Missbrauchsprävention ist mehr als ein Zusatzthema
«Mutig haben junge Menschen ans Licht gebracht, was über Jahre im Dunklen war. Seit August steht es im Licht, dass in unserer Kirche Menschen Grenzverletzungen erlebt haben. Dem stellen wir uns.» Mit diesen Worten wandte sich Regine Kokontis, Kirchenratspräsidentin der Reformierten Kirche Baselland, im Dezember 2025 in Form eines offenen Briefs an die Öffentlichkeit. «Dem» stellte sich die Kantonalkirche bei der Fokussynode am 15. September in Liestal, die unter dem Thema «Sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch» stattfand.
Missbrauch ist nicht nur ein Reputationsrisiko
Dass Missbrauch auch im Kanton Basel-Landschaft ein Thema ist, zeigte im Sommer 2025 der Fall eines kirchlichen Mitarbeiters im Oberbaselbiet. Er stand vor Gericht, weil er von Konfirmandinnen Nacktfotos gefordert hatte. «Man kann das Thema als Reputationsrisiko sehen, das man schnell hinter sich bringen muss», sagt Stephan Jütte, Leiter Kommunikation bei der evangelisch-reformierten Kirche Schweiz EKS. Die Aufarbeitung der Fälle müsse aber tiefer greifen und eine nachhaltige Veränderung in den Kirchgemeinden mit sich führen. Seelsorge, Pfarrhäuser und Kinder- und Jugendangebote seien wichtige, zugleich aber auch prekäre Räume, weil in ihnen Nähe und auch Abhängigkeit entstehen können. «Die Frage ist: Wie können wir die Kirche so organisieren, dass Menschen möglichst sicher sind? Wie erweisen wir uns ihrem Vertrauen als würdig?»
Verhaltenskodex schützt vor Missverständnissen
Auf diese Fragen geht Judith Borter, Leiterin der Fachstelle Diversität und Bildung der Reformierten Kirche Baselland, in einem Inputreferat ein. «Ein wichtiger Meilenstein für uns als Kantonalkirche war, im Jahr 2019 die Prävention von Grenzüberschreitungen und sexuellen Übergriffen in der Kirchenordnung zu verankern», so Borter. Durch den Paragraf 18 wird Präventionsarbeit zur Pflicht: So müssen etwa alle kirchlichen Mitarbeitenden Sonderprivatauszüge einreichen und an Schulungen teilnehmen. Bei den Schulungen arbeitet die Kantonalkirche eng mit Limita zusammen, der Fachstelle zur Prävention sexueller Ausbeutung. «Das zeigt, dass Prävention kein Zusatzthema ist, sondern zum Selbstverständnis der Kirche gehört.»
Im Sommer 2025 beschloss die Synode der EKS ausserdem, einen Verhaltenskodex in allen Mitgliedskirchen einzuführen, der von allen Festangestellten der Kirchgemeinden unterschrieben werden muss. Die reformierte Kirche Baselland arbeitet derzeit an einem Kodex, der in vier Themenbereiche gegliedert ist: Macht, Nähe und Distanz, Sprache, Rollenbewusstsein und geistlicher Missbrauch. «Er zeigt auf, was Risikosituationen sind und wie sie diese bewusst gestalten können», sagt Borter. «Im kirchlichen Alltag spielen Nähe, Vertrauen und persönliche Beziehungen eine Rolle. Der Kodex soll vor Missverständnissen schützen und als als Nachschlagewerk dienen.»
Missbrauchsprävention ist mehr als ein Zusatzthema