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Macht Arbeit krank?

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21.03.2016
Von der Chefetage in die Psychiatrie: Heute fühlen sich viele gestresst und erschöpft. Bei manchen verschlimmert sich der Zustand bis hin zum Burn-out und zur Depression. Der Weg zurück in den Alltag gestaltet sich schwierig.

«Ich stellte das Telefon auf Bereitschaftsmodus, schaltete den Ton aus und liess das GerĂ€t auf der Couch liegen. Mit unsicheren Beinen schaffte ich es ohne einzuknicken bis ins Bett. Ich konnte nicht mehr und wollte nicht mehr. Ich wollte nur eines: in Ruhe schlafen.» Wenn Daniel Göring von seinem Suizidversuch berichtet, dann schwingt die Erregung in der Stimme mit. Vor drei Jahren nahm er eine Überdosis Tabletten. Der Magen rebellierte. Der Medikamentencocktail verfehlte die tödliche Wirkung. Göring wachte in der Notaufnahme auf. Seine Familie hatte ihn noch rechtzeitig gefunden.

FĂŒr den Familienvater folgte eine lange Zeit, in der er Kliniken aufsuchte und sich zurĂŒck ins Leben kĂ€mpfte. Über seine Erschöpfungsdepression hat der 49-JĂ€hrige ein Buch geschrieben, das unaufgeregt dokumentiert, wie leicht die Psyche in die Schieflage gerĂ€t. Göring war Leiter der Kommunikation des Bundesamtes fĂŒr Zivilluftfahrt. Er stand im Auge des medialen Taifuns, als die Swissair groundete und ĂŒber Überlingen zwei Flugzeuge zusammenstiessen. 71 Menschen, darunter 49 Kinder, starben. Göring verdrĂ€ngte, wie sehr ihn die Arbeit Substanz und Kraft kostete.

«Ich wollte mich nur auflösen»

SpĂ€ter wechselt Göring die Stelle und ĂŒbernimmt die Leitung eines interna­tionalen Bau- und Tourismuskonzerns. Mehr und mehr zieht er sich zurĂŒck, bricht die Kontakte ab und flĂŒchtet sich in die Arbeit. Die Abende verbringt er alleine, ist mĂŒde und wortkarg und reagiert zynisch. Der Plan, sich das Leben zu nehmen, nimmt Konturen an: «In der Leere der spĂ€rlich beleuchteten KĂŒche spĂŒrte ich plötzlich, dass ich nicht alleine war. Meine alte Freundin war zu Besuch gekommen. Meine alte Freundin, die Sehnsucht, sich in nichts aufzulösen, das Verlangen, einfach zu verschwinden», liest Göring aus seinem Buch an einer Veranstaltung des Pfarramts fĂŒr Wirtschaft in der Basler Peterskirche vor. Der Abend trĂ€gt den sinnigen Titel «Macht Arbeit krank?».

Mit diesem Schicksal steht Daniel Göring nicht alleine da. Burn-out heisst das PhĂ€nomen, das in den Teppichetagen wie auch in den unteren Chargen auftritt. 18 Prozent der ErwerbstĂ€tigen in der Schweiz kreuzten bei der Frage, ob sie sich bei der Arbeit «emotional verbraucht fĂŒhlten», «eher» oder «vollstĂ€ndig» an. Selbst Prominente sind davor nicht gefeit. Geschockt reagierte die Öffentlichkeit, als der Moderator Ruedi Josuran und die Politikerin Natalie Rickli sich als Burn-out-Betroffene outeten. Immer mehr Mitarbeitende fĂŒhlten sich psychisch schlecht, stellt Niklas Baer, Psychologe und Leiter der Fachstelle fĂŒr psychiatrische Rehabilitation Baselland, fest. «In den letzten Jahren nahmen die Ausgliederungen am Arbeitsplatz stark zu.» Viele der Betroffenen landen spĂ€ter bei der Invalidenversicherung. Grund: Burn-out. Obwohl dies keine medizinische Diagnose darstellt.

1974 prĂ€gte erstmals der Psychoanalytiker Herbert Freudenberg den Begriff «ausgebrannt sein». Ihm war aufgefallen, wie sehr das medizinische Personal in den SpitĂ€lern an MĂŒdigkeit, Reizbarkeit, Kopfschmerzen und Appetitlosigkeit und anderen Beschwerden litt.

