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Militärdienst «als Chance zum Reifen»

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29.01.2020
Pfarrerin Sabine Herold ist Armeeseelsorgerin. Sie nimmt auch schon mal einen 25-Kilometer-Marsch unter die Füsse, um mit den Soldaten ins Gespräch zu kommen.

Hauptmann Armeeseelsorgerin Sabine Herold, Jahrgang 1973, trĂ€gt am Kragen ihrer Uniform ein Kreuz und im Gesicht ein freundliches LĂ€cheln. Sie entspricht nicht dem Bild, das man von der Schweizer Armee im Kopf hat: von straff gefĂŒhrten Soldaten, die mit ernstem Blick und Gewehr bei Fuss stehen, um Befehle entgegenzunehmen. Pfarrerin Sabine Herold erteilt keine Befehle, sie hat eine andere Rolle. Sie ist seit drei Jahren Armeeseelsorgerin, und das «mit Freude und Herzblut».

Als Mutter von drei Söhnen kennt sie die Probleme junger MĂ€nner. Der MilitĂ€rdienst werde zwangslĂ€ufig zum Thema in ihrer Familie, sagt sie. Die Rekrutenschule sieht sie als «Chance zum Reifen». «Wenn ich die Rekruten ĂŒber mehrere Monate begleite, sehe ich, wie sie sich entwickeln, und freue mich, wenn ich dazu beitragen kann, dass jemand seinen Platz findet.»

In besonderer Erinnerung bleibt ihr ein junger Soldat, der grosse Zweifel hatte, ob er in der Armee am richtigen Ort ist. «Ich habe ihn ermutigt, dass er seine Situation wahrnimmt und ĂŒberlegt, was er Ă€ndern kann. Am Ende hat er seinen Dienst durchgezogen in einer Funktion, die ihm grosse Freude bereitete», erzĂ€hlt Sabine Herold. Er hat sich spĂ€ter in einem Brief bei ihr bedankt. «Das hat mich berĂŒhrt.»

Uniform, aber kein Befehlston
Die Rekruten hĂ€tten nicht viele Gelegenheiten, unbeobachtet unter vier Augen reden zu können. «Wenn sie merken, dass sich jemand die Zeit nimmt, schĂ€tzen sie das», so die Erfahrung der Seelsorgerin. Dass sie eine Frau ist, erlebt sie nicht als Nachteil. «Ich trage zwar Uniform, werde aber wahrgenommen als jemand, der ‚von aussen‘ kommt und nicht im Befehlston mit ihnen spricht.» Manchmal braucht es den vollen Einsatz. «Die Rekruten anerkennen es, wenn ich auf einen Marsch mitgehe. So bin ich glaubwĂŒrdig», sagt Herold. «Es kommt nicht gut an, wenn ich der Truppe vor dem Marsch gute RatschlĂ€ge erteile und mich dann verabschiede. Auf den MĂ€rschen entwickeln sich manchmal tolle GesprĂ€che.» 

Verantwortung ĂŒbernehmen
Die jungen MĂ€nner kommen mit verschiedenen Problemen zur Seelsorgerin. Die einen hĂ€tten im Leben noch nicht gelernt, mit Schwierigkeiten umzugehen. «Vielleicht, weil die Eltern ihnen bisher alle Probleme aus dem Weg gerĂ€umt haben. Nun stehen sie vor einer Herausforderung und mĂŒssen Verantwortung ĂŒbernehmen. Sie mĂŒssen sich einordnen, haben keine PrivatsphĂ€re, können nicht stĂ€ndig am Handy oder im Internet sein. Manche halten dies fast nicht aus.»

Andere kÀmpfen mit persönlichen Krisen. Etwa wenn sie vor Kurzem einen Angehörigen verloren haben oder sich ihre Eltern gerade trennen oder scheiden lassen. 

Der Glaube als Schatztruhe
Sabine Herold hat Kontakt zu allen Armeeangehörigen, Rekruten, Unteroffizieren, Offizieren, Berufsoffizieren. Sie betreut Christen, Konfessionslose, Juden und Muslime. «Es ist wichtig, dass wir Armeeseelsorger fĂŒr alle da sind.» Der Kontakt zur Armeeseelsorge ist sehr niederschwellig. Der direkte Zugang mache vieles möglich, sagt Herold. Was den Glauben angeht, ist es nicht die Aufgabe der Armeeseelsorge, zu missionieren. Doch wenn die Pfarrerin nach ihrem Glauben gefragt wird, ist sie gerne bereit, zu erzĂ€hlen und ihre «Schatztruhe» zu öffnen.

Und am Ende die Gewissensfrage: Wie hat sie es mit der Waffe? Sabine Herold, die im zivilen Leben als Gemeindepfarrerin in Wohlen arbeitet, ist es gewohnt, darauf angesprochen zu werden. Dieses Thema sei unvermeidlich, meint sie. Sinn der Schweizer Armee sei der Schutz und die Verteidigung des Landes. «Dahinter kann ich stehen.» 

Karin MĂŒller, kirchenbote-online, 29. Januar 2020

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