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«Der Kampf gegen Antisemitismus gehört auf den Lehrplan»

von Cornelia Krause, reformiert.info
min
07.03.2023
Stefanie Graetz, Geschäftsleiterin der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus, über Präventionsarbeit bei Kindern und ein Verbot von Nazi-Symbolen.

Stefanie Graetz, antisemitische Vorfälle nehmen seit Jahren zu. Versagen die Strategien der Prävention und der Bekämpfung?
Diese Frage muss man sich stellen, aber von einem generellen Versagen kann man nicht sprechen. Unsere Stiftung ist auch in der Pr√§ventionsarbeit t√§tig und immer wieder kommen beispielsweise Schulen auf uns zu, die nicht genau wissen, welche Angebote es √ľberhaupt gibt. Zwar werden die Themen Rassismus und Antisemitismus im Lehrplan erw√§hnt, aber eine detaillierte √úbersicht zu den Angeboten scheint zu fehlen. Insofern sehe ich da eine L√ľcke, das Thema braucht einen festen Platz im Lehrplan

¬ęHitler h√§tte euch alle vergasen sollen¬Ľ, war ein Spruch, den sich die etwa zehn, zw√∂lf Jahre alten Kinder einer j√ľdischen Fussballmannschaft von einem Kind der gegnerischen Mannschaft anh√∂ren mussten. Vorf√§lle wie dieser, √ľber den 20 Minuten berichtete, schockieren.
Solche Spr√ľche h√∂ren Kinder typischerweise von Erwachsenen, bevor sie sie wiedergeben. Deshalb denke ich dass neben den Schulen vor allem wir Erwachsene in der Pflicht stehen ‚Äď und zwar bei rassistischen Spr√ľchen im Allgemeinen.

M√ľsste die Pr√§ventionsarbeit bereits in der Primarschule einsetzen?
Definitiv. Das Problem ist, dass der zweite Weltkrieg erst ab der Sekundarstufe richtig durchgenommen wird. Trotzdem gibt es auch Bildungsmaterial f√ľr j√ľngere Kinder. Unsere Partnerstiftung hat etwa ein Lehrmittel, das schon in der Kita zum Tragen kommt. Da geht es dann um Toleranz allgemein. Aber es gibt auch Lehrmittel f√ľr die Primarschule. Wir erhalten viele Anfragen von Lehrern, die an ihre Grenzen stossen und Unterst√ľtzung bei dem Thema suchen.

Wie verbreitet ist Antisemitismus unter Kindern?
Wohl genauso wie bei Erwachsenen, wobei uns keine Studie bekannt ist, die das quantifizieren w√ľrde. K√ľrzlich war ich an einer Filmvorf√ľhrung eines Films √ľber Anne Frank. Bei der anschliessenden Diskussion sagte ein Jugendlicher, Juden seien ja selbst schuld am Holocaust, sie seien einfach zu reich geworden. Oft ist es Kindern zu wenig bewusst, welche Vorurteile sie mit solchen Aussagen wiedergeben. Aber nochmals: Kinder sind oft selbst Opfer ihres Umfeldes und es ist an uns Erwachsenen,¬†¬†sie auf die Konsequenzen¬†¬†solcher Aussagen aufmerksam zu machen.

Fordern Sie ein härteres Vorgehen von Lehrpersonen oder Trainern?
Es ist schwierig, immer den Lehrinnen und Lehrern die Aufgabe zuzuschieben. Prim√§r sind ja die Eltern f√ľr ihre Kinder verantwortlich. Aber es ist auch klar: Toleranz muss an Schulen vorgelebt und Diskriminierung jeglicher Art vermieden werden Wir beobachten, dass Kinder und Jugendliche bei solchen Themen grunds√§tzlich sehr sensibel und verst√§ndnisvoll sind. So haben wir zum Beispiel letztes Jahr erstmals einen zweit√§gigen Kurs f√ľr Jugendliche durchgef√ľhrt, um sie an ihren Schulen zu Anti-Rassismus-Botschaftern auszubilden. Das Interesse und Engagement war beeindruckend!

Der Antisemitismusbericht hat gezeigt, dass sich der gr√∂sste Anstieg von F√§llen im Netz ereignet. Hat Sie die erneute Zunahme in dem Bereich √ľberrascht?
Im Jahr zuvor war der Anstieg von Online-Vorf√§llen auf die Pandemie zur√ľckzuf√ľhren. Die Massnahmen zur Eind√§mmung von Covid-19 und auch die Impfung befeuerten Verschw√∂rungstheorien, die oft J√ľdinnen und Juden im Fokus hatten. Wir hatten eigentlich gehofft, dass das ein √úbergangsph√§nomen ist und dass die F√§lle im Netz mit dem Ende der Pandemie zur√ľckgehen. Aber nun kam der n√§chste Treiber - der Krieg in der Ukraine. Der Anstieg ging also ungebremst weiter.

