News aus Basel-Stadt, Baselland, Solothurn, Zentralschweiz, Schaffhausen

«Der Kampf, den wir jetzt führen, ist der wahre Kampf»

von Nadja Ehrbar, reformiert.info
min
21.11.2022
Der Palästinenser Bassam Aramin und der Israeli Rami Elhanan haben im israelisch-palästinensischen Konflikt je eine Tochter verloren. Im Interview erzählen sie, weshalb sie nicht auf Rache, sondern auf Dialog setzen – und was sie vom neu gewählten Parlament halten.

Sie haben beide im israelisch-pal√§stinensischen Konflikt je eine Tochter verloren und sind trotzdem Freunde geworden. Statt sich von Wut und Hass leiten zu lassen, setzen Sie sich mit Worten f√ľr den Frieden ein. Was hat Sie dazu gebracht?
Bassam Aramin:Rami Elhanan und ich haben einen hohen Preis bezahlt. Das Blut unserer T√∂chter hatte die gleiche Farbe, wir haben dieselben Tr√§nen geweint. Wenn wir also miteinander reden k√∂nnen, weshalb sollten das andere nicht auch k√∂nnen? Der Kampf, den wir jetzt f√ľhren, ist f√ľr mich der wahre Kampf. N√§mlich die Stimme gegen eine Diktatur zu erheben.

Sie und die Organisation ¬ęParents Circle ‚Äď Families Forum¬Ľ sind damit in der Minderheit. Warum?
Aramin: Es ist sehr schwierig. Beide Seiten m√ľssten den Schmerz des anderen respektieren k√∂nnen. Ich bin √ľberzeugt, dass uns die Liebe zu unseren Kindern zusammenf√ľhren wird. Wir haben die moralische Verpflichtung, unsere H√§nde und Stimmen zu erheben und kein Blut mehr zu vergiessen. Das ist f√ľr mich logisch, aber halt sehr schwierig.

Israel hat k√ľrzlich ein neues Parlament gew√§hlt. Das rechts-religi√∂se Lager hat am meisten Stimmen geholt und wird wohl mit dem ehemaligen Ministerpr√§sidenten Benjamin Netanjahu auch den Regierungschef stellen. Was heisst das f√ľr Israel?
Aramin: F√ľr den Rest der Welt ist das vielleicht eine neue Regierung, f√ľr mich als Pal√§stinenser ist sie aber die gleiche. Netanjahu wird weiter Land annektieren und neue Gebiete besetzen. Ich habe nichts anderes erwartet.
Rami Ehlhanan: Ich sehe das auch, es hat sich nichts ge√§ndert. Der rechte Fl√ľgel regiert seit 30 Jahren. Und nun wird es noch schlimmer werden. Das einzig Positive ist, dass die Maske Israels gefallen ist. Es ist kein liberales westliches Land, in dem demokratische Werte gelten. Zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer leben √ľber 10 Millionen Menschen. Die H√§lfte davon sind Araber, der Rest Juden. Erstere brauchen aber die Erlaubnis Israels, wenn sie beispielsweise Schulen bauen wollen oder wenn es um Themen wie Wasser oder Elektrizit√§t geht.¬†¬†

Wie wird sich der Rechtsrutsch auf die internationalen Beziehungen auswirken?
Elhanan: Das ist eine gute Frage! Wir wissen es nicht. Die europ√§ischen L√§nder schauen zu, wie Israel seine Verbrechen begeht und tun nichts dagegen. Ich habe wenig Hoffnung, dass sich das √§ndern wird. Weil sie in die Geschichte verwickelt sind und sich wegen des Holocausts schuldig f√ľhlen.

Glauben Sie √ľberhaupt noch an den Frieden?
Aramin: Es steht nirgends geschrieben, dass wir uns ewig bek√§mpfen werden. Unser Konflikt ist nicht der erste auf dieser Welt und wird auch nicht der letzte sein. Frieden ist m√∂glich mit einem Leader, der uns in die Zukunft f√ľhrt und uns von der schmerzvollen Vergangenheit l√∂st.
Elhanan: Wir w√ľrden nicht tun, was wir tun, wenn wir nicht an den Frieden glaubten. Unsere Organisation ist keine psychologische Selbsthilfegruppe. Was uns verbindet, ist die Besatzung, die uns unsere Kinder genommen hat. Wir haben sie verloren, weil das eine Volk das andere beherrscht. Unsere Mission ist es, zu zeigen, dass es eine L√∂sung gibt. Sie ist der Grund, um morgens aufzustehen.

Sie gehen in Israel unter anderem in Schulen, um √ľber ihre pers√∂nlichen Trag√∂dien zu berichten. Wie reagieren die Sch√ľlerinnen und Sch√ľler?
Elhanan:¬† Es ist, als w√ľrden wir in den offenen Krater eines aktiven Vulkans hineinmarschieren. Die jungen Menschen h√∂ren an der Schule nur immer die eine Seite, sie sollen schliesslich darauf vorbereitet werden, sich f√ľr den Krieg zu opfern. Es gibt viel Wut und Emotionen. Die meisten von ihnen haben noch nie einen Pal√§stinenser und einen Israeli gesehen, die sich als Br√ľder bezeichnen. Es ist daher eindr√ľcklich zu sehen, wie unsere Geschichten sie ber√ľhren.

Haben Sie auch Kontakt zur Regierung?
Elhanan: Nein, zumindest nicht in den letzten 22 Jahren. Sie mag uns nicht besonders, weil wir ihr mit unseren Aktivit√§ten vor Augen f√ľhren, dass es mit den unterschiedlichsten Menschen viel zu besprechen g√§be. Doch ihre Politik in den letzten Jahren lautete: Wir haben mit niemandem etwas zu besprechen.

Sie k√§mpfen f√ľr ein friedliches Nebeneinander beider V√∂lker. Wie soll das gehen?
Aramin: Die Israelis werden ihr Land nach dem Holocaust und nach Jahren der Diskriminierung nicht aufgeben. Und die Pal√§stinenser ihrerseits werden die israelische Besatzung niemals akzeptieren. Die Besatzung ist der gemeinsame Feind. Das m√ľssten beide einsehen. Erst dann k√∂nnen sie als freie V√∂lker in W√ľrde nebeneinander leben.
Elhanan: Wir k√∂nnten das Paradies haben, wenn wir uns gegenseitig respektierten. Frieden wird es dann geben, wenn der Preis, weiter zu k√§mpfen, h√∂her sein wird als der Preis, den der Frieden kostet. Es geht nicht darum, f√ľr Israel oder f√ľr Pal√§stina zu sein, sondern dagegen, dass das eine Volk das andere kontrolliert. ¬†

Interview und Foto: Nadja Ehrbar, reformiert.info

Unsere Empfehlungen

Die Moral erobert die Politik

Die Moral erobert die Politik

Die Klimadebatte sei moralisch und religiös aufgeladen. Dies führe zu Unversöhnlichkeit, sagt der Publizist Felix E. Müller. Statt vom Weltuntergang zu reden, müsse die Politik den pragma­tischen Kompromiss suchen.