Anfangs werden die Symptome nicht zur Kenntnis genommen. Es ist normal, dass man nicht jeden Tag vor Energie strotzt, vertrösten sich die Betroffenen. Sie verdrĂ€ngen die Erschöpfung und versuchen, die Aufgaben mit doppeltem Energieaufwand zu erledigen. Doch es geht schleppend vorwĂ€rts. Die KreativitĂ€t und Freude bleiben aus. «Als er fĂŒnfzig wurde, hatte er eine mĂŒhsame Klasse, die seine ganze Kraft kostete», erklĂ€rt die Ehefrau eines betroffenen Lehrers. «Am Ende der Ferien bereitete er jeweils das nĂ€chste Quartal vor. Doch diesmal fĂŒhlte er sich nur matt und ausgebrannt. Er lag stundenlang auf der Couch in seinem Arbeitszimmer und mochte sich nicht hinter seine Arbeit machen.»

Das Umfeld am Arbeitsplatz reagiere kaum, wenn ein Kollege oder eine Kollegin psychische Probleme hat, weiss Nik- las Baer. Solange die Leistung stimme. Eine Befragung von 1500 Vorgesetzten zeigte, wie stark die Hemmungen sind, die Schwierigkeiten anzusprechen. «Meist reagieren sie zu spĂ€t», sagt Niklas Baer. «Löst der Chef das Problem, bedeutet dies in 90 Prozent der FĂ€lle KĂŒndigung.»

Die Leute liessen einen in Ruhe, wenn sie merkten, dass etwas nicht stimmt, erzĂ€hlt Daniel Göring. Sein Chef und das Umfeld realisierten nicht, wie schlecht es ihm ging. Oder sie dachten, das sei nur vorĂŒbergehend. Göring hatte sich nichts sehnlicher gewĂŒnscht, als jemandem sein Herz auszuschĂŒtten. «Selbst wenn die Betroffenen nicht bereit sind, darĂŒber zu reden, sollte man nicht aufgeben und immer wieder nachfragen», sagt er.

Nadine Gempler, Leitung Personal bei Coop national, fĂŒhrt dieses Wegschauen darauf zurĂŒck, dass psychische Probleme nach wie vor tabuisiert werden. Sie regte die Betroffenen an, eine Selbsthilfegruppe zu grĂŒnden. Doch die kam nie zustande. Zu gross ist die Scham, sich öffentlich zu outen. «Ein Beinbruch verheilt, eine Depression kann sich ĂŒber lange Zeit hinziehen.» Das brauche einen langen Schnauf. Mit der Zeit verlieren die Mitarbeitenden die Geduld und das Team reagiert frustriert.

Vertrauen in die Unvollkommenheit

Der Theologe und Autor Christoph HĂŒrlimann fĂŒhrt das PhĂ€nomen des Burn-outs auf eine spirituelle Dimension zurĂŒck. Die heutige Welt fordere hundertprozentige Leistung und Perfektion. «Verkauft werden nur die vollkommenen FrĂŒchte. Gefeiert werden nur die Schönen und Erfolgreichen.» Doch das Leben bleibe BruchstĂŒck und Torso. Sei es in der Ehe, in den Beziehungen oder am Arbeitsplatz. Die Erfahrung des Scheiterns, des Unvollkommenen und der zerbrochenen TrĂ€ume gehören zu unserer Existenz. Nur indem wir lernten, im Fragmentarischen das Vollkommene zu sehen, erhielten wir die Gelassenheit, uns an dem zu erfreuen, was wir erreicht haben. «Wir mĂŒssten wieder das Vertrauen zum Unvollkommenen finden», sagt Christoph HĂŒrlimann und zitiert den Philosophen Blaise Pascal: «Es ist nicht auszudenken, was Gott aus den BruchstĂŒcken unseres Lebens machen kann, wenn wir sie ihm ganz ĂŒberlassen.»

Auch Ruedi Josuran erkennt im Burn-out auch eine spirituelle Krise, in der man den Bezug zu den Ressourcen und Quellen verliert. FĂŒr ihn war eine solche Quelle Gott. «Er nimmt mich so an, wie ich bin. In dem Moment, als ich realisierte, dass ich mit all meiner Unvollkommenheit gut bin, erlebte ich eine Kraft und Grundmotivation, die mich ins Leben fĂŒhrte.»

Tilmann Zuber, 24.3.2016

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