase. Langsam entwickelt sich ein anderes Bild.

Bisher scheinen die Kirchen oder Christen in Indonesien nur ein einziges Bild von Jesus zu kennen, nĂ€mlich einen Jesus, der uns von der SĂŒnde rettet, blondes Haar, eine kantige Nase hat und Wunder vollbringt. Dieses Jesusbild wird von mĂ€nnlichen Predigern gelehrt, – selten stammt es aus den Lebenserfahrungen von Frauen. Wenn wir ĂŒber Indonesien sprechen, gibt es drei Bereiche, die augenfĂ€llig sind: die Vielfalt, Armut und die Gewalt, insbesondere die hĂ€usliche und sexuelle Gewalt. Seit der Pandemie nehmen die Opfer hĂ€uslicher Gewalt in unserem Zentrum zu. Im Jahr 2019 betreuten wir rund 30 Menschen. Im Jahr 2020 waren es mehr als 70 Frauen.

In meiner Arbeit als Beraterin, die Opfern geschlechtsspezifischer Gewalt hilft, finde ich Jesus als Sophia, einer Quelle der Weisheit. Er ermöglicht mir, mit den Betroffenen Mitleid zu haben und sie auf dem langen, dunklen Weg zur Genesung zu begleiten. Als Sophia ermutigt Jesus das Opfer auch, mir ihre heilige Geschichte mitzuteilen. Wenn jemand seine Geschichte erzĂ€hlt, beginnt er das Schweigen und Leiden zu brechen. Sobald Frauen ĂŒber die Gewalttaten ihrer MĂ€nner sprechen, ĂŒberwinden sie die Barriere, die sie in der tödlichen Beziehung zum TĂ€ter hĂ€lt.

Ich sehe Jesus auch als Mitleidenden. Er leidet am Kreuz und stirbt. FĂŒr mich ist sein Leiden ein Symbol fĂŒr Gottes SolidaritĂ€t mit all denen, die besonders leiden, weil sie von anderen ungerecht behandelt werden. Viele der Frauen verbleiben in diesem Teufelskreis der Gewalt, weil sie das GefĂŒhl haben, dass ihr Leiden eine Schande ist. Aber sie sind niemals allein, Jesus ist mit ihnen, er ist ein Leidensgenosse, der mit und fĂŒr die Opfer leidet.

Obertina M. Johannis, die Pfarrerin leitet ein Projekt gegen Gewalt an Frauen in Indonesien

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