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«Menschliches Leben existiert nicht aus sich selber»

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17.08.2022
Das tägliche Brot steht im Regal, die Milch kommt aus dem Kühlschrank, die Zuchetti aus dem Supermarkt. Für die Ernte zu danken, wirkt veraltet. Das Bewusstsein dafür scheint zu verblassen. Auch im Toggenburg ist es immer schwieriger, Leute für den Erntedankgottesdienst zu motivieren.

«Vielleicht fehlt die Demut vor der Schöpfung, die Dankbarkeit gegenüber Gott oder einer höheren Macht, die uns beschenkt?», fragen sich Rosmarie Abderhalden und Elsbeth Bollhalder. Mit ihren Vorstandskolleginnen des «Frauenbands» organisieren sie in Alt St. Johann Jahr für Jahr das Erntedankfest, schleppen Zainen und «Chräzen» an, holen alte Holzrechen und Heugabeln vom Estrich, plündern ihren eigenen Garten (freiwillige Spenden werden immer seltener) und schmücken die Kirche, deren Eingang und Chor mit Obst, Getreide und Gemüse zu einem wahren Kunstwerk.

20 cm hoch lagen die Hagelkörner
Wenn beim Schmücken wenige erscheinen, dann gut zwei Dutzend Personen den Gottesdienst in der katholischen und reformierten Kirche besuchen und somit ein Grossteil der landwirtschaftlich geprägten Bevölkerung beim Fest nicht erscheint, reiben sich die beiden Frauen leicht verwundert die Augen. So geschehen im vergangenen Jahr, als ein Hagelzug die Wiesen zerhackte, die Ernte zunichte machte, die Eiskörner 20 cm hoch lagen. «Erntedank ist doch ein Fest, wo wir uns besinnen, dass es nicht selbstverständlich ist, dass wir in Hülle und Fülle Futter und täglich zu essen haben, auf den Alpen keine Unfälle passieren?», fragt sich Abderhalden.

Aktualisierung ist möglich
«Mag sein, dass Erntedank etwas veraltet wirkt, aber eine Aktualisierung ist möglich und nötig», sagt Kurt Zaugg-Ott von «oeku Kirchen für die Umwelt». Gerade heute könnten wir uns daran erinnern, dass es für viele nicht selbstverständlich sei, genügend zu essen zu haben. Und: Ernährungsfragen seien definitiv ein Thema für den Erntedank. «Der Konsum tierischer Produkte, lokale und saisonale Küche und Foodwaste können im Erntedank thematisiert werden. Wie wäre es mit Foodwaste-Banketten in dieser Zeit?» Und so glaubt Zaugg, dass vom Erntedank viel gelernt werden kann. Es sei die Haltung der Dankbarkeit. «Wir sind es gewohnt, alle Lebensmittel zur Verfügung zu haben. Diese Gewohnheit hat sich zur Anspruchshaltung entwickelt. Dabei sind wir total von der Ernte und ihren Produkten abhängig.»

Seit Urzeiten
«Schon immer wussten die Menschen, dass sowohl Aussaat wie Ernte gefährdet sein können», so Konrad Schmid, Professor für Altes Testament an der Universität Zürich. Erntedankfeste gibt es denn schon seit Urzeiten in fast allen Kulturen und Religionen. Es ist eines der ältesten Feste der Menschheit. Die Ägypter feierten Osiris, der auch Gott der Aussaat war. Die Griechen wollten Demeter, die Göttin der Erdfruchtbarkeit mit Opfern gnädig stimmen. Die Germanen dankten im Herbst am Hausblotfest für die Ernte. In der jüdischen Kultur wird Sukkot, das Laubhüttenfest, als «Fest des Einsammelns» gefeiert – ein Fest biblischen Ursprungs, das den Israeliten durch Moses von Gott kundgetan wurde.

DarĂĽber nachdenken
«Was hast du, das du nicht empfangen hast?», fragte Paulus in 1. Korinther 4,7 rhetorisch. «Die Anwort ist natürlich: nichts», sagt Schmid. «Wir produzieren zwar vieles, aber letztlich leben wir aus dem, was uns gegeben ist. Man kann dasjenige, was die Natur hergibt, nehmen und konsumieren: Man kann aber auch darüber nachdenken, ob es sich hierbei um eine Selbstverständlichkeit handelt.» An der Gnade des täglichen Brotes lasse sich im Kleinen ablesen, was auch im Grossen gelte: «Menschliches Leben existiert nicht aus sich selber, sondern weil es gegeben worden ist. Man kann sich das Leben zwar nehmen, aber niemand kann es sich selber geben. Die positive Psychologie weiss um die Kraft der Dankbarkeit, die Erntedankfeste haben dies schon viel früher entdeckt.»

Der Mensch lebt aus dem, was er empfängt
Und so befürchtet Schmid denn auch nicht die Abschaffung des Erntedankes. «Traditionen verschwinden, wenn sie sich überholt haben.» Der Erntedank sei aber eine Metapher, die den Menschen offenbar anspricht, die Erinnerung an die Nahrungsmittelproduktion aus dem Ackerboden wachhalte. «Der Mensch lebt nicht aus dem, was er selber produziert hat, sondern aus dem, was er empfängt, was ihm gegeben wird.» Mit der Nahrungsaufnahme komme der Mensch auch täglich mit der Landwirtschaft in Berührung. «Dies wird es schwermachen, dass der Erntedank bald vergessen wird. In den USA ist Thanksgiving sogar der wichtigste familiäre Feiertag, der auf das Erntedankfest zurückgeht», so Schmid.

Rosmarie Abderhalden und Elsbeth Bollhalder sind sich dessen auch bewusst. Sie werden wohl auch dieses Jahr wieder die Kirche schmücken. «Denn es bereitet uns auch grosse Freude.

Katharina Meier

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