Baselland, Basel-Stadt, Luzern, Schaffhausen, Schwyz, Solothurn, Uri, Zug

Macht der Glaube gesund?

min
01.02.2021
Dreissig Jahre lang führte Urs Pilgrim eine Praxis. Der Arzt forschte, wie Religion und Medizin zusammenhängen. Pilgrim darüber, warum Nonnen länger leben, Jesus heilen konnte und Fasten gesund ist.

Urs Pilgrim, Sie waren ĂŒber dreissig Jahre lang Facharzt fĂŒr Innere Medizin. Sind glĂ€ubige Menschen gesĂŒnder?
Das ist eine schwierige Frage. Was ich mit Bestimmtheit aus meiner Erfahrungsagen kann, ist, GlĂ€ubige haben in schwierigen Situationen weniger MĂŒhe als andere. Vor allem, wenn es um das Sterben geht und um die Perspektive nach dem Tod. Ich habe viele Schwerstkranke beim Sterben begleitet und gesehen, wie ihnen dies die Geborgenheit im Glauben und die FĂŒhrung durch Gott oder Jesus erleichtert hat. Ich muss hinzufĂŒgen, ich hatte eine Praxis in Muri, in einer lĂ€ndlichen Gegend mit vielen Bauerngemeinden, da war der Glaube noch tief verwurzelt.

Sie reden vom Sterben. Wie sieht es bei der Gesundheit aus?
Das wurde in einer grossen Klosterstudie untersucht, bei der man in Deutschland Tausende von Nonnen und Patres befragte. Der ĂŒberraschende Befund war, dass die Geistlichen hinter den Klostermauern fĂŒnf Jahre lĂ€nger lebten als der Durchschnitt der Bevölkerung. Als man die Zahlen nĂ€her anschaute und bei der Kontrollgruppe die AutounfĂ€lle wegliess, bestand fast kein Unterschied mehr. Studien in den USA kommen zum Ergebnis, dass Mönche und Nonnen ein Jahr lĂ€nger leben. Generell ist die Antwort nicht so einfach, aber tendenziell wirkt sich der Glaube positiv auf die Gesundheit aus.

Wie hÀngen Medizin und Glaube zusammen?
Beide verfolgen das gleiche Ziel: den Menschen zu helfen. Schon die Schamanen der Urreligionen lieferten bei Krankheiten, Katastrophen, dem Lauf der Sonne und des Mondes ErklĂ€rungen und Hilfe, bei denen sich Medizin und SpiritualitĂ€t vermischten. Seit der Renaissance haben sich Naturwissenschaften und Religion mehr und mehr getrennt. Die Religion konzentrierte sich auf das Spirituelle und die Seele, die Medizin auf den Körper. Heute besteht in der Medizin ein starkes BedĂŒrfnis, die DualitĂ€t, die seit Platon besteht, wieder zusammenzufĂŒhren. Man kann einen Kranken nur verstehen, wenn man die Einheit zwischen Seele und Körper akzeptiert. Die katholische Kirche pflegt die Trennung von Körper und Seele leider bis heute, dagegen betont die reformierte Theologie die Einheit der beiden.

War Jesus ein Arzt und Heiler?
Ein Arzt nicht, auch wenn es den Begriff Jesus Medicus gibt. Seit Hippokrates im 4. Jahrhundert vor Christus eine Medizinschule grĂŒndete, gab es den Beruf des Arztes. Jesus hatte nie eine Medizinschule besucht. Jesus war ein Heiler, ein sehr erfolgreicher Heiler, wie die Evangelien berichten.

Wie konnte Jesus Menschen heilen?
Es waren spirituelle Heilungen. Dazu gibt es die verschiedensten Vorstellungen. Die WunderglÀubigen glauben an die Ausschaltung von allen naturwissenschaftlichen Gesetzen. Wenn jemand an echte Wunder glaubt, sollte man dies akzeptieren.

Und Sie persönlich?
Ich glaube nicht an echte Wunder, aber an wunderbare Wirkungen. In der Praxis habe ich solche aussergewöhnlichen VerlĂ€ufe erlebt. Historiker erklĂ€ren, dass in der Antike das VerstĂ€ndnis von Wundern ein anderes war als heute. Jemand hinkte, konnte schlecht sehen und hatte Schmerzen und plötzlich ging es ihm besser. FĂŒr die damaligen Zeitgenossen war dies ein Wunder. Heute reden wir von Spontanheilung und Placebo-Effekt. Die Psychoanalytiker Eugen Drewermann und Sturmius Wittschier erklĂ€ren dazu, dass die ZusammenfĂŒhrung von Bewusstsein und Unterbewusstsein zu Soforteffekten fĂŒhren kann. Das habe ich auch in der Praxis erlebt.

