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Flowerpower und Sozialismus

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27.08.2018
Vor 50 Jahren gingen in den Städten die Jugendlichen auf die Strasse. 1968 war der Beginn eines Aufbruchs, der auch die Kirchen prägen sollte.

1968 ├╝berschlugen sich die Ereignisse: Vietnamkrieg und die Zerschlagung des Prager Fr├╝hlings, die Ermordung von Che Guevara und Martin Luther King. Sp├Ąter die Sch├╝sse auf den Studentenf├╝hrer Rudi Dutschke. Die westliche Welt war in Aufruhr. In Berlin, Frankfurt, Paris und selbst im beschaulichen Z├╝rich demonstrierten die Studenten. In der Zwinglistadt kam es zu Stras-senschlachten rund um das Globus-Provisorium.┬á

1968 war eine kulturelle Revolution, die auch vor den Kirchen nicht haltmachte. Der Schlachtruf ┬źUnter den┬áTalaren┬áÔÇô┬áMuff┬ávon 1000 Jahren┬╗ traf nicht nur die Universit├Ąten, sondern auch die Geistlichen ins Mark. In kurzer Zeit wurden Werte, Haltungen und Traditionen auf den Kopf gestellt.┬á

1968 lebte Reinhild Traitler, die sp├Ąter das Bildungszentrum Boldern ZH leitete, in Wien. Die 20-J├Ąhrige studiert Germanistik, Anglistik und Theologie und nimmt in einem Kabarett die Kirche auf die Schippe. ┬źDas war ziemlich frech┬╗, sagt sie heute. Ansonsten lebt sie weder in einer Kommune, noch experimentiert sie mit freier Liebe, noch demonstriert sie auf der Strasse. ┬źIn Wien waren die 68er weniger radikal, der Protest dr├╝ckte sich kreativ und k├╝nstlerisch aus┬╗, erz├Ąhlt sie.

Als Generalsekret├Ąrin der Evangelischen Studentengemeinde in ├ľsterreich und Mitglied des Christlichen Studentenweltbundes pflegt Traitler engen Kontakt zur theologischen Fakult├Ąt in Prag. Sie besucht die Moldau-Stadt und erlebt den Prager Fr├╝hling hautnah. ┬źDie Bev├Âlkerung wollte einen demokratischen, menschlichen Sozialismus┬╗, sagt sie. Als die sowjetische Armee in der Tschechoslowakei einmarschiert und mit Panzern die Demonstranten niederw├Ąlzt, ist sie bitter entt├Ąuscht. Der Umbruch von 1968 hatte sich seit l├Ąngerem abgezeichnet: Papst Johannes XXII. hatte mit dem 2. Vatikanischen Konzil das Tor zur ├ľkumene aufgestossen, die Diskussion ├╝ber die Pille und den Schwangerschaftsabbruch fordert die kirchliche Sexualmoral heraus und die TV-Bilder der verhungernden Kinder aus Biafra zeigen dem Westen, dass er soziale und politische Verantwortung ├╝bernehmen muss.┬á

An der Vollversammlung des Christlichen Studentenweltbundes in Otaniemi/FIN trifft Reinhild Traitler┬á Christen aus der Dritten Welt, die sich nicht l├Ąnger vom Westen bevormunden lassen wollen. Selbstbewusst treten sie auf. ┬źIn der Forderung nach ├Âkumenischer Einheit erkannten sie ein Machtprojekt des Westens, das ihnen eine westliche Sicht aufzwingen wollte┬╗, erz├Ąhlt Traitler. Ihr wird bewusst, wie stark Europa die Theologie und die Diskussion ├╝ber soziale Gerechtigkeit dominiert.

Otaniemi und die Weltkirchenkonferenz in Uppsala sind für Reinhild Traitler der Anstoss, dass sie Feministin wird. Lediglich acht Prozent der Delegierten in Schweden sind Frauen. Traitler und andere Frauen fangen an, die feministische Literatur zu lesen. Sie setzt sich dafür ein, dass mehr Frauen in die Gremien kommen. Mit Erfolg: An der Vollversammlung 1983 in Vancouver sind 30 Prozent der Teilnehmenden weiblich. 

Bhagwan und Christus

F├╝r Heinz L├╝di beginnt 1968 eine wichtige Zeit, die ihn tief pr├Ągt. Der Lehrer sp├╝rt, dass Leistung und Geld seinen spirituellen Hunger nicht stillen. Wie Tausende andere f├Ąhrt er im Bus durch Afghanistan und Pakistan nach Indien. Er sucht nach einem Guru, der ihn weiterbringen soll. Zun├Ąchst in Poona, doch der Rummel um Bhagwan schreckt ihn ab. Vom S├╝den Indiens reist er zum Himalaja. An den Ufern des Ganges findet der Schweizer einen Karma-Yogi. Mit anderen Westlern singt er begeistert Mantras, meditiert, tanzt und betet. Vor L├╝di tut sich der Himmel auf. ┬źAlles war voller Symbolik, Bilder und Bedeutung┬╗, erz├Ąhlt er. Er erinnert sich, wie er beim Bau eines Klosters einen schweren Balken auf seinen Schultern durch einen Fluss tr├Ągt. In der Mitte wird die Last zu schwer, er kann nicht weitergehen. Er hofft, dass ihm jemand hilft. Doch niemand kommt. In diesem Moment sp├╝rt L├╝di, wie die Last leichter wird. Zwei Wochen sp├Ąter schickt ihn der Yogi zur├╝ck nach Europa: Er brauche hier keine Zeit mehr zu verlieren. Alles was er suche, finde er daheim. In der Schweiz entschliesst sich Heinz L├╝di mit 38 Jahren Theologie zu studieren. Er wird Pfarrer.┬á

In Indien habe er den Himmel gesehen, witzelt L├╝di, das Pfarramt habe ihn auf den Boden der Realit├Ąt zur├╝ckgebracht. Die Erfahrungen aus Indien pr├Ągen seine Spiritualit├Ąt. Wenn er die Bibel liest, schwingen die Bilder aus dieser Zeit mit. Oft erinnert er sich, wie liebevoll und verst├Ąndnisvoll ihn der Yogi angeblickt hat. Dieses Gef├╝hl des Angenommenseins will Heinz L├╝di auch in der Gemeinde weitergeben.

Im R├╝ckblick stellt Reinhild Traitler fest, wie stark der Aufbruch in der Kirche war. Viele Forderungen der 68-Generation sind heute in der Kirche Normalit├Ąt: Frauen auf den Kanzeln und in den Beh├Ârden, eine Pfarrschaft auf Augenh├Âhe, sozialkritische Ans├Ątze in der Theologie, Sozialarbeit und Erwachsenenbildung, die ├ľkumene, neue Spiritualit├Ąt und eine Sexualit├Ąt, die┬á vom Liebesgebot und nicht vom moralischen Drohfinger geleitet wird. ┬źIn der reformierten Kirche herrscht eine grosse Freiheit┬╗, sagt Traitler, ┬źdie manche sicher ├╝berfordert.┬╗ Traitler w├╝nscht sich, dass die Kirche im Sinne des Evangeliums mutiger Stellung nimmt.┬á

Bis heute engagiert sich Reinhild Traitler sozial. In Z├╝rich-Fluntern arbeitet sie an einem Projekt mit, das Fl├╝chtlingen Deutschkurse gratis anbietet. In manchen Wochen kommen bis zu 90 Asylsuchende. Im Herzen ist sie eine 68erin geblieben.

Tilmann Zuber, 27.8.2018, Kirchenbote

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