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Können Hände heilen?

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12.02.2019
Interview mit dem Heiler und Theologen Matthias A. Weiss.

Herr Weiss, mein rechtes Knie schmerzt, k├Ânnen Sie es heilen?

Matthias A. Weiss:┬áIch kann Sie nicht heilen, sondern Sie auf einen Weg anstos-sen und Ihre Selbstheilungskr├Ąfte aktivieren. Dazu muss ich mich in Sie hineinsp├╝ren.

Dann werden die Schmerzen vergehen?

M├Âglicherweise. Ich kann das genauso wenig versprechen, wie auch ein Arzt keine Garantie abgeben kann. Heilen verstehe ich nicht als Methode, sondern als einen Zustand, in dem Genesung m├Âglich wird. Man kann diesen Zustand auch Liebe nennen.

Sie haben als Pfarrer gearbeitet. Heute k├╝mmern Sie sich als Heiler auch um die k├Ârperlichen Gebrechen?

Ja, so verstehe ich Jesus, der uns dazu aufruft und uns verheisst, dass wir dies k├Ânnen.

Wie wurden Sie zum Heiler?

Das war nicht geplant. Ich wollte schon immer etwas mit den H├Ąnden machen und sp├╝rte nach dem Vikariat, dass mir etwas fehlt. Die Arbeit mit Geh├Ârlosen in einem Heim in Belp machte mir bewusst, wie wichtig die Ber├╝hrung ist und dass es auch andere Kommunikationskan├Ąle gibt als ├╝ber den Intellekt. Ich machte eine Ausbildung bei Ren├ęe Bonanomi, einer heute 88-j├Ąhrigen Pfarrerstochter, und betrat eine neue Welt. Ich hatte immer gesp├╝rt, dass es diese gibt, aber sie blieb f├╝r mich bis dato verschlossen. F├╝r mich war diese Entdeckung eine riesige Befreiung. Diese Welt war real, vielleicht sogar realer als unsere Wirklichkeit. Und ich lernte auf diese Welt zu vertrauen.┬á

Sie tauchten in die Welt des Handauflegens ein?

Ja. Die Bibel sagt, dass uns nach der Auffahrt Jesu der Heilige Geist geschenkt wurde. Als Theologe hatte ich bislang versucht, diesen Geist intellektuell zu erfassen. Doch das gelang mir nicht. Beim Handauflegen erlebe ich diesen Geist als Werkzeug. Das ist wunderbar.

War Jesus ein Heiler?

Absolut. Wenn man in den Evangelien all seine Worte wegliesse, dann blieben noch seine Heilungen ├╝brig.

Zur├╝ck zu Ihrer Arbeit: Was erwartet mich in den Sitzungen?

Sie berichten mir, was Sie zu mir f├╝hrt. Ich h├Âre Ihnen zu, ├Âffne mich, bin ganz da und sp├╝re, was Ihnen fehlt und welchen Weg wir gemeinsam gehen k├Ânnen. Manchmal mit Handauflegen, mit K├Ârper├╝bungen oder einer Familienaufstellung. Ich weiss zu Beginn einer Sitzung jeweils nicht, wohin uns dieser Prozess f├╝hrt. Aufgrund meiner Erfahrungen weiss ich aber, dass es in den meisten F├Ąllen gut wird. Vielleicht sind die Schmerzen weg, vielleicht k├Ânnen Sie besser mit ihnen umgehen. Das Ergebnis ist offen.

Verf├╝gen Sie ├╝ber ├╝bersinnliche Kr├Ąfte?

Es sind nicht meine Kr├Ąfte, wir haben diese von Gott erhalten. Ich bin lediglich ein Kanal, ├Âffne mich und schiebe in diesem Moment meine Person zur Seite. Jede und jeder verf├╝gt ├╝ber diese Kr├Ąfte und kann sie in einem unterschiedlichen Ausmass anwenden.

Warum wird nicht jeder zum Geistheiler oder zur Geistheilerin?

Die wenigsten sind sich bewusst, dass sie diese Energien weitergeben k├Ânnen. Und sie wagen es nicht, sich auf einen solchen Prozess einzulassen. Die Frage ist, ob man sich traut und es sich zutraut. Wenn ich ein Medikament einnehme, dann habe ich damit eine konkrete St├╝tze. Beim Heilen ist es offen. Der Heilige Geist weht, wo er will. Die Liebe f├Ąllt da hin, wo sie will. Ich sehe es so: Leider haben wir im Westen verlernt, uns jeweils wie Kinder ganz dem Moment hinzugeben.

Kritiker sagen, Ihre Kunst beruht auf dem Placebo-Effekt?

Vielleicht, ich weiss es nicht.

Anders gefragt: Viele Mediziner f├╝hren den Erfolg der Geistheiler auf Placebo zur├╝ck. Sind die Naturwissenschaftler unf├Ąhig, sich mit diesem Ph├Ąnomen auseinanderzusetzen?┬á

Nicht unf├Ąhig, sondern oft einfach unwillig.

In der Bibel heisst es, der Glaube kann Berge versetzen.

Richtig. Glauben bedeutet Vertrauen. Dieses Vertrauen kann man nicht herstellen oder erzwingen. Man kann es nicht mit dem Verstand befehlen, genauso wenig wie die Liebe oder den Schlaf. Das funktioniert nicht. Vertrauen muss wachsen, indem die Menschen anfangen, Mut zu fassen, sich wohl f├╝hlen, sich fallenlassen und sich anvertrauen.

Ist das Vertrauen der Schl├╝ssel in der Behandlung?

In meiner Arbeit arbeite ich viel mit Vertrauen und versuche es zu st├Ąrken. Heilung geschieht nur, wenn man losl├Ąsst, vertraut und sich darauf einl├Ąsst. Das l├Ąsst sich nicht erzwingen. Vertrauen ist es letztlich, das heilt. Wenn Kritiker nun diesen Prozess als Placebo-Effekt bezeichnen, dann kann ich dies sofort unterschreiben. Doch was heisst Placebo? Warum kann die Schulmedizin den Erfolg nicht anerkennen und muss diesen abwerten?

In der Schweiz gibt es unz├Ąhlige Geistheiler. Was ist der Grund daf├╝r?

Die Menschen sehnen sich nach Zuwendung, Verst├Ąndnis und der Dimension des Heils. Sie wissen nicht, wo sie sich dies holen und wie sie es ausdr├╝cken k├Ânnen. Theologie und Kirche haben leider eine Sprache, die diesbez├╝glich nicht mehr greift. Und die Esoterik spricht in Dimensionen, die mich oft auch nicht ├╝berzeugen. F├╝r mich ist klar, das Heilen kommt von Gott.

Auch die Medizin und Naturwissenschaften f├╝hren manchmal nicht weiter?

Ich finde es wichtig, dass man zum Arzt geht. Aber manchmal st├Âsst die Medizin an Grenzen und bietet keine Nahrung. Im Fokus der ├ärzte steht die Gesundheit, bei den Geistheilern das Heil. Das ist nicht immer das Gleiche. Man kann todkrank sein, aber heil. Umgekehrt kann man kerngesund sein, aber ┬źunheil┬╗. Viele glauben, durch das Heilen und Handauflegen erreiche man einen Idealzustand. Aber dem ist nicht so. Wer definiert denn, was perfekt ist und was funktioniert? Eine Maschine funktioniert. Doch wir sind keine Apparate, die nur Aufgaben erf├╝llen. Wir sind mehr als Maschinen. Wir Menschen sind Geist, K├Ârper und Seele und also voller Leben.

Haben Sie das Gef├╝hl, dass heute das Vertrauen in die Medizin fehlt?

Schwer zu sagen. Oftmals kommen die Leute zu mir, nachdem sie unz├Ąhlige ├ärzte konsultiert haben. Dann sind sie eher bereit, sich auf etwas Neues einzulassen. Sie sp├╝ren, dass ihre Gesundheit nicht nur auf Medikamenten und Behandlungen beruht, sondern umfassender ist. Gerade die Schulmedizin ist sehr technisch geworden: Noch mehr Pillen, noch mehr Fallzahlen. Die ├ärzte haben zu wenig Zeit f├╝r ihre Patienten. Und nehmen sie sich diese, wird sie ihnen nicht vollumf├Ąnglich verg├╝tet. Das f├╝hrt zu einer Massenabfertigung, die den Patienten kaum Zeit l├Ąsst sich auszusprechen.

Und dann kommen Patienten zu den Geistheilern?

Ja. Sie erwarten Zuneigung und Zuwendung, die Zeit und den Raum, dass ihnen jemand zuh├Ârt. Und dass sie ber├╝hrt werden, absichts- und bedingungslos. Heute mangelt es aus meiner Sicht vor allem an Ber├╝hrungen. Jede und jeder k├Ânnte daran etwas ├Ąndern. Das ist nicht schwierig.

Sind wir zu verklemmt?

Nicht verklemmt. Als reformierte Schweizer wissen wir nur nicht, wie wir uns k├Ârperlich ausdr├╝cken k├Ânnen, so wie es die Italiener oder Spanier tun. Diese Zur├╝ckhaltung hat nat├╝rlich auch etwas Gutes. Ich selbst bin in einem reformierten Umfeld aufgewachsen und habe immer gesp├╝rt, dass mir die k├Ârperliche Dimension fehlt. Da ist die katholische Kirche anders. Dort riecht es nach Weihrauch, brennen Kerzen und die Liturgie lebt von den Ritualen. Wir Reformierten haben vor 500 Jahren das Kind mit dem Bade ausgesch├╝ttet, als wir dies alles abgeschafft haben. Inzwischen hat sich dies ge├Ąndert, es gibt in verschiedenen Kirchen Segnungsgottesdienste.

Zu einem anderen Thema: Fakt ist, es gibt unter den Heilern viele Scharlatane. Wie erkennt man diese?

Am besten ist es, man h├Ârt auf sich selbst.

Auf die eigenen Warnsignale?

Ja. Leider nimmt man diese oft nicht ernst. Wenn man sich nicht wohlf├╝hlt, sollte man dem nachgehen. Ebenso, wenn die Preise ├╝berrissen sind, die Anzahl der Sitzungen endlos werden, die Macht missbraucht wird oder die Begegnung nicht auf Augenh├Âhe geschieht, der Heiler versucht, die Klienten aus dem Umfeld zu isolieren, der Ansatz nicht transparent ist oder es zu sexuellen ├ťbergriffen kommt.

Dann sollte man die Sitzungen abbrechen?

Ja. Der Prozess basiert aber auch auf Vertrauen. Deshalb sollte man auf die positiven Signale achten. Die beste Haltung gegenüber einem Geistheiler, einem Psychotherapeuten oder Arzt ist, offen und gleichzeitig wachsam zu sein. 

Wurden Sie auch schon geheilt?

Ja. Sie werden lachen, durch eine Katze. Vor Jahren konnte ich mich einmal nicht mehr bewegen. Jede Haltung, die ich einnahm, schmerzte. Ich war verzweifelt und wusste mir nicht mehr zu helfen. Ich lebte damals mit einer Katze, die nicht anh├Ąnglich war und sich nicht streicheln liess. Die Katze sass auf einem Stuhl und beobachtete mich. Ich kroch m├╝hsam auf sie zu. Da legte sie mir die Pfote auf die Schultern und leckte meine Haare. Das hat sie vorher und nachher nie mehr getan. In diesem Moment waren all meine Schmerzen weg.

Interview: Tilmann Zuber, 12.2.2019, Kirchenbote

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