Und das konnte Jesus?
Ja, Jesus war und ist aber nicht der einzige Heiler. Vergessen wir nicht,Jesus selbst hat ja seinen JĂŒngern aufgetragen, Menschen zu heilen.

Was bedeutet heil werden aus religiöser Sicht?
Eine der SchlĂŒsselszenen liefert dazu MatthĂ€us 9.1. Freunde bringen einen GelĂ€hmten zu Jesus. Da die Menschenmassen den Zugang zum Haus versperren, steigen sie aufs Dach und lassen den Kranken zu Jesus runter. Und Jesus sagt zu ihm als Erstes:«Deine SĂŒnden sind dir vergeben.» Jesus ist das innere Heilwerden wichtiger, als dass der GelĂ€hmte nun wieder laufen kann. Das Körperliche steht fĂŒr Jesus nicht im Vordergrund bei der Frage, ob es einem gut geht, das ist Beigabe. Das religiöse Heilwerden sieht den ganzen Menschen, geistig und körperlich.

Heute dominieren die Naturwissenschaften die Medizin. Hat sie damit etwas verloren?
Verloren nicht. Seit dem 16. Jahrhundertrichtet die Wissenschaft den Blick auf den Menschen und die Welt und nicht mehr nach oben. Damit hatsie die Beziehung zum Transzendenten allmĂ€hlich verloren. In der Praxis ist diese jedoch noch sehr lebendig. Daniel Hell, der ehemalige Direktor der UniversitĂ€tsklinik Burghölzli in ZĂŒrich, hat dazu gesagt: «Gott ist in die medizinische Wissenschaft nicht einzuschliessen, aber er ist im Praxisalltag nicht auszuschliessen. Gott und die religiöse Welt spielen im Praxisalltag durchaus eine Rolle. Man sollte dieses Angebot nutzen, ausser der Patient will dies nicht.»

Die Medizin fokussiert weitgehend auf das Körperliche.
Zu Recht, wenn ich eine neue Herzklappe brauche, dann möchte ich nicht ĂŒber Gott und die Welt diskutieren, sondern brauche eine KapazitĂ€t, welche die Operation beherrscht. Aber heute wird kaum mehr ein Arzt in Zweifel ziehen, dass Religion, Glaube und Riten sehr hilfreich sein können.

Sie sprechen religiöse Rituale an. Sind Beten, Fasten, Meditieren, gemeinsam Singen und Weihnachten feiern gesund?
Ja, aber nicht in jedem Fall. Die Voraussetzungist, dass man davon ĂŒberzeugt ist und sich dabei geborgen fĂŒhlt. Rituale und Gemeinschaftserlebnisse sprechen die Emotionen und das GefĂŒhlsmĂ€ssige an und lösen etwas aus. In den meisten Predigten steht das Intellektuelle im Vordergrund, doch dies spricht nur die linke HirnhĂ€lfte an. Deshalb berĂŒhrt eine hochintellektuelle Predigt die Menschen kaum. Wenn aber spĂ€ter gesungen, musiziert wird und der Weihrauch in die Nase steigt, dann wird manches Auge feucht.

Im Moment ist Intervallfasten Mode. Viele Religionen kennen das Fasten seit Jahrtausenden. Lohnt es sich, den GĂŒrtel enger zu schnallen?
Ja. Es gibt viele Krankheiten, die auf Übergewicht zurĂŒckgehen. Kurzfristiges Fasten kann sogar bei Krebs helfen, sodass das Wachstum der Tumore zurĂŒckgeht. Der Effekt ist jedoch weg, wenn man wieder isst, und man kann ja nicht jahrelang fasten. Die Gefahr beim Fasten besteht darin, dass sich daraus eine Magersucht entwickeln kann.

Hilft das Gebet bei Krankheit?
Unbedingt. Wenn man fĂŒr sich selber betet, dann hilft dies. Man darf auf die Kraft des Gebetes hoffen. NatĂŒrlich behaupten kritische Geister und Agnostiker, das sei Autosuggestion. Doch man sollte den Placebo-Effekt nicht kleinreden, er ist wirksam. In vielen Studien konnte man dies nachweisen.

Und wie steht es damit, wenn man fĂŒr andere betet?
Auch dies wurde untersucht. Ausmedizinischer Sicht fĂ€llt dies jedoch enttĂ€uschend aus. Die grosse Benson-Studie mit ĂŒber 1800 Patienten konnte keinen Effekt feststellen, wenn wir fĂŒr andere beten. Die Untersuchung zeigte, es bringt mehr, statt fĂŒr andere zu beten, sie zu besuchen, ihnen Blumen zubringen oder sie anzurufen.

Die katholische Kirche kennt die Heiligen, an die man sich bei Krankheit und UnglĂŒck wenden kann.
FrĂŒher war der Glaube an die vierzehn Nothelfer, die das ganze medizinische Spektrum abgedeckt haben, weitverbreitet. Heute ist dies selten. Die Heiligen sind Botschafter des Glaubens. Ihre Hauptbotschaft lautet: «Wir sindnicht alleine, sondern haben Helfer.» Wenn jemand glaubt, es tue ihm gut, wenn er eine Kerze in der Kirche anzĂŒndet, dann soll er dies tun. Ich habe noch nie eine Kerze in der Kirche gesteckt. Wenn ich jemandem helfen möchte, dann besuche ich ihn, rufe ihn an oder schreibe ihm einen Brief. Der Reformator Zwingli sagte zu den Legenden der Heiligen, sie seien «erstuncken und erlogen». Zwingli hat aus Sicht des Historikers recht, denn fĂŒr die meisten Legenden fehlt gesichertes Wissen.

Wie steht es mit Lourdes, das von Tausenden Kranken aufgesucht wird?
Wenn mir Patienten Wasser aus Lourdes mitbrachten, erklĂ€rte ich ihnen, behalten Sie es, wenn Sie glauben, dass es Ihnen guttut. Ich brauche es nicht. Ich wĂŒrde auch nie nach Lourdes pilgern. Manche Leute waren dann enttĂ€uscht.

Sie halten nichts von den Heilungen in Lourdes?
Generell muss man feststellen, der Glaube hilft. Das hat auch Jesus als spiritueller Heiler stets betont. Wer daran glaubte, erhielt spirituelle Hilfe. Aber selbst Jesus konnte gemĂ€ss Markusevangelium nur wenige Zeichen, sprich Wunder, setzen. Auch in Lourdes sind es nur wenige, die geheilt werden. Man muss vernĂŒnftig sein und anerkennen, nicht alles ist mit spiritueller Therapie heilbar. Wir alle sind sterblich und endlich auf dieser Welt.

Von Paracelsus gibt es den wunderbaren Satz «Liebe ist die höchste aller Arzneien». Können Sie das unterstreichen?
Ja, sicher aus der Perspektive des 16. Jahrhunderts. Damals war die Medizin nicht sehr erfolgreich. Inzwischen hat sich dies massiv geĂ€ndert. Wenn Sie einen Herzinfarkt haben, dann nĂŒtzt die NĂ€chstenliebe nichts, sondern Sie mĂŒssen schnellstmöglich medizinisch kompetent behandelt werden. Man kann sicher feststellen, dass Empathie, Zuwendung und SolidaritĂ€t auch heute in der medizinischen Behandlung wichtig sind.

Wegen der Corona-Pandemie leiden im Moment viele unter der Einsamkeit. Da spielt die Liebe eine Rolle.
Unbedingt. In unserer Praxis machten wir viele Partnerschaftsberatungen, denn solche Schwierigkeiten fĂŒhren zu ernsten gesundheitlichen Problemen.

Sie waren 30 Jahre lang praktizierender Arzt. Hat sich in dieser Zeit Ihr Menschenbild verÀndert?
Ja, ich habe angefangen, die Einheit von Körper und Seele wertzuschÀtzen. Kurz nach dem Studium war ich stark fokussiert auf das grosse Gebiet der Somatik mit all dem Körperlichen. Je lÀnger ich in der Praxis gearbeitet habe, umso stÀrker habe ich gemerkt, dass Körper und Seele zusammengehören.

Was ist der wichtigste Tipp, um gesund zu bleiben?
Die Zufriedenheit mit dem, was man erreicht hat. Die Zufriedenheit ist ein eder wichtigsten Grundvoraussetzungen im Leben. Wer dauernd unzufrieden ist, wird krank. Das habe ich in der Praxis oft erlebt. Dann kommen natĂŒrlich all die anderen RatschlĂ€ge wie kein Übergewicht und Bluthochdruck, sich bewegen, nicht rauchen oder wenig Alkohol trinken.

Und wie wird man zufrieden?
Indem man lernt, das zu akzeptieren, was man nicht Ă€ndern kann, und seine AnsprĂŒche an das Mögliche anpasst. Auch in diesem Rahmen können wir Sinnvolles und Sinnstiftendes erschaffen. Wir können nicht die ganze Welt verĂ€ndern, sondern nur unser Umfeld, indem wir unser GlĂŒck und unsere Freude weiterschenken.

Interview: Tilmann Zuber, kirchenbote-online

Unsere Empfehlungen

Wenn der Glaube einem die Schuhe auszieht

Wenn der Glaube einem die Schuhe auszieht

Die Passionszeit ist traditionell die Zeit des Fastens und der Meditation. Der Journalist Stefan Degen hat «ein Sitzen in der Stille» in einer Kirche besucht und festgestellt, wie frei die Gedanken schweifen. Bericht eines Selbstversuchs.