Eine Singrevolution feiert Geburtstag
Gesang und Gottesdienste sind heute kaum auseinanderzudenken. Wir singen «Kyrie eleyson!» zu Fürbittengebeten, «Kind, du bist uns anvertraut» bei Taufen, «Von guten Mächten wunderbar geborgen» bei Trauerfeiern und «We shall overcome» im Gedenken an Menschen, die in Unterdrückung leben. Sogar die Schweizer Nationalhymne hat es in das Reformierte Kirchengesangbuch geschafft. Im Singen drücken wir Hoffnungen, Wünsche und Gebete aus, die in Worte zu fassen uns oft schwerfällt.
Dass die Gemeinde in der Kirche auf Deutsch – oder gar auf Englisch! – singt, wäre lange Zeit jedoch undenkbar gewesen. Es war an Ostern 1526, als Johannes Oekolampad in einem öffentlichen Gottesdienst im Basler Münster zum ersten Mal mit der Gemeinde deutsche Lieder sang. Mit der Reformation war das Singen in Kirchen nicht mehr nur Priestern, Mönchen oder Nonnen vorbehalten, sondern leitete regelrecht eine volkstümliche Singbewegung ein. Am 31. Oktober feiert der Baselbieter Reformierte Singtag in Liestal 500 Jahre Kirchenmusik – mit Psalmen, Gospel und Naturjodel.
Entwicklung des Kirchengesangs
«Die Musik aus der Reformationszeit zeigt uns, was damals gesellschaftlich los war, was die Menschen beschäftigte und was theologisch Thema war», sagt Judith Borter, Projektleiterin des Singtags. «Besonders die Lieder Martin Luthers haben die Herzen der Menschen bewegt.» Luther dichtete seinerzeit 38 Lieder, darunter «Vom Himmel hoch, da komm ich her» und «Ein feste Burg ist unser Gott». «Was ihm theologisch wichtig war, setzte er in Musik um», so Borter.
Von der Reformation entwickelte sich die Kirchenmusik mit dem Zeitgeist immer weiter. Während die Reformation den Fokus darauf legte, Gottes Wort tatsächlich zu verstehen und seine Gnade als Geschenk zu erleben, rückte mit der Aufklärung die Natur als Sinnbild für das Göttliche in den Vordergrund, wie im Lied «Der Mond ist aufgegangen» zum Ausdruck kommt. Auch die Nationalhymne reiht sich in diese Entwicklung ein, die 1835 als «Schweizerpsalm» komponiert wurde. Bilder von Bergen, Sonnenaufgang und Landschaft sprechen gleichzeitig Schöpfung und Schöpfer an und schaffen ein Gefühl von Zusammengehörigkeit. Im 19. und 20. Jahrhundert vermischte sich der Glaube mit patriotischen und nationalen Gefühlen. Dem versuchten Lieder wie «Es mag sein, dass alles fällt» eine Hoffnung auf Frieden und Zusammenhalt entgegenzusetzen.
Ein Tag voller Gesang
Der Baselbieter Reformierte Singtag wird am 31. Oktober um 9.30 Uhr mit einem gemeinsamen Singen in der Stadtkirche Liestal eröffnet. Besucherinnen und Besucher können im Anschluss an einem von vier Workshops zu Gospel, Jodel, «Rise-up» oder mehrstimmige Psalmen teilnehmen. Am Nachmittag treten verschiedene Chöre in der Stadtkirche auf. Abgerundet wird der Tag mit einem Festgottesdienst, bei dem auch Rita Famos, Präsidentin Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz, Gast sein wird.
Judith Borter betont, der ganze Tag werde ein grosses Highlight. «Ich freue mich besonders auf den Jodelworkshop. Es ist nämlich ein alter Traum von mir, mal jodeln zu lernen!» Aber daneben gebe es weiteren Grund zur Vorfreude: etwa die Boxitos, eine inklusive Band aus Liestal, oder der Jugendchor beider Basel. «Ich freue mich darauf, mit so vielen Menschen zu singen und Musik zu hören!»
Singtag in Liestal: Samstag, 31. Oktober, ab 9.30 Uhr, reformierte Kirche und Kirchgemeindehaus Martinshof, Rosengasse 1, Liestal.
Die Workshops beginnen um 10 Uhr, Anmeldung über www.refbl.ch.
Ab 13.30 Uhr: Auftritt der Chöre, Stadtkirche Liestal. Preisverleihung: 16.45 Uhr. Festgottesdienst mit musikalischer Begleitung: 17 Uhr;
Oktober bis 6. November, Kantonsbibliothek Liestal: Begleitausstellung «500 Jahre Kirchengesangbuch»
Eine Singrevolution feiert Geburtstag