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«Es gibt keine moralische Pflicht»

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25.10.2017
Heute müssen Organspender zumindest mutmasslich ihren Willen kundgetan oder die Angehörigen zugestimmt haben. Eine Initiative fordert nun quasi das Gegenteil: Dass die Ablehnung festgehalten werden muss. Die Theologin und Ethikerin Ruth Baumann findet das «heikel».

Frau Baumann, was halten Sie von Organtransplantationen?
Ich habe selber einen Spenderausweis; grundsätzlich finde ich sie also eine wichtige Sache. Aber es kommt darauf an, um welche Form Organspende es geht. Ich habe in meiner Patientenverfügung festgehalten, dass meine Organe nur verwendet werden dürfen, wenn der Hirntod automatisch eingetreten und nicht eine Folge des Abstellens von lebenserhaltenden Massnahmen auf der Intensivstation ist.

Warum?
Weil die zweite Form der Organentnahmen für mich ethisch sehr heikel ist: Denn hier ist der Hirntod die Folge des Abstellens von lebenserhaltenden Massnahmen auf einer Intensivstation, weil dadurch der Herz-Kreislauf-und Atem-Stillstand ausgelöst wird.  Die zweite Form der Organentnahme basiert also auf einem bewussten Entscheid, dass lebenserhaltende Massnahmen dem Patienten nicht mehr angemessen sind. Solche Entscheidungsfindungen auf einer Intensivstation sind sehr schwierige und heikle, jedoch notwendige Prozesse.

Und warum finden Sie das Anliegen der neuen Initiative heikel?
Die Widerspruchslösung wäre ein Paradigmenwechsel im Verhältnis von uns Menschen zum Staat. Heute können wir von der Selbstverständlichkeit ausgehen, dass der Staat unsere Integrität schützt. Der Anspruch jedes Menschen auf Integrität ist Teil unserer Verfassung. Das ist in den Artikeln 7 und 10 festgehalten. Im Zweifel wird für die Autonomie und Freiheit einer Person entschieden.

Das Anliegen der neuen Initiative würde dieses Verhältnis umkehren: Im Zweifel nicht mehr für Autonomie und Freiheit, sondern im Zweifel kann der Mensch zum Mittel zum Zweck gemacht werden, also für die Verwendung des Körpers zugunsten von jemand anderem. Falls ich das nicht will, wäre ich gezwungen, mich zu wehren.  

Aber die Schweiz hat eine sehr niedrige Spenderate, ungefähr 1500 Personen warten auf eine Organspende. Wie fördern wir die Bereitschaft dazu?
Vor allem mit Information und persönlichem Einstehen für die Organspende: Möglichst viele sollten sich mit dem Thema auseinandersetzen und sich dazu äussern.  

Also finden Sie die heutige Lösung grundsätzlich gut?
Bei der heutigen Praxis müsste meiner Meinung nach die zweite Form – wenn es eine Entscheidung fürs Apparate-Abschalten braucht – zwingend auch im Spenderausweis festgehalten sein und dieser müsste auch vorliegen. Interessant in diesem Zusammenhang ist auch, dass das Inselspital mehr Organspender verzeichnet als andere Spitäler der Schweiz, obwohl sie die zweite Form der Organspende nicht durchführen.

Angehörige stehen heute häufig vor einer schwierigen Entscheidung, weil nicht klar ist, was die betreffende Person wollte. Da würde die Widerspruchslösung doch helfen?
Die neue Regelung würde es den Angehörigen nicht leichter machen: Sie sind es weiterhin, die Auskunft geben, d.h. ob jemand sich gegen eine Spende ausgesprochen hat oder nicht, der für eine Organentnahme in Frage kommt.  Dazu kommen Probleme mit Menschen, die gar nicht widersprechen können, weil sie beispielsweise geistig schwer behindert oder dement sind.

Sie befürchten eine «Klimaänderung» unter den Menschen, in der Gesellschaft – warum?
Es besteht heute grundsätzlich eine Tendenz, das Leben zu materialisieren und zu kommerzialisieren. Die Widerspruchslösung ist eine weitere Form der Instrumentalisierung des Lebens – als umso wichtiger erachte ich es, dass wir dazu Stellung nehmen können. Und dafür, dass wir entscheiden können. Jahrzehntelang haben wir für die Patientenautonomie gekämpft. Heute endlich müssen Patienten gefragt werden, ob und wie sie behandelt werden wollen – und nun soll dies gerade am Lebensende nicht mehr gelten?

Was ist Ihr Anliegen aus ethischer Sicht?
Wichtig finde ich es, das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass wir uns nach Annahme dieser Initiative für unsere Integrität wehren müssten und wir damit einen folgenschweren gesellschaftlichen Paradigmenwechsel vollziehen würden. Eine Organspende ist etwas Freiwilliges, sie ist ein Geschenk. Auch für die Menschen in der Medizin, die Organe entnehmen, und die späteren Organempfänger ist es wichtig zu wissen, dass die Person dies auch wirklich wollte.

Wenn ich höre, wie viele Personen auf Organe warten, fühle ich mich fast verpflichtet.
Wir laden uns keine Schuld auf, wenn wir nicht spenden wollen. Das ist auch aus theologischer Sicht ein wichtiges Element: Eine Organspende als Geschenk ist letztlich ein Selbstopfer. DafĂĽr gibt es weder einen moralischen Anspruch noch eine moralische Pflicht. Ein Selbstopfer ist nicht einforderbar.

Marius Schären, reformiert.info, 25. Oktober 2017

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