Erneut geht es bei den Verschw√∂rungstheorien um den Kampf zwischen Gut und B√∂se, abenteuerliche Geschichten √ľber Satanisten, Ritualmorde an Kindern ‚Äď klassische antisemitische Erz√§hlungen.
Die j√ľngste Theorie geht auf ein Volk zur√ľck, das im 7. Jahrhundert auf dem Gebiet der heutigen Ukraine und Russland lebte.¬†¬†Aber hinter den unterschiedlichen Theorien stehen immer die gleichen Aussagen.¬†Sobald irgendetwas in der Welt passiert, finden Menschen ein antisemitisches Narrativ. Sie vermuten eine geheime Weltmacht im Hintergrund. Juden und J√ľdinnen werden als S√ľndenb√∂cke hingestellt. Das ist ein uraltes Ph√§nomen, welches sich auch in der modernen Welt immer wieder von Neuem hartn√§ckig durchsetzt. Uns geht es¬†¬†darum, dass Antisemitismus nicht salonf√§hig wird. Abschaffen werden wir ihn wohl nicht k√∂nnen.¬†¬†

Die meisten Fälle finden sich auf Plattformen wie Telegram. Wie lässt sich dagegen vorgehen?
Das Netz ist ein Fass ohne Boden. Deshalb ist da auch klar die Politik gefragt. Sie muss die Betreiber von Plattformen in die Pflicht nehmen, wenn Hass und Verschw√∂rungstheorien verbreitet werden. Noch stellt sich beispielsweise Telegram hinter die Nutzerinnen und Nutzer und sieht das nicht als eigene Aufgabe. Deshalb br√§uchte es klare, gesetzliche Vorgaben. Um Plattformen zu belangen und um letztlich gegen hassverbreitende Nutzer vorgehen zu k√∂nnen. Gleichzeitig gilt es, die Meinungs√§usserungsfreiheit zu wahren und nicht private Gesellschaften entscheiden zu lassen, was gesagt werden darf und was nicht. Es ist eine hochkomplexe Situation und es ist klar, Hassrede im Netz ist f√ľr unsere Gesellschaft ein grosses Problem.

In der ¬ęrealen Welt¬Ľ dreht sich die Diskussion auch um Symbole, mit denen Hass auf j√ľdische Menschen offen gezeigt wird, etwa das Hakenkreuz. Im Antisemitismusbericht wird ein Verbot von Nazi-Symbolen gefordert. Wie realistisch ist es f√ľr Sie, dass das kommt?
Ein Bericht des Bundesamts f√ľr Justiz kam j√ľngst zum Schluss, ein entsprechendes Verbot sei m√∂glich. Und im Parlament sind nun verschiedene Vorst√∂sse dazu h√§ngig. Insofern hoffen wir, dass ein entsprechendes Verbot nun eine Chance hat. Es ist auch schwierig nachzuvollziehen, warum es in der Schweiz ‚Äď anders als in anderen L√§ndern ‚Äď unter dem Deckmantel der Meinungs√§usserungsfreiheit erlaubt ist, mit einer Hakenkreuzfahne durch die Strassen zu ziehen. Das Bundesgericht machte hier einen theoretischen Unterschied zwischen dem Ausdruck einer inneren √úberzeugung und dem Werben f√ľr eine Ideologie, der in der Praxis nicht umsetzbar ist. Deshalb fordern wir ein Verbot solcher Nazisymbolik, wobei es ja nicht nur um Hakenkreuze geht.

Sondern?
Es gibt auch Kennzeichnungen, die auf den ersten Blick weniger offensichtlich sind aber genauso menschenverachtend. In unserem j√§hrlichen Rassismusbericht gibt es etwa ein Foto eines Pickups, auf dem ein Aufkleber prangt, der einen Wachturm des Konzentrationslagers Buchenwald zeigt. Dann steht da noch ¬ęBuchenwald, established 1937¬Ľ. So etwas ist nicht weniger schlimm als eine Hakenkreuzfahne. Insofern braucht es eine gesetzliche Grundlage, die Richterinnen und Richter auch entsprechend auslegen k√∂nnen. Wir m√ľssen ganz klar zeigen: In unserer Gesellschaft werden menschenverachtende Symbole nicht akzeptiert